Bestseller Der Zorn der Wölfe vermittelt simple Ideologie


Der Zorn der Wölfe, Titelbild Ausschnitt © Goldmann Verlag
Superlative wecken Zweifel. Sie sollen überzeugen, zumindest überreden – und doch bewirken sie oft nur das Gegenteil. Als „Megaseller“ oder gar als „das erfolgreichste Buch seit der Mao-Bibel“ preisen Presse und Verlag Der Zorn der Wölfe des Autors Jiang Rong (姜戎, Pseudonym) an, das seit 2004 in China für Furore sorgt und seit Anfang 2009 nun auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Ein Buch, das antritt, den Volkscharakter der Chinesen zu erklären: „Ihr Chinesen seid wie die Schafe – ihr habt eine Heidenangst vor Wölfen, darum zieht ihr immer den Kürzeren“, und zugleich eine Therapie verspricht: „Wenn die Chinesen den überkommenen und modrigen Geruch des Konfuzianismus aus ihrer Volksseele schnitten und ein Pflänzchen mit dem Geist des Wolftotems in das entstandene Loch pflanzten, dann gäbe dies in Verbindung mit konfuzianischen Werten wie denen des Pazifismus und des Bildungsideals Anlass zu jeder Menge Hoffnung in China.“
Spätestens seit der letzten Documenta kennen die kulturbeflissenen Deutschen den Pekinger Künstler Ai Weiwei (艾未未), der inzwischen von westlichen Journalisten zum „obersten Dolmetscher seines Landes“ stilisiert wird. Mit seinen unzähligen Interviews, seinen künstlerischen Aktionen und seinem Blog steht er im Westen exemplarisch für das moralische Gewissen Chinas. Soll nun 2009, also in dem Jahr, in dem China das Schwerpunktland der Buchmesse ausmachen wird, mit Der Zorn der Wölfe das Selbstverständnis der Chinesen entzaubert werden? Hier Ai Weiwei, der Chinas Gegenwart kritisch begleitet, für den Alltag und die Mühen der Ebene; dort für das große Ganze Jiang Rong, der über den historisch verwurzelten Volksgeist der Chinesen Auskunft gibt und verlautbaren lässt, dass China ohne den Mut der Wölfe keine Freiheit und Demokratie erreichen wird.

„Der Zorn der Wölfe“, Titelbild
© Goldmann Verlag
© Goldmann Verlag
Der Protagonist Chen Zhen macht vor, was dem geneigten Leser als Aufgabe mitgegeben wird: Den Geist der Wölfe aus der Lebenssphäre der mongolischen Nomaden herauszulösen und in eine andere Lebenswelt zu übertragen. Genau hierin aber besteht das Kardinal-Problem des Buches. Es propagiert den Export eines bestimmten – überdies übertrieben einseitig dargestellten – Volkscharakters und vergisst dabei, dass sich die sogenannte mongolische Wolfsmentalität nur vor dem Hintergrund des Nomadentums hat entwickeln können. Wenn man, was das Buch ja wortreich vorführt, einen Wolf nicht oder nur um den Preis der völligen Selbstentfremdung zähmen kann, wie soll es dann gelingen, sesshaften Menschen mit dem Ziel der Selbstverbesserung das wölfische Temperament des Graslands einzuimpfen? Anders gesagt: Was sollen Mitglieder von Ackerbau- oder gar funktional ausdifferenzierten und globalisierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften mit dem kleinen Einmaleins des Wolfs anfangen?
Das Buch hat seine Qualitäten, wenn man es als Abenteuergeschichte liest, ja, als epischen Abgesang auf die nomadische Lebenswelt des mongolischen Graslands. Mit ethnologischem Gespür und kenntnisreichem Blick für die Wechselwirkungen von Flora, Fauna und Mensch vergegenwärtigt Jiang Rong, wie aus anthropozentrischer Verblendung ein eingespieltes Ökosystem zerstört und – im wörtlichen Sinne – verwüstet wird.

„Wolfstotem“: Titelbild der
chinesischen Ausgabe
© Changjiang Literature and Art
Publishing House
chinesischen Ausgabe
© Changjiang Literature and Art
Publishing House
Die Attraktivität des Buches im Westen verdankt sich dagegen nicht zuletzt der Tatsache, dass hier eine sozialdarwinistische Moral etabliert wird, die – besonders in Deutschland wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit – als politisch unkorrekt verpönt ist, zu der man sich aber als geistige Entlastung von den ungeheuren Zumutungen der modernen Zivilisation ab und an gerne flüchtet. Dass damit eine interkulturell fragwürdige Exotisierung einhergeht, sei nur kurz angemerkt. Denn den Chinesen bzw. den Mongolen wird ein naturalisierter Volkscharakter (Schafe bzw. Wölfe) zugeschrieben, der zum westlichen Zivilisationsdiskurs konträr steht.
Fazit: Das Wolfstotem sollte man nomadischen Gesellschaften vorbehalten. Alle anderen Gesellschaften mögen es mit Hesses Steppenwolf halten, der als Zwitterwesen zwischen Natur und Kultur hin- und hergerissen ist, oder einfach mit Nietzsche: Der Mensch ist „das nicht festgestellte Tier“.
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist, Universität Chemnitz
Mai 2009
Germanist, Universität Chemnitz
Mai 2009










