Beim Meister der Worte - Martin Walser aus der Sicht seines Übersetzers (Teil II)

Huang Liaoyu und Martin Walser, Foto: ML
Wir stiegen in den großen blauen Mercedes Walsers. Einen 300 TD Elegance, Turbodiesel. Der alte Herr chauffierte den Wagen langsam aus dem Parkplatz und unmittelbar nachdem wir auf die schnurgerade Landstraße abgebogen waren, trat er so entschlossen aufs Gas, dass es mich kräftig in den Sitz drückte. Dieser Tritt aufs Gaspedal belegte nicht nur die edle Abstammung des Benz, sondern auch die männlichen Instinkte des über achtzigjährigen Fahrers. Walser legt als Autofahrer Wert auf PS, Geschwindigkeit und Kontrolle, deshalb wählte er, nachdem er sich von Mittelklassewagen wie VW, Fiat, Renault oder Citroën verabschiedet hatte, einen Mercedes, was ihm früher einmal Vorwürfe einbrachte. Seine noch jugendlich-unreifen, von linken gesellschaftlichen Tendenzen beeinflussten Töchter waren der Ansicht, ein Mercedes Benz sei ein Auto für Bonzen und Spießbürger. Der Daimler ihres Vaters war ihnen so peinlich, dass sie sich weigerten mit dem Mercedes in die Schule gefahren zu werden. Mittlerweile sind aus den vier Mädchen drei Autorinnen und eine Schauspielerin geworden. Sie haben sich mit dem Mercedes angefreundet und verstehen den Papa. Wie erst muss der Benz aber bei Außenstehenden ankommen, wenn schon die eigenen Töchter einst so heftig reagierten. Glücklicherweise treffen die kritischen Stimmen Walser nur selten hinter dem Steuer seines Mercedes an, denn nachdem er auf den Benz umgestiegen ist, fährt er nicht mehr mit dem Auto zu Veranstaltungen. Womöglich würde ihm der große Mercedes als rechtskonservatives Gedankengut ausgelegt werden, als ein weiterer unumstößlicher Beweis seines bürgerlichen Lebenswandels. Würden aber die Mäkler einmal in Walsers Limousine Platz nehmen und sich umsehen, wäre ihrer Kritik wohl der Wind aus den Segeln genommen. Zumindest erinnert Martin Walsers Mercedes absolut nicht an den properen, blitzblanken Benz eines Kapitalisten. Das Wageninnere ist übersät von Laub, Erde und botanischen Überresten – ein Verdienst seines vierbeinigen Freundes Bruno.
Nach einer gut halbstündigen Fahrt entlang des nördlichen Bodensee-Ufers erreichten wir schließlich Nussdorf und das Zuhause Walsers. Ohne Übertreibung ein weltliches Elysium, in der die zweistöckige Villa des Meisters in nord-südlicher Ausrichtung liegt. Im Norden grenzt sie an ein ruhiges Sträßlein. Die Privatgarage ist von dem Weg noch einmal durch eine beinahe zehn Meter breite Pufferzone abgesetzt. Da der Garten durch Bambushaine und diverse Büsche umsäumt und eingegrenzt ist, ist von den Nachbarn zu beiden Seiten kaum etwas zu sehen, geschweige denn zu hören. Im Süden blickt die Villa auf den Bodensee. Sitzt man auf der Terrasse vor dem Haus, genießt man unmittelbar den Ausblick auf den Garten sowie auf die grüne Hügellandschaft am anderen Ufer des Sees. In der Ferne aber blickt man in die Alpen. Die Blumen, Gräser und Bäume der Walsers werden allesamt aus dem Bodensee gewässert, der der Familie zugleich als natürlicher Privatpool dient. Wenn es heiß ist, springt Martin Walser täglich ins Wasser. Die Idee, den Bodensee zu durchschwimmen, ist ihm nie gekommen, er sieht sich nicht als Übermensch. Sobald er über die seichten Stellen hinaus ist, hält er sich immer parallel zum Ufer und nimmt die Uferkulisse mit ihren Gebäuden als naturgegebene sportliche Markierungen.
