Literatur/Sprache

Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert

Ostheimer Literarische Familienbande Buchtitel-Collage
Ostheimer Literarische Familienbande Buchtitel-Collage

Mit der historischen Zäsur von 1989/90 entstand für ostdeutsche Autoren ein starkes Bedürfnis, bisher ausgeklammerte Familiengeschichten in Form von noch fortwirkenden Leidenserfahrungen zu artikulieren. Denn weder gab es in der DDR eine mit Westdeutschland vergleichbare 68er-Bewegung noch eine ähnlich geartete Väterliteratur, in der die Autoren die negative geschichtliche Erblast haben bewältigen können. So bildeten der Zweite Weltkrieg und seine Literarisierung in der DDR ein äußerst heikles Thema, denn die DDR war ihrem Geschichtsverständnis zufolge von den ‚aggressiven imperialistischen Mächten’ in das Lager der ‚friedliebenden sozialistischen Staaten’ übergetreten. Damit hatte sie sich sozusagen von der schuldvollen militaristischen Vergangenheit befreit, die nun allein den Westdeutschen angelastet wurde. Basierend auf der von Alfred Kurella 1957 lancierten These vom Zweiten Weltkrieg als „Zweiweltenkrieg“ (Imperialismus versus Sozialismus) erging an die DDR-Autoren die Aufgabe, die Kriegsliteratur als Teil des antifaschistischen Widerstands zu begreifen und sich darauf zu konzentrieren, wie sich vormals in den Faschismus Verstrickte zu überzeugten Sozialisten wandeln konnten. Bis zum Mauerfall dominierte das Widerstandsnarrativ in der DDR-Literatur; auch konnten wegen der Tabuisierung von Flucht, Vertreibung und traumatischen Kriegserfahrungen die familiären Nachwirkungen von Traumata und die entsprechende Trauerarbeit nur unzureichend artikuliert werden. So war nach der Wiedervereinigung die Zeit reif, um jetzt die mit dem Krieg verknüpften und über Jahrzehnte belastenden Erfahrungen – besonders auch auf literarische Weise – nachzuholen.

„Alte Abdeckerei“ © Fischer Verlag
„Alte Abdeckerei“ © Fischer Verlag
Der Schriftsteller als Erinnerungsarbeiter

Wolfgang Hilbigs 1991 veröffentlichte Erzählung Alte Abdeckerei besteht aus Erinnerungen und Reflexionen eines Ich-Erzählers, der deutliche Züge seines 1941 geborenen und 2007 verstorbenen Autors trägt. Der Text kreist um Kindheitserlebnisse aus der Zeit des II. Weltkriegs bzw. der frühen Nachkriegszeit. So fühlt sich der Erzähler, der von seiner Familie bloß als „ärgerlich aufdringlicher Geist“ und „böser Fluch“ angesehen wird, zum einen „jeden Abend wieder an die einst in unserem Viertel wütenden Kriegsbrände erinnert“. Zum andern versucht er sich die geradezu magische Anziehungskraft der „kriegszerstörten Stätten“ zu erklären, von denen eine Fabrik namens „Germania II“ auf ihn als kleinen Jungen eine besondere Faszination ausübte. Immer wieder sucht er die Nähe dieses Werks, das mit der Produktion von Seife oder „irgendeiner Vorform von Waschmitteln“ beschäftigt war und zugleich als „Inbegriff des Dunklen, Schmierigen, Ungesunden“, als symbolischer Unheilsort der modernen Zivilisationsgeschichte erscheint. Der Erzähler leidet sowohl an dem Desinteresse seiner Familie als auch an der in der DDR vorherrschenden kollektiven Verdrängung der katastrophischen Vergangenheit. Schließlich findet er einen Weg, der Familie und der Gesellschaft zu entgehen, und verwandelt sich vom schweigenden Einzelgänger zum literarischen Erinnerungsarbeiter, der versucht „mit den Toten und Verbannten zu denken, mit den wesenlosen Dingen, mit den Erden, mit Gestein und Flüssen, mit den sprach- und lautlosen Tierwesen“.

