Literatur/Sprache

Verleger und "Buchplaner" aus China auf der Buchmesse

Buchmesse 2007 © BIZ Peking© Frankfurter Buchmesse / Fernando Baptista

Vom 15.-19. Oktober 2008 findet die Frankfurter Buchmesse statt. Unverzichtbar für deutsche Verleger, die wissen wollen, wie Chinas Buchmarkt und Literatur aussieht, ist das Buchinformationszentrum in Peking, eines der fünf Auslandsbüros der Frankfurter Buchmesse. Claudia Kort sprach mit dessen Leiterin Frau Dr. Jing Bartz über geplante Aktionen auf der Buchmesse, Chinas Gastlandauftritt nächstes Jahr und den chinesischen Buchmarkt.

CK: Welche Aktivitäten plant das BIZ auf der Frankfurter Buchmesse 2009?


JB: Unser Ziel ist es, China aus vielen Perspektiven zu zeigen. Wir unterstützen also das offizielle Programm der chinesischen Regierung und ihren nationalen Stand, haben daneben aber auch unser eigenes Programm. Eine Besonderheit ist eine 19-köpfige chinesische private Verlegerdelegation mit einem eigenen Stand.

CK: Sie unterscheiden zwischen dem „nationalen Stand“, und dem „Privatverleger-Stand“. Wie muss man sich denn die Verlegerlandschaft in China vorstellen?

JB: China hat noch keinen offenen Buchmarkt, das heißt die 570 offiziellen Verlage sind staatliche Verlage. Trotzdem kommen um die 80 Prozent aller guten Bücher in China von privaten Verlegern, die sich „Buchplaner“ oder „Kulturfirmen“ nennen, da sie ja keine staatliche Lizenz haben. Um eine ISBN-Nummer für ein Buch zu erwerben, müssen sie allerdings mit den staatlichen Verlagen zusammenarbeiten. Einerseits existieren sie überhaupt nicht, andererseits sind sie superaktiv und beleben den ganzen chinesischen Buchmarkt. Für mich sind diese „Schattenverleger“ die echten Büchermacher. Sie arbeiten marktorientiert, kreativ und professionell, sogar in internationaler Hinsicht.

CK: Wie werden die chinesischen Autoren und Verleger in Kontakt mit dem deutschen Buchmarkt treten?

JB: Wir haben eine Informationsveranstaltung über die deutsche Buch- und Verlagsszene für unsere Gäste vorbereitet, zum direkten Kontakt mit größeren deutschen Verlagen wird es in einem Seminar kommen. Referenten vom S. Fischer Verlag, dem Eichborn Verlag, und dem jüngeren Chirstoph Links Verlag kommen und werden ihre sehr unterschiedlichen Verlagsgeschichten erzählen. Umgekehrt werden die chinesischen Privatverleger von ihrer Arbeit berichten.

Dr. Jing Bartz © Bartz
Dr. Jing Bartz


CK:
Und was ist für den nationalen Stand Chinas auf der Buchmesse geplant?

JB: Gezielt für den Gastlandauftritt 2009 bieten wir Veranstaltungen an: Mit „How to buy chinese rights“ informieren wir über spannende chinesische Bücher und Autoren, darüber wie man in Kontakt zu ihnen tritt, oder über nützliche Informationskanäle und Übersetzungsförderungen. Die Veranstaltung „Look at“ lädt dazu ein, den chinesischen Stand zu besuchen, interessante Autoren und Verleger direkt kennen zu lernen oder sich die Buchausstellung anzusehen. Zusätzlich haben wir 80 bedeutende Persönlichkeiten der deutschen Kultur- und Verlagswelt eingeladen. Wir bieten damit eine Plattform für den deutsch-chinesischen Austausch an und hoffen, gemeinsame Initiativen anzuregen. Angesprochen sind natürlich nicht nur Verleger und Autoren, sondern auch Journalisten, Übersetzer, Bibliothekare, Museumsmitarbeiter, oder Unis mit ihren sinologischen Abteilungen.

CK: Sind die Chinesen nach Ihrer Erfahrung neugierig auf deutsche Gegenwartsautoren?

JB: Ich denke, Deutschland wird immer wichtiger, das hat auch die begeisterte Resonanz auf Deutschlands Gastlandauftritt auf der Pekinger Buchmesse 2007 gezeigt. Trotzdem sind Gegenwartsautoren wie Judith Herrmann, Christoph Peters oder Jakob Hein nur wenigen bekannt. Über 40 Prozent der Übersetzungen ins chinesische sind Kinder- und Jugendbücher! Danach kommen schon die Klassiker: Goethe, Schiller, Brecht für das Theater, Thomas Mann, Heinