Teil 1: Väterliteratur - Wie die Kinder der BRD um 1980 mit ihren Vätern abrechnen


Der bis heute für das Nachkriegsdeutschland zentrale Bruch im Verhältnis der Generationen vollzog sich mit der Studentenbewegung um 1968. Die 68er waren die Ersten, die sich vehement und in kollektiver Geschlossenheit öffentlich mit der NS-Vergangenheit der Tätergeneration beschäftigten. Erstaunlich nur, dass ihnen die Kritik an ihren Eltern zwar ein privates Motiv für das öffentliche Engagement lieferte, diese Kritik aber kaum als Anlass für eine innerfamiliäre Auseinandersetzung genutzt wurde. Selbst der Generation der Kriegskinder (geboren zwischen 1930 und 1945) angehörend, waren sie nach 1945 den ruinösen Überresten des Dritten Reichs und einem strukturellen Schweige-Tabu ausgesetzt.
Statt jedoch gegen das Schweigen der kriegsbelasteten Eltern vorzugehen, kam es vielmehr zu einer Adoption von universitären Lehrern wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse als ‚unschuldigen’ Ersatzvätern. Zu diesen gehörte auch Alexander Mitscherlich, der mit der gemeinsam mit seiner Frau Margarete verfassten und 1967 erschienenen Aufsatzsammlung Die Unfähigkeit zu trauern entscheidend zu einer Kommunikationsbarriere zwischen den Generationen beitrug. Denn die wirkungsmächtige Diagnose des Buches, die Deutschen hätten um die Millionen von Opfern aufgrund einer Mischung aus Verleugnung, Verdrängung, Schuldabwehr und Selbstmitleid nicht getrauert, wurde von den 68ern als Kampfbegriff zur Anklage gegen die schuldigen Eltern verwendet. So bewirkte die Parole von der „Unfähigkeit zu trauern“, dass die 68er ihre Eltern verurteilten und sich keine generationenübergreifende Gesprächsbereitschaft entwickeln konnte. Erst nach dem Tod der Väter und nachdem die Hochphase der Studentenbewegung einer deutlichen Ernüchterung gewichen war, entstand der dringliche Wunsch nach einer familiären Vergangenheitsaufklärung – nun freilich mit dem schlechten Gewissen, zu Lebzeiten der Väter den Familiendialog verweigert zu haben. Ende der 1970er Jahre schließlich häufen sich literarische Auseinandersetzungen schreibender Söhne und – viel seltener – Töchter mit ihren Nazi-Vätern, in denen die Spannung aus unbewältigten Familienkonflikten und ideologischer Ernüchterung zu einem – wenn auch nur schriftlichen – Austrag kommt.
Späte Revolte

„Die Reise“ © Rowohlt Verlag
Vatersuche

„Suchbild: Über meinen Vater“
© Fischer Verlag
© Fischer Verlag
Problematisches Erbe
Der lange Schatten des toten Vaters – konkretisiert in der Angst, nicht älter werden zu können als der mit 39 Jahren verstorbene Vater – gestaltet den Auftakt der 1980 publizierten Erzählung Abschied von einem Mörder des 1932 geborenen Günter Seuren. Im ersten Kapitel Die Abschussprämie schildert Seuren den willfährigen Aufstieg seines Vaters vom einfachen Arbeiter zum mit Sondereinsätzen betrauten SS-Mitglied. Aus der kindlichen Perspektive erschien die Abwesenheit des Vaters als Versprechen auf eine erfüllte Zukunft: „Ich habe gehofft, eines Tages, wenn er zu den Gewinnern zählte, würde er ein guter Vater sein und alles Versäumte nachholen.“ Doch der seit Ende des Krieges vermisste Vater kehrte nie wieder zurück. Im zweiten Kapitel, überschrieben mit Die Überlebenden, berichtet der Erzähler davon, wie noch sein Erwachsenen-Dasein von den Idealen seines Vaters belastet wird: „Ich fürchte mich vor den Wünschen, die mein Vater hatte.“ Über das Konzept historischer Verantwortung geht Seuren damit entschieden hinaus: Markiert er doch nicht nur die Verantwortung der Nachkommen für das Tun ihrer Väter, sondern legt eindringlich nahe, dass von den Vätern auch ein ideelles, wegen seiner schweren Fassbarkeit gerade oft umso problematischeres Erbe an die Nachkommen weitergegeben wird.
Befreiung vom Über-Ich