„Spiegelland. Ein deutscher Monolog“ © Suhrkamp Verlag
„Spiegelland. Ein deutscher
Monolog“ © Suhrkamp Verlag
Sprache als Herrschaftsinstrument

Der 1956 als Sohn eines SED-Funktionärs geborene Kurt Drawert legte 1992 mit Spiegelland eine Sammlung von thematisch locker miteinander verbundenen Prosatexten vor, die allesamt Teile der Familiengeschichte des Ich-Erzählers wiedergeben. Im Zentrum steht ein von den männlichen Ahnen verkörpertes negatives Deutschlandbild. Der Großvater, der sich als Widerstandskämpfer ausgab, wird als opportunistischer Nazi entlarvt, der nach dem Ende des Dritten Reichs über die „braune Unterwäsche“ einfach „rote Kleidung“ zieht: „In diesem Land, dachte ich, konnte sich jeder seine Unschuld erkaufen, wenn er nur sein Bewußtsein der ideologischen Ordnung überließ, in ihm konnte sich jeder, wenn er sich nur an die sprachliche Verabredung hielt, fast über Nacht in einen Widerstandskämpfer und Antifaschisten verwandeln.“ Drawert demontiert nicht nur den Mythos vom konsequenten Antifaschismus der DDR, sondern zeigt auch, dass eines der wichtigsten Instrumente der SED-Herrschaft eine Herrschaftssprache war, die nur „Illusionsbegriffe“ enthielt und eine „Illusionsrealität“ erzeugte. So verzweifelt der Erzähler daran, dass sein Vater „zwar ein aufgeklärter, an die Kraft der Vernunft glaubender Mensch gewesen ist, aber nicht über ein Wort eigene Sprache verfügte“; er ist „sprachlos gewesen und hat die ganze Sprachlosigkeit der Gesellschaft wiederholt“. Im Namen eines neuen, anderen Sprechens gelte es somit nunmehr, die mit dem Nationalsozialismus und dem Staatssozialismus verbundene „Welt der Väter“ als „herrschende Ordnung, als Sprache, als beschädigtes Leben“ endgültig hinter sich zu lassen.

„Pawels Briefe“ © Fischer Verlag
„Pawels Briefe“ © Fischer Verlag
Vom Kriegskind zur Kritikerin des Sozialismus

In Pawels Briefen, der 1999 erschienenen autobiographischen Familiengeschichte der 1941 geborenen Monika Maron, behauptet die Erzählerin zwar: „Ich bin ein Kriegskind.“ Aber außer „dem fernen Schrecken, wenn eine Sirene heult oder wenn Sylvester das Feuerwerk kracht“, und einigen wenigen Bildern will sie sich kaum mehr an den Krieg erinnern können. Doch als sie 1994 auf ihr unbekannte Briefe ihres – der Herkunft nach jüdischen – Großvaters aus dem Ghetto stößt, rekonstruiert sie einerseits die Geschichte ihrer aus Polen stammenden Großeltern. (Die Großeltern wanderten 1905 nach Deutschland aus, 1942 starb die Großmutter an Krebs, der Großvater wurde von den Nazis ermordet.) Andererseits arbeitet sie sich an der vom Kommunismus geprägten Lebensgeschichte ihrer Mutter ab. (Die Mutter heiratete nach der Beziehung zu dem Kindsvater den späteren DDR-Innenminister Karl Maron und war als Chefredakteurin einer Handelszeitung tätig.) Die Tochter stellt sich die Frage, warum aus ihr eine so vehemente Kritikerin des real existierenden Sozialismus wurde, warum gerade die Kinder führender Parteifunktionäre später als Dissidenten auffielen: „Es lag wohl an der ruinierten moralischen Integrität ihrer Eltern, da kaum jemand auf die Idee kam, ihre Revolte könnte das Ergebnis ihrer Erziehung sein, weil die Kinder das Pathos des antifaschistischen Widerstands ernst genommen haben, während ihre Eltern schon dabei waren, sich aus Widerstandskämpfern in Machthaber zu verwandeln.“ Das Buch, das ein Familienporträt über drei Generationen liefert, lässt einen anhand von exemplarischen Lebensschicksalen nachvollziehen, weshalb am Ende des katastrophenreichen 20. Jahrhunderts sich in Deutschland Mutter und Tochter als – inzwischen für die PDS aktive – Kommunistin und Antikommunistin gegenüberstehen.