Seine Arbeitsräume sind im Erdgeschoss und der zweiten Etage untergebracht, egal von wo man aus dem Fenster sieht, schweift der Blick über blaues Wasser und grüne Hügel. Es ist immer ein Blick in die Ferne und in die Weite, immer eine internationale Aussicht. Gen Süden geht der Blick in die Schweiz, guckt man nach links, liegt dort Österreich, und bewegt man das Auge nach rechts, so lässt sich mit ein bisschen Fantasie bis nach Frankreich blicken. Den Bodensee umgibt eine liebliche Landschaft, die von mildem Klima gesegnet ist. Nichts gemahnt an die von Schnee, Nebeltagen oder traurigem Himmel getrübten deutschen Lande. Nicht gerade der passende Ort sich ein Wintermärchen auszudenken oder ihm zu lauschen. Die Region um den Bodensee, der auch gerne das „kleine Mittelmeer“ genannt wird, ist die typisch malerische Seenlandschaft vor einer Bergkulisse. Dies ist auch der Grund, weshalb Uwe Johnson, ehemals Vizepräsident der Akademie der Künste in Berlin und Schriftstellerfreund von Martin Walser, ihm einmal geraten hat, nach Berlin umzusiedeln. Wie andere Kunst-Asketen auch, war Johnson der Meinung, dass die angenehme und beschauliche Gegend dem schriftstellerischen Schaffen nicht zuträglich sein könne. Dagegen finde man in einer den Sinnen und dem Leben feindlich gesinnten, unnahbaren, jedoch erhabenen, oder anders gesagt, in einer majestätischen Natur erst die Quelle der Inspiration. Walser jedoch ist die südliche Landschaft und Atmosphäre vertraut. Nur schwerlich könnte er sich mit den rauen Gefilden und dem ungemütlichen Kontinentalklima Berlins, oder vielmehr Preußens, anfreunden, weshalb er dem Rat des Freundes nicht gefolgt ist. Andererseits hängt er auch nicht wie andere Deutsche, insbesondere die Intellektuellen, an Italiens immer strahlender Sonne und dem ewigen Glanz von Renaissance und Aufklärung. Walser zieht es öfter in die Schweizer Berge als an die Strände Italiens. In Graubünden hat er sich einen gemütlichen kleinen Landsitz geschaffen. Im angestammten Alemannisch-Schwäbischen fühlt er sich wohl wie ein Fisch im Wasser. Diese Region hat auch seine zwei Lieblingsschriftsteller hervorgebracht: Den schwäbischen Dichter Hölderlin und den Schriftsteller Robert Walser, dessen Roman Jakob von Gunten er nach eigenem Bekunden nicht weniger als zwanzig Mal gelesen hat. Sein eigenes Werk scheint also fest in „deutschem“ Boden zu wurzeln und atmet die Tiefe und Mystik des deutschen Waldes.