„Vaterspuren“ © Brandes Apsel Verlag
An den vier vorgestellten Väterbüchern kann man exemplarisch ablesen, dass die von den Kindern erfahrenen Mangelerscheinungen nicht hinreichend im Rahmen der politischen Proteste kompensiert wurden. Rund zehn Jahre nach dem Höhepunkt der studentenbewegten Abrechnung mit der Nachkriegsgesellschaft reagieren die Väterbücher auf das Bedürfnis, die zum väterlichen Erbe gehörenden Leerstellen, Enttäuschungen und Verletzungen auszuagieren. Erst aus der Hinwendung zum Schreiben resultieren Ansätze zu einer Erinnerungsarbeit, die der sprachlosen Familienvergangenheit versagt blieben.
Genannte Literatur:
Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Eine Erzählung, Kronberg 1979.
Christoph Meckel: Suchbild. Über meinen Vater, Düsseldorf 1980.
Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
Günter Seuren: Abschied von einem Mörder, Reinbek bei Hamburg 1980.
Bernward Vesper: Die Reise. Romanessay, Reinbek bei Hamburg, 1983.
Sigfrid Gauch: Vaterspuren. Eine Erzählung, Kronberg 1979.
Christoph Meckel: Suchbild. Über meinen Vater, Düsseldorf 1980.
Alexander und Margarete Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kollektiven Verhaltens, München 1967.
Günter Seuren: Abschied von einem Mörder, Reinbek bei Hamburg 1980.
Bernward Vesper: Die Reise. Romanessay, Reinbek bei Hamburg, 1983.
Weitere Väterbücher:
Peter Härtling: Nachgetragene Liebe, Darmstadt und Neuwied 1980.
Peter Henisch: Die kleine Figur meines Vaters, Frankfurt a. M. 1975.
Paul Kersten: Der alltägliche Tod meines Vaters, Köln 1978.
Elisabeth Plessen: Mitteilung an den Adel, München 1979.
E.A. Rauter: Briefe an meine Erzieher, München 1979.
Ruth Rehmann: Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater, Berlin 1982.
Jutta Schutting: Der Vater, Reinbek bei Hamburg 1983.
Brigitte Schwaiger: Lange Abwesenheit, Reinbek bei Hamburg 1982.
Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert
Teil 3: Die NS-Familienvergangenheit im neuen deutschen Familienroman
Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Peter Härtling: Nachgetragene Liebe, Darmstadt und Neuwied 1980.
Peter Henisch: Die kleine Figur meines Vaters, Frankfurt a. M. 1975.
Paul Kersten: Der alltägliche Tod meines Vaters, Köln 1978.
Elisabeth Plessen: Mitteilung an den Adel, München 1979.
E.A. Rauter: Briefe an meine Erzieher, München 1979.
Ruth Rehmann: Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater, Berlin 1982.
Jutta Schutting: Der Vater, Reinbek bei Hamburg 1983.
Brigitte Schwaiger: Lange Abwesenheit, Reinbek bei Hamburg 1982.
Teil 2: Nachgeholte Trauerarbeit - Wie die ostdeutsche Literatur nach 1989 traumatische Familiengeschichten erinnert
Teil 3: Die NS-Familienvergangenheit im neuen deutschen Familienroman
Zum Vorwort: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Familienliteratur
Text: Dr. Michael Ostheimer
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009
Germanist, Universität Chemnitz
April 2009