„Die Unvollendeten“ © dtv
„Die Unvollendeten“ © dtv
Flüchtlingserbschaft

Mit dem 2003 vorgelegten Roman Die Unvollendeten präsentiert Reinhard Jirgl, Jahrgang 1953, die Geschichte einer sudetendeutschen Flüchtlingsfamilie. Die Familie, die kurz nach dem Krieg Komotau verlassen musste und sich in der Folge in der Altmark ansiedelte, befindet sich gleichsam in einem dreifachen Exil: Die Heimat verloren, in der DDR-Provinz unerwünscht und immer wieder Objekt von willkürlichen Anfeindungen, von ehemaligen, inzwischen in der BRD gelandeten Freunden wegen ihrer vermeintlichen Rückständigkeit verlacht. Der letzte Spross der Familie, der 1953 geboren wurde, liegt nun mit Krebs im Endstadium der Berliner Charité und schreibt – in gewöhnungsbedürftiger Orthographie – an seine Frau seine Lebensbilanz nieder: „Es ist wahr […] –die Großeltern kehren in den Enkeln wieder.“ Zu spät bemerkt der Enkel, dass diese Erkenntnis, wäre sie denn früher gekommen, nicht allein sein Leben entscheidend hätte verändern können, sondern auch sein Verhalten gegenüber seiner Großmutter und seiner Großtante: „Im-Grund brüllte ich gegen mich selber, gegen Das, was ich in=mir wußte von dieser ver!fluchten Bescheidenheit..... die ich von diesen Flüchtlingen geerbt hatte wie nen seelischen Buckel. Daher meine Wut auf sie.– Heute, gleich allen Zuspätkommern, bleibt mir nur das Bedauern, zu diesen beiden Frauen niemals !freundlicher gewesen zu sein.“ Anhand eines Vier-Generationen-Familienschicksals zeigt Jirgl nicht nur die Unabgeschlossenheit der Vergangenheit: „?Nach wie vielen Jahrhunderten wird das 20. Jahrhundert endlich zu-Ende sein, und ?Was kommt ?Wann Danach. Aber: Das 20. Jahrhundert, es hat ja soeben wieder begonnen.....“ Sondern er plädiert auch dagegen, dass die nationalen Vergangenheiten in einer zunehmend globalisierten Welt als nichts anderes denn als Störfaktoren betrachtet werden.

Geteilte Erinnerung

Nach dem Ende der DDR entwerfen ostdeutsche Autoren reihenweise gebrochene Lebensschicksale, die wegen traumatischer Langzeitwirkungen der NS-Zeit und der Geschichtsklitterung der SED-Herrschaft ein mit der Vergangenheit unversöhntes Dasein fristen. So dass im Medium der Familienerinnerungsliteratur eine Trauerarbeit nachgeholt wird, die während der DDR-Zeit tabuisiert war. Es scheint, als ob zwischen Ost- und Westdeutschland weiterhin große Unterschiede im Umgang mit dem Nationalsozialismus gelten, als ob Jeffrey Herfs These von der ‚geteilten Erinnerung’ an die NS-Vergangenheit auch nach der Wiedervereinigung ihre Gültigkeit – zumindest für die Literatur – nicht gänzlich verloren hat.


Genannte Literatur:
Kurt Drawert: Spiegelland. Ein deutscher Monolog, Frankfurt a. M. 1992.
Jeffrey Herf: Zweierlei Erinnerung. Die NS-Vergangenheit im geteilten Deutschland, Berlin 1998.
Wolfgang Hilbig: Alte Abdeckerei, Frankfurt a. M. 1991.
Reinhard Jirgl: Die Unvollendeten, München 2003.
Monika Maron: Pawels Briefe, Frankfurt a. M. 1999.


Teil 1: Väterliteratur - Wie die Kinder der BRD um 1980 mit ihren Vätern abrechnen

Teil 3: Die NS-Familienvergangenheit im neuen deutschen Familienroman

Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009

    Zeichensalat?

    Chinesische Namen werden in der deutschen Sprachversion dieser Webseite auch in chinesischen Zeichen wiedergegeben. Wenn Sie in ihrem Browser keinen chinesischen Zeichensatz installiert haben, werden statt chinesischer Zeichen Kästchen, Fragezeichen oder andere Symbole angezeigt

    litrix.de: German literature online

    Portal zur Vermittlung deutscher Gegenwartsliteratur

    Reiseblog Tina Uebel

    Tina Uebel
    Die Hamburger Schriftstellerin Tina Uebel auf dem Landweg von Hamburg nach Shanghai...