China: Literarischer Rückblick 2008


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Das vergangene Jahr 2008 war für jeden Chinesen ein Jahr mit Höhen und Tiefen. Das Jahr begann mit einer großen Schneekatastrophe, die sich bis nach Südchina erstreckte, und am 12. Mai ereignete sich bei Wenchuan in der Provinz Sichuan ein verheerendes Erdbeben. Es gab Ausschreitungen von Tibetern in Lhasa, die Olympischen Spiele in Peking und den Melanin-Skandal, der ausgehend von dem Milchpulverkonzern Sanlu in Hebei die Molkereibranche landesweit erfasste. Und dazu kam schließlich noch die aus den Vereinigten Staaten übergreifende globale Finanzkrise. Kurzum, dieses Jahr wird wohl in den Herzen aller Menschen bleibende Spuren hinterlassen.
Viele chinesische Schriftsteller taten es im vergangenen Jahr Journalisten gleich und legten von den erwähnten Großereignissen eindringliche persönliche Zeugnisse ab. Viele Autoren haben aber auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln nachdenklich stimmende „Geschichten“ aus dem China unserer Tage zu Papier gebracht. Einige werden im Folgenden vorgestellt.
Todeshochzeit von Fu Aimao
Grubenunglücke – sie sind heutzutage kaum noch eine Nachricht wert, denn aus den Kohlegebieten erreichen uns regelmäßig Berichte über kleine und große Unfälle. In ihrem Roman „Todeshochzeit“ schildert Fu Aimao (傅爱毛), eine Autorin aus der Provinz Henan, das Schicksal einer Frau vom Land, die, um der Armut zu entrinnen, einen Grubenarbeiter heiratet und damit eine „Wette auf Leben und Tod“ eingeht. Rechnet sie doch damit, nach einem „Zwischenfall“ ihres Ehemanns im Bergwerk durch das vom Minenbesitzer als Entschädigung gezahlte „Witwengeld“ zu Wohlstand zu kommen. Dieser Blickwinkel interpretiert Minenunglücke als ein „Nebenprodukt“ der wirtschaftlichen Entwicklung und nimmt andererseits die Abgründe des menschlichen Wesens in Augenschein.
Die acht Jagdnächte des kleinen Bahnhofs Bujilan von Chi Zijian
Die acht Jagdnächte des kleinen Bahnhofs Bujilan von Chi Zijian (迟子建), einer Autorin aus dem Nordosten Chinas, erzählt von einer viertklassigen Eisenbahnstation weit entfernt von der Stadt im mandschurischen Winter. Die Menschen, die in der Umgebung dieser kleinen Bahnstation leben, versuchen in ihrer isolierten Lebenssituation den Kopf über Wasser zu halten. Vor den Augen des Lesers öffnet sich ein von der modernen Wirtschaft und Zivilisation vergessener Winkel der Welt. In der Ära des rasanten Fortschritts hält der „Zug der Entwicklung“ nicht mehr an der kleinen Station im Grenzland, sondern lässt sie auf dem Abstellgleis zurück. Das Volk der Oronchen, die als wandernde Jäger lebten, wurde von der lokalen Regierung zur Sesshaftigkeit erzogen und hat sich ein für allemal von der Lebensweise der Vorfahren verabschiedet. Nur die in den Bergen zurückgelassenen Alten, die sich dort von der Hirschjagd ernähren, erscheinen als ein letzter schwacher Lichtschein im Schneesturm. Die Schriftstellerin schlägt Alarm, besorgt über eine Wirtschaftsentwicklung, der die traditionelle Kultur zum Opfer fällt.
Nachricht der Schwalbe von Lu Min
Die Nanjinger Schriftstellerin Lu Min (鲁敏) erzählt in Nachricht der Schwalbe in schlichter Sprache von dem Leiter einer ländlichen Grundschule, von einer Dorfschule, die auf den Bau einer öffentlichen Toilette wartet und von einem kleinen Gemüsefeld, das gesetzwidrig bestellt wird. Den Kindern vom Land tut sich hierdurch ein hoffnungsvoller Pfad in die Zukunft auf. Während sich die Sichtweise der Schriftstellerin durch Worte voller poetischer Wärme vermittelt, stellt die Bildung zahlreicher schulpflichtiger Kinder auf dem Land seit langem als ein reales Problem dar, welches nicht ausgeblendet werden kann.
