Literatur/Sprache

Huang Liaoyu (黄燎宇) besucht Martin Walser

Martin Walser und Huang Liaoyu
Huang Liaoyu und Martin Walser, Foto: MLHuang Liaoyu und Martin Walser, Foto: ML

Ich betrachte mich als einen vom Glück gesegneten Übersetzer. Dass ich der Übersetzer von Martin Walser bin, macht mich noch einmal besonders glücklich. Für das Glück eines Übersetzers müssen meiner Meinung nach mindestens die folgenden Bedingungen erfüllt sein. Erstens: Man muss das Werk, welches man übersetzt verstehen, man muss Freude daran haben, und eine Perspektive für das Buch erkennen. Zweitens: Das Werk muss einem beim Übersetzen ermöglichen, sein Wissen zu erweitern, Denken zu lernen und sich im Formulieren zu üben. Drittens: Der Autor, den man übersetzt, versteht es zu leben, weiß, was sich gehört und behandelt seinen Übersetzer gut und gleichberechtigt. Der vierte Punkt ist der entscheidende: Der Schriftsteller ist einem als Mensch auf Anhieb so vertraut, dass man es bedauert, ihm nicht schon früher begegnet zu sein.

Vor einigen Jahren übersetzte ich Martin Walsers Tod eines Kritikers. Ich hatte Spaß daran, die Übersetzung floss leicht aus der Feder und hatte am Ende auf mich beinahe den Effekt eines Gehirnjoggings, oder einer Kur für den Geist. Nun sitze ich an der Übersetzung des Buches Ein liebender Mann, das im März 2008 erschienen ist. Der Roman verarbeitet die überlieferte Passion des alten Goethe für das Fräulein von Levetzow zu einem Abgesang auf die Liebe. Ende Februar las Walser in Weimar zum ersten Mal ausgewählte Passagen aus seinem Roman und zog ein auserlesenes Publikum, darunter auch den deutschen Bundespräsidenten, in seinen Bann. Auch ich war hingerissen. Als ich das Buch in meinem Zimmer las, schlug ich immer wieder vor Begeisterung mit der Hand auf den Tisch, dann wieder erhob ich mich unwillkürlich und genoss das ästhetische Vergnügen im Zimmer auf und ab gehend. Durch meine persönliche Begegnung mit Martin Walser erfuhr ich, dass er sich nicht nur mit großer Aufmerksamkeit dem „Erzeuger seines Schattens“ zuwendet – in Walsers Goethe-Roman vergleicht eine Dichterin die Übersetzung mit einem „Schatten“ des Originaltextes – Walser gehört darüber hinaus zu jenen Schriftstellern, die auch außerhalb ihrer Werke Weisheit und Poesie verströmen. Es ist notwendig, dies besonders zu betonen. Gibt es doch Schriftsteller, die in ihren Werken brillant und voll Wärme, poetisch und klug erscheinen, die aber im Leben an Farbe verlieren und uns ernüchtern. Wie Blut saugende Fledermäuse haben sich ihre Texte über sie her gemacht und ihnen jegliche Vitalität und Inspiration entzogen. Solche Autoren sollte man lieber von weitem zu betrachten. Auf Walser aber lohnt sich der Blick sowohl aus der Ferne als auch aus der Nähe.

Mit der Übersetzung von Tod eines Kritikers begann ich im Jahr 2002. Das Glück, Walser persönlich kennen zu lernen, wurde mir erst 2008 beschieden. Zähle ich die dazwischen liegende Zeit an den Fingern ab, regt sich in mir das Bedauern, viele Jahre zu spät gekommen zu sein. Aber ich lasse mir diese Reue nicht zur Last werden. Vielmehr vertraue ich darauf, dass sich im Dunkeln die Vorsehung zeigt; darauf, dass der Himmel schon seine Gründe dafür hat, dass er mich zum jetzigen Zeitpunkt mit dem Meister zusammenführte. So weit, so gut, zum Jahreswechsel 2008 stand der E-Mail-Kontakt zwischen mir und dem Meister allmählich unter einem guten Stern, und das, weil sich an meinem Namen die Gunst der Stunde vollzog. Es war Dieter Borchmeyer, Professor für Germanistik an der Universität Heidelberg und Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, welcher den Draht zwischen Walser und mir zum Glühen brachte. Über Borchmeyer erfuhr ich, dass Walser mein Name Liaoyu gefalle, da sich darin „kein böser Konsonant“ verstecke. Diese Art des Meisters, genau das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich meint, hat mir große Hochachtung abverlangt. Tatsächlich mag es Walser nicht anders als vielen Deutschen ergehen, die an die zahlreichen Konsonanten in ihrer Muttersprache gewöhnt sind und ein Liaoyu nur mit Mühe über die Lippen bringen. Aber wie vornehm und diplomatisch hatte Walser das Unwohlsein seiner Stimmorgane zum Ausdruck gebracht. Im Überschwang meiner Begeisterung bedankte ich mich bei Martin Walser per Mail umgehend dafür, dass er eine so große Toleranz gegenüber meinem konsonantenarmen Namen gezeigt habe. Weiter schrieb ich ihm, dass dieser Name, in dem sich die Vokale übermäßig konzentrieren, voll von revolutionärem Enthusiasmus stecke, bedeute er im Chinesischen doch so viel wie „Weltbrandstifter“ (燎宇). Der Meister reagierte darauf in seiner folgenden Mail mit einem P.S., ich hätte vielleicht davon gehört, dass Herr Bubis ihn im Herbst 1998 einen geistigen Brandstifter genannt habe. Zum Weltbrandstifter habe es bei ihm noch nicht gereicht.