Walser braucht den Wald. Der idyllisch am Ufer des Bodensees wohnende Schriftsteller gibt sich nicht zufrieden mit den Blumen und Bäumen rund um das Haus, mit dem Blick über Wasser und Berge. Er muss in den Forst eintauchen. Der Wald bedeutet für ihn Gesundheit, Freude und Inspiration. Deshalb fährt er jeden Mittag fünf, sechs Kilometer, um in dem urigen „Scheinbuchenwald“ zu laufen oder mit dem Hund Spazieren zu gehen, begleitet von seiner Frau oder einer Tochter sowie seinem Hund Bruno, einem Appenzeller Sennenhund, der vom gegenüber liegenden Ufer des Bodensees stammt. Bruno ist sogar ein wenig berühmt, denn er war zusammen mit seinem Herrn in einer Zeitschrift abgebildet und in dem kürzlich erschienenen Buch Musen auf vier Pfoten, Schriftsteller und ihre Hunde ist er mit seinem Besitzer ebenfalls ganz vorne mit dabei. Sein Herrchen beginnt den Text mit den Worten: „Nach einiger Erfahrung mit Hunden halte ich es für möglich, dass wir von Tieren soviel lernen können wie sie von uns.“
Da selbst eine hereinbrechende Katastrophe Walser nicht von seinem mittäglichen Waldlauf abhalten könnte, ändert auch die Anwesenheit eines Gastes nichts an dieser eisernen Regel. So wurde ich während meines dreitägigen Besuchs bei der Familie Walser zum selbstverständlichen Begleiter von Walsers Läufen. Jeden Tag gegen halb eins führte uns der Meister zur Garage. Tochter Johanna übernahm die Aufgabe, den Wagen rückwärts aus der Garage zu dirigieren, denn die Büsche am Wegrand nehmen dem alten Herrn ein wenig die Sicht. Nachdem der Wagen Fahrt aufgenommen hatte, fing der Meister an, mir von Land und Leuten zu erzählen, wobei er gerne weiter ausholte. Als er beispielsweise vom berühmten Kloster Birnau sprach, und ich ihn fragte, ob er gläubig sei, bekundete er, Katholik zu sein, fügte aber sofort hinzu: „Obwohl Böll wie ich Katholik war, unterscheiden wir uns in einem wesentlichen Punkt. Er war aus der Kirche ausgetreten, ging aber trotzdem jeden Tag zur Messe. Ich bin nicht ausgetreten, aber in die Kirche gehe ich niemals.“
In der Ruhe des Waldes angekommen, stellten wir unser Gespräch automatisch ein, und verfielen dafür schweigend in einen schnellen Schritt, beziehungsweise einen langsamen Trab. Bruno lief uns den Weg weisend voraus, wobei er mit seiner Hundenase die vielfältige Geruchswelt erkundete. Der Meister und ich liefen Schulter an Schulter. Er langsam joggend, ich walkend. Ich bin eigentlich kein Freund des Walkens, sondern ein Hobby-Langstreckenläufer mit Suchtpotential. Durch Wiesen und Wälder zu laufen, kommt für mich höheren sportlichen Sphären gleich. Aber nun war ich die Eskorte Walsers und sollte mit ihm Gleichschritt halten. Walser bekommt beim Jogging einen roten Kopf und ist schweißüberströmt, doch er läuft wie ein Profi mit gekonntem Atmungs- und Bewegungsablauf. Der deutsche Wald ist nicht vom sirrenden Chor der Zikaden erfüllt, man hört nur ab und zu ein Vogelzwitschern, weshalb man den Widerhall des Atems und der Schritte beim Laufen deutlich vernehmen kann. Walser ist aufs Höchste konzentriert, man sieht sofort, dass er zu den Joggern gehört, die mit Leib und Seele dabei sind. Aber solch ein Enthusiasmus wird auch leicht zum Stolperstein, wenn die konzentrierte Hingabe zur geistigen Abwesenheit verleitet. Im letzten Herbst übersah Walser, ins Laufen versunken, einen quer über den Weg liegenden mächtigen Ast, stürzte zu Boden und schlug sich Stirn und Nase blutig. Jedoch sorgte er dafür, dass sein Blut nicht umsonst geflossen war. Zuhause angekommen wurde die Episode sofort in seinen Goethe-Roman, den er gerade in Arbeit hatte, aufgenommen. Wie er gefallen war, so fiel jetzt Goethe, seine Verletzung trug nun Goethe davon.