Apostel von Lin Xi
Der Apostel von Lin Xi (林希), einem älteren Schriftsteller aus Tianjin, schildert ein Stück „Kulturrevolutionslegende“: Ein alter Arbeiter hat sein ganzes Leben benötigt, um zu beweisen, dass er ein Proletarier ist, aber durch den Wandel der Zeiten ist dieser Status schließlich nichts mehr wert. Lin Xi wurde während der Kulturrevolution im Alter von 19 Jahren als „Element der parteifeindlichen, reaktionären Gruppe um Hu Feng“ angeprangert und für zwei Jahrzehnte zur Umerziehung durch Arbeit in eine Fabrik zwangsverschickt. Sein Rückblick in diesen Abschnitt der Geschichte erfüllt uns Nachgeborene mit tiefem Respekt.
Verführerisches Mondlicht von Wang Anyi
In Verführerisches Mondlicht präsentiert uns die Shanghaier Schriftstellerin Wang Anyi (王安忆) die moderne kosmopolitische Metropole Shanghai. Hinter dem prächtigen Vorhang, den das neue Jahrhundert für die sogenannte „Bourgeoisie“ aufgezogen hat – zwischen Zigarren-Rauchschwaden und dem schweren Duft von Rotwein – trifft die wohl kalkulierte Dekadenz der Männer auf abenteuerlustige Frauen, die sich aushalten lassen. Wie durch ein Guckloch eröffnet sich für den Leser ein lebensechtes Bild der “neuen“ Shanghaier. Dadurch bekommt das „Shanghai“ von heute eine Bedeutung, die weit über den rein geographischen Begriff hinausgeht.
Wer trägt in der Nacht eine Sonnenbrille? von Huang Tulu
In Wer trägt in der Nacht eine Sonnenbrille? entspinnt Huang Tulu (黄土路) aus Guangxi eine absurde Geschichte im Stil der „Avantgarde“: Ein korrupter Beamter, dem die Polizei auf den Fersen ist, sucht in seiner Not Unterschlupf bei einer Prostituierten, deren Freier er einmal war. Er hält den psychischen Druck nicht mehr aus und fühlt sich erst einigermaßen sicher, als er sich zu guter Letzt in der Gebärmutter der Prostituierten versteckt. Die kafkaeske Erzählform veranschaulicht die unerträgliche innere Drangsal eines korrupten Staatsdieners.
Das Dorf Luokan von Yuan Jinmei
Die in den USA lebende Auslandschinesin Yuan Jinmei (袁劲梅) ergründet in Das Dorf Luokan aus einer „metaphysischen“ Warte die Themen Nation, Befindlichkeit der Nationalkultur, sino-westliche Kulturunterschiede sowie Demokratie und Gerechtigkeit. Dabei spiegelt der Einzelfall in ihrer Erzählung immer ein größeres Ganzes. Ausgehend von den Details individuell erfahrener Moral und der Verwirrung über das Erlebte eröffnet sich dem Leser ein größerer gedanklicher Spielraum. Die kritische Betrachtungsweise der Autorin zu Gemeinsamkeiten und Differenzen chinesischer und westlicher Kultur bringt frischen Wind in die literarischen Kreise, in denen gegenwärtig das Narrative den Mainstream bildet. Der Autorin gelingt es mit ihrem Text, durch einen kulturübergreifenden Horizont und allein anhand des winzigen Dorfes Luokan, die fünftausend Jahre umspannende Tradition und Kultur Chinas zu erklären.
Der Rückblick auf diese 2008 erschienenen Werke chinesischer SchriftstellerInnen zeigt, dass diese in ihrer Vielstimmigkeit eine wertvolle Unterströmung in der Welt der Literatur und des Geistes darstellen. Durch ihr unabhängiges Denken schärfen sie unsere Urteilskraft und bringen Innovationen literarischen Schaffens in die Gegenwart ein. In diesem Sinne sei den Autorinnen und Autoren an dieser Stelle aufrichtiger Respekt gezollt.
Anmerkung: Die Reihenfolge der im Text vorgestellten AutorInnen und Werke stellt keine Wertung dar.
Text: Wu Xiaohui
Redakteur der Monatszeitschrift Beijing Literatur
Übersetzung: Julia Buddeberg
Februar 2009
Redakteur der Monatszeitschrift Beijing Literatur
Übersetzung: Julia Buddeberg
Februar 2009