Natürlich hatte ich davon gehört. In einem Aufsatz, in dem ich Walser als „Persönlichkeit auf dem Wellenkamm der Politik“ (“政治浪尖人物”) sowie „Persönlichkeit im Sturm der Politik“ (“政治风云人物”) thematisierte, hatte ich die Worte Bubis zitiert. Interessanterweise wurde in der vor kurzem erschienenen Übersetzung des Textes entsprechend der deutschen Sprachgewohnheit aus „Persönlichkeit auf dem Wellenkamm der Politik“ sowie „Persönlichkeit im Sturm der Politik“ nun ein „Ein Reiter auf politischen Wellen“ sowie „Ein Erzeuger politischer Gewitter“, was sich entsprechend wieder ins Chinesische rückübersetzen ließe. Mit anderen Worten: Im Chinesischen wären die Formulierungen „Ein Reiter auf politischen Wellen“ sowie „Ein Erzeuger politischer Gewitter“ dann nichts anders als ein transformierter Re-Import des ursprünglichen Wortlauts von „Persönlichkeit auf dem Wellenkamm der Politik“ und „Persönlichkeit im Sturm der Politik“. Auch der oben zitierte „Weltbrandstifter“ (宇宙纵火犯) ist ein transformierter Re-Import, der ursprünglich bei dem chinesischen “aus einem Funken kann ein Weltenbrand (Liaoyu 燎宇) entstehen “ seinen Ausgang nahm. Für mich als Übersetzer und Sprachliebhaber sind diese lingualen Wandlungen äußerst erhellend und lassen mich die Frage nach einer sprachlichen Strategie aufwerfen. Ließe sich durch derartige Re-Importe unser nationaler Sprachschatz nicht auf schnellem und effektivem Wege bereichern?

Anfang Juli 2008 fuhr ich in die Pfalz, um in Edenkoben an der von der Robert-Bosch-Stiftung organisierten Übersetzerwerkstatt teilzunehmen. Just zur selben Zeit fand an der Universität Heidelberg auch eine Vortragsveranstaltung mit Martin Walser und Prof. Borchmeyer statt. Ich nahm die Einladung nach Heidelberg an und traf den Meister, der mir auf Anhieb wie ein alter Freund schien. Da Walser auf der Vortragsveranstaltung sowie bei dem anschließenden Bankett ständig von Bewunderern umringt war, wir aber beide nur einen Abend in Heidelberg verbrachten, vereinbarten wir ein zweites Treffen. „Ich kann Sie in Berlin besuchen“, meinte er in Kenntnis davon, dass ich für einige Zeit in der Hauptstadt bleiben wollte - „Sie können auch zu mir nach Hause kommen. Dort kann man jederzeit in den Bodensee springen. Halten Sie es ganz wie Sie wollen.“ Da ich Anfang August in Berlin sehr beschäftigt war und Zeit sparen wollte, fragte ich den Meister per Mail, ob er mich nicht in Berlin aufsuchen wolle. Er antwortete mit einer Absage. Er sei momentan gefesselt von der Arbeit an dem Roman, den er im Herbst letzten Jahres begonnen habe. Und im Vertrauen meinte er zu mir, er spüre, wenn er jetzt gleich eine Reise antreten würde, würde ihm das der Roman furchtbar übel nehmen. „Geh jetzt nicht aus dem Haus“, sage er zu ihm. Wenn aber Professor Liaoyu ins Haus käme, würde er sich sehr freuen. Angesichts der Treuherzigkeit, die sich unser viel gerühmter Meister für seine Kunst bewahrt hatte, angesichts seiner treuen und unbeirrbaren Dienerschaft an der Kunst, hatte ich wirklich keine Wahl. Ich konnte nur den Knecht des Dieners geben. Also kündigte ich dem Meister umgehend meine Wallfahrt an den Bodensee an und bat ihn zugleich höflichst, bei seinem Roman anzufragen, wann er mich denn empfangen könne. Ich sei immer willkommen, gab der Meister zurück. So gab ich Bescheid, dass ich, nachdem ich am 8. August in der chinesischen Botschaft mit vaterlandsliebenden Landsleuten die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele verfolgen wolle und schließlich am 9. kommen würde.