Für mich bestand die magischste Erfahrung meiner dreitägigen Waldläufe in nichts Geringerem als der Begegnung mit einem Reh. Es passierte am ersten Tag. Walser hatte den blauen Mercedes eben am Waldrand geparkt, als er weiter vorne etwas bemerkte und Johanna anwies, Bruno gut festzuhalten. Bei näherem Hinsehen erblickten wir das Reh, das etwa hundert Meter entfernt mitten auf dem in den Wald führenden breiten Weg stand und zu uns herüber sah. Einen Moment stand uns das Reh Auge in Auge gegenüber, dann verschwand es im Wald. In dieser Gegend gibt es in den Wäldern zwar viele Rehe, doch hat man nur sehr selten das Glück, eines zu Gesicht zu bekommen. Sich an die ungewöhnliche Begebenheit am Friedrichshafener Flughafen erinnernd, die erst wenige Stunden zurücklag, wiederholte Walser mit einem Seufzen, dass das heute doch ein besonderer Tag sei. Ich bin gegen jeglichen Mystifizierung von Natur aus immun. Aber nun kollabierte mein Abwehrsystem durch die Erscheinung eines Rehs. Nicht nur stimmte ich der Theorie des alten Herrn von einem „besonderen Tag“ aus ganzem Herzen zu und erkannte an, dass das Auftauchen des Rehs mit meiner Ankunft unbedingt zusammenhängen müsse. Ich hatte sogar das Gefühl, ich wäre das Reh. Dieses Hirngespinst rührte daher, dass ich mich von der Lektüre Ein liebender Mann zu sehr hatte fesseln lassen. In dem Roman gibt es einen jungen Literaten, der sich nach seiner Wallfahrt zum Literaturpapst Goethe in eine Euphorie hineinsteigert, in der er sich mit einem Reh vergleicht und Goethe mit einer königlichen Boa constrictor, welche das Reh freundlich empfängt. Meinem Kopf hatten sich „das Reh und die Boa constrictor“ als die klassische Szene einer Star-Verehrung eingeprägt. Glücklicherweise sollte meine Immunabwehr nicht dauerhaft lahm gelegt bleiben. Am dritten Tag, dem Tag meiner Abreise, bestellte ich eigens Reh als ich mit der Familie Walser in einem Restaurant zu Mittag aß. Lauthals verkündete ich dabei den Grund meiner Speisewahl: „Die Boa constrictor ist an meiner Seite“, denn Walser saß zu meiner Linken. Alle lachten aus vollem Halse. Das Reh im Forst hatte meiner Bodensee-Reise etwas Magisches und Poetisches verliehen, und eben diese Magie und Poesie löste sich in der fröhlichen Runde in Luft auf.
Walser ist kein Asket. Obwohl, oder eben gerade weil er der Kunst sklavisch dient und dem künstlerischen Schaffen in seinem Leben den höchsten Stellenwert einräumt, achtet er auf sich, hält an seiner sportlichen Aktivität fest, sorgt dafür, dass er gut lebt, schön wohnt, ein gutes Auto fährt und außerdem sein leibliches Wohl nicht zu kurz kommt. Martin Walsers Lebensphilosophie ist eigentlich sehr typisch. Relativ viele Künstler und Autoren haben diese Haltung. Der erste Künstler, welcher diese Dialektik von Askese und Luxus klar formuliert hat, war wahrscheinlich Wagner. Er folgte der Logik, dass er nur noch als „Künstler“ leben könne und er als ganzer Mensch in dem „Künstler“ aufgegangen sei. Deshalb kann „Ich (...) mich nicht auf Stroh betten und mich am Fusel erquicken: ich muss irgendwie mich geschmeichelt fühlen, wenn meinem Geist das blutige schwere Werk der Bildung einer unvorhandenen Welt gelingen soll…“.