Mit bangem Herzen fuhr ich am 9. August in aller Früh zum Flughafen Tempelhof im Berliner Süden. Von dort aus würde ich in das Städtchen Friedrichshafen an den Bodensee fliegen. Beunruhigt war ich, weil ich mir nicht ganz sicher war, ob aus dieser Pilgerreise überhaupt etwas werden würde. Ich befürchtete, ein falsch geschriebener Name könnte mir wieder einmal einen Strich durch die Rechnung machen. Vor etlichen Jahren war ich beim Check-In auf einem chinesischen Flughafen in die Bredouille geraten. Und das, weil der für die Buchung Verantwortliche wie viele Südchinesen die Silben „Huang“ und „Wang“ akustisch nicht unterscheiden konnte und nun in fataler Konsequenz der Name „Wang Liaoyu“ auf meinem Ticket stand. Diesmal rührte meine Unruhe von „Liaoyu“ her. Der Meister hatte in höchster Zuvorkommendheit über ein Reisebüro ein Flugticket für mich gebucht. Jedoch wurde ich von ihm in letzter Zeit immer mit „Herr Liaoyu“ angesprochen, und ich wusste nicht, ob er das absichtlich oder aus Unwissenheit tat. (Was die Schreibweise chinesischer Namen anbelangt, vertrete ich seit jeher einen nationalistischen Standpunkt. Ich unterschreibe grundsätzlich mit „Huang Liaoyu“, weshalb ich von den Deutschen ständig mit „Herr Liaoyu“ angeredet werde.) Die Flugbestätigung, die mir das Reisebüro hatte zuschicken wollen, habe ich nie zu Gesicht bekommen, auch war es mir peinlich, den Meister zu fragen, ob ihm denn klar sei, wie ich mit Nachnamen heiße. So überließ ich es dem Schicksal und erwartete das Urteil am Flughafenschalter. Und - ich kam problemlos durch! Hatte der Meister meinen Namen richtig geschrieben? Hatte der Deutsch-Kubaner am Check-In nicht aufgepasst? Oder sind Kubaner einfach sehr nette Menschen? Fing er doch gleich an, freundlich mit mir zu plaudern, als er meinen volkschinesischen Pass sah und das Olympia-Abzeichen, das ich mir angesteckt hatte. Ich hätte gerne gewusst, wie die Sache sich eigentlich verhielt, wollte aber auch keine schlafenden Löwen wecken.

Zum ersten Mal stieg ich in eine Turboprop-Maschine, mit der ich in weniger als einer Stunde in Friedrichshafen landete. Als ich das Flugzeug verlassen hatte, eilte ich mit ungeduldigen Schritten aus dem Terminal, gespannt darauf, wo der alte Herr auf mich warten würde. „Ich erwarte Sie in Friedrichshafen“, hatte es in der E-Mail nur geheißen. Aus der Halle tretend blickte ich mich nach allen Seiten um, sah Menschen, Autos, an- und abfahrende Busse und Taxis. Von ihm keine Spur. Also blieb mir nichts anderes übrig, als unablässig in alle Himmelsrichtungen Ausschau zu halten. Eine Stunde ging so vorüber. Schließlich setzte ich mich an einen Bistrotisch vor der Terminalhalle, öffnete mein Notebook und suchte nach der Telefonnummer von Herrn Borchmeyer, um bei ihm wiederum die Nummer Walsers zu erfragen (um das Mysterium des Meisters zu wahren, hatte ich ihn bisher nicht um seine Nummer gebeten). Borchmeyer gab mir die Nummer durch und meinte gleichzeitig, dass Walser sehr zuverlässig sei und wohl irgendetwas vorgefallen sein müsse. Als ich gerade Walsers Nummer wählte, war mir, als würde in der Flughafenhalle der Name „Liaoyu“ durchgesagt werden. Instinktiv wandte ich mich um und sah den Meister ruhigen Schrittes auf mich zukommen. Er war pünktlich am Flughafen gewesen, dann jedoch war es zu einer Verkettung ungünstiger Zufälle gekommen. Zunächst war meine Maschine einige Minuten zu früh gelandet. Außerdem besitzt die Wartehalle des kleinen Friedrichshafener Flughafens zwei Eingangstüren, die nicht einmal dreißig Meter auseinander liegen. Während der ältere Herr in freudiger Erwartung durch die eine Tür in die Halle geeilt war, hatte ich sie in freudiger Erwartung durch die andere Tür verlassen. Am ärgerlichsten aber war, dass wir uns beide sehr verbohrt und eindimensional verhalten hatten. Ich war vor dem Eingang gestanden und hatte unablässig nach rechts und links Ausschau gehalten, ohne jemals einen Blick zurück in die Halle zu werfen. Der alte Herr hingegen hielt seine Augen fest auf den Passagier-Ausgang geheftet, und dachte nicht daran, dass er nur den Kopf hätte wenden müssen... Nach einer Stunde waren wir plötzlich zu gleicher Zeit aus unserer Starre erwacht und begrüßten uns nun mit freudigen Unschuldsminen. Dass so etwas an einem so überschaubaren Flughafen wie Friedrichshafen passieren könne, meinte Walser, habe einfach zu bedeuten, dass heute ein besonderer Tag sei.

Beim Meister der Worte - Martin Walser aus der Sicht seines Übersetzers (Teil II)
Text: Huang Liaoyu
Dekan der Deutschabteilung an der Peking Universität
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008

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