Auch Thomas Mann befürwortete diese Lebensphilosophie. Vor dreißig Jahren hat Walser diesen Ansatz heftig kritisiert. Später, er war inzwischen zu einem wichtigen Bannerträger der bundesrepublikanischen Literatur geworden, hat er seine Einstellung revidiert. Er verfügte nun über die Vorraussetzungen und das Kapital, dieser „Kompensations-Theorie“ oder nennen wir sie „Lehre von der Balance“ anzuhängen. Als Besucher der Familie Walser profitiert man natürlich auch von diesem Sinneswandel. Gast in seinem Hause zu sein, und dort zu essen, verschafft höchste Genüsse – Für Speis` und Trank ist reichlich gesorgt, und alles schmeckt. Größtes Vergnügen bereitet Walsers vollendetes Auftreten, mit dem er sich als Herr des Hauses alter Schule zeigt. Wird zuhause gegessen, lässt Walser, der sich weder in der Küche einmischt, noch den Tisch deckt, es sich nicht nehmen, sich, nachdem alle Platz genommen haben, feierlich zu erheben. Erst das Hauptgericht, dann die Beilagen, serviert er den Versammelten das Essen und gibt dem Gast dabei konsequent den Vorzug: Der Geladene bekommt die erste Portion, er bekommt einen Nachschlag und von allem das Beste. Auch bei Kaffee und Kuchen legt er dem Gast immer noch ein Stück mehr auf den Teller. Mir, der ich immer gedacht hatte, solche Gastfreundschaft könne es nur bei einfachen Leuten in abgelegenen Dörfern geben oder in Konfuzius` Landen vor der Neuen Kulturbewegung (1915-1919, Anmerkung der Übersetzerin), wurden die Augen geöffnet. Aber auch beim Essen im Restaurant zeigt er sich als ein liebenswürdiger Gastgeber und das Oberhaupt der Familie. Den um den Tisch versammelten Menschen widmet er sich zuvorkommend und aufmerksam. Seine Töchter, die beruflich mittlerweile sehr erfolgreich sind, sowie seine Schwiegersöhne ließen sich Walsers Fürsorge und Dienstbeflissenheit gerne gefallen. Mich, den Gast, respektierte er in meinen geschmacklichen Vorlieben sowie in meiner Speisenwahl. Zugleich unterließ er es nicht, mir, entsprechend der allgemein gültigen ethischen Regel, Was du nicht willst, dass man dir tu' das füg' auch keinem andern zu, die lokalen Spezialitäten zu erklären und ans Herz zu legen. So riet er mir beispielsweise, nachdem ich mich für ein Hauptgericht entschieden hatte, zu „Bubenspitz“ als Nudelbeilage. Weder hatte ich das schon gegessen, noch davon gehört, aber da es mir vom Meister empfohlen wurde, wollte ich es probieren. Nachdem das Gericht serviert worden war, lächelte Walser über das ganze Gesicht: „Hat das nicht etwas vom spitzen „Zipfel“ eines zwölfjährigen Jungen?“ Erst da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: War „Bube“ nicht ein anderer Ausdruck für Junge? Und auch die Bedeutung von „spitz“ wurde nun offensichtlich. Dass ich als Literaturschaffender mich so unsensibel für die Sprache gezeigt hatte, ich wäre ich am liebsten in einem Mauseloch verschwunden.
Mein dreitägiger Besuch bei den Walsers war eine große Freude, ich habe ihn genossen und empfand ihn als sehr bereichernd. Immer nach dem Frühstück und dem Mittagessen folgte ich dem Meister, der über der Schulter eine abgegriffene Ledertasche mit Unterlagen aus seinem Arbeitszimmer im Erdgeschoss trug, durch einen Korridor und eine Treppe hinauf (das Haus hat einen ungewöhnlichen Grundriss) in seine Dachstube im zweiten Stock zu „Arbeitsgesprächen“. Wir beredeten dort viele „gewichtige Dinge“ und kamen zu guten Resultaten. Die wichtigste Ausbeute war aber, dass Walser die gemeinsame Einladung der Peking Universität und des Goethe-Instituts annahm und für Ende Oktober seinen Besuch in China zusagte. Er fing sogleich an, sich gewissenhaft auf seine erste China-Reise vorzubereiten. Seit langer Zeit erwarten wir seinen Besuch in China, denn von den Großen der zeitgenössischen deutschen Literatur ist allein er noch nicht nach China gekommen. Böll war da, Grass war da und auch Reich-Ranicki. Sie haben das Reich der Mitte schon Ende der siebziger Jahre besucht. Zu jener Zeit, als China viele Versäumnisse nachzuholen hatte, blieb der Austausch der deutschen Gästen mit der chinesischen Literaturwelt, einschließlich der auf deutsprachige Literatur spezialisierten literarischen Kreise, äußerst beschränkt. Mit dem Ergebnis, dass sie, so schnell sie gekommen waren, auch schon wieder verschwanden. China hinterließ bei ihnen keinen besonderen Eindruck. Walsers späte Ankunft liegt vielleicht in der Vorsehung des Himmels. Die Zeit ist günstig für ihn; sie ist auch günstig für uns. Er ist durch und durch Künstler, ein Mensch mit Charakter. Er besucht keine Länder, in denen man seine Werke nicht kennt, und erträgt auch nicht den Anblick weitverbreiteter Armut. Dass er seinen Besuch zugesagt hat, zeigt, dass er weiß oder spürt, dass das, was wir wirtschaftlich und literarisch erreicht haben, seiner Prüfung Stand halten wird. Es zeigt, dass er dem fremden China bereits zugetan ist. In der Kenntnis meiner bevorstehenden Heimreise schloss der Meister seine E-Mail mit dem Satz: „Guten Flug ins Immer-noch-Reich der Mitte.“ Als ich das las, verneigte ich mich in Dankbarkeit innerlich vor ihm. Was könnte für mich kostbarer, prägnanter, einfühlsamer, ja sogar von größerem politischen Gewicht sein als dieser Abschiedssegen? Einen „guten Flug“ zu wünschen, kommt jedem über die Lippen, und es ist ein gängiges Wortspiel, China als „Reich der Mitte“ zu bezeichnen. Aber wer würde wie Walser auf die Idee kommen als Tüpfelchen auf dem „I“ ein „immer-noch“ hinzuzufügen? Wenn wir diesen Satz des Meisters im Herzen behalten, können wir den unüberlegten, antichinesischen Meinungsäußerungen, welche die deutschen Medien durchziehen, mit einem Lächeln begegnen. Schätzt man die Tragweite eines Ausspruchs ab, so kommt es nicht nur darauf an, was wie gesagt wurde, sondern auch, wer es gesagt hat. Wer ist Walser? Diese Frage lässt man sich am besten von Cicero, dem deutschen Magazin für politische Kultur beantworten. Auf der Rangliste der einflussreichsten deutschen Intellektuellen, die Cicero im Jahr 2007 veröffentlichte, stand Walser auf Platz zwei, gleich hinter Papst Benedikt XVI.
Nachdem meine Wallfahrt an den Bodensee abgeschlossen war, schrieb ich Walser, um mich bei ihm und seiner Familie für die ganz besondere und überaus herzliche Gastfreundschaft zu bedanken. Seine knappe Antwort traf ins Schwarze. Damals waren die Olympischen Spiele in Peking gerade in vollem Gange. Der einfühlsame Walser wusste, was sich die Chinesen am meisten erhofften und schrieb einen Satz, den ich mir unbewusst herbeigesehnt hatte: „Sie haben die Gast-Goldmedaille gewonnen bei uns!“ Der zweite und letzte Satz der E-Mail lautete: „Ich freue mich auf meine Reise nach Peking.“ Diese Ankündigung weckt Vorfreude, aber sie lässt einem auch keine Ruhe, denn wir stehen vor der wichtigen Aufgabe, den Meister als Gast zu empfangen. Um entsprechende Vorbereitungen zu treffen, fragte ich Martin Walser nach seinen besonderen Wünschen, worauf er antwortete: „Egal was Sie mir dann zuteilen, wird als Geschenk erlebt!“ Ich erkundigte mich weiter, wie es mit seiner Frau stehe. Die Antwort fiel noch unkomplizierter aus: „Sie ist mit mir wunschsynchron.“ Die Worte des Meisters haben mir nicht nur eine Last von der Seele genommen, sie wecken in mir die Lust, ihm schon im vor hinein die „Gast-Goldmedaille“ zu verleihen.
Beim Meister der Worte - Martin Walser aus der Sicht seines Übersetzers (Teil I)
Die chinesische Version des Textes erschien im Oktober 2008 in der Kulturzeitschrift "Wen Jing".
Text: Huang Liaoyu
Dekan der Deutschabteilung an der Peking Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008
Dekan der Deutschabteilung an der Peking Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008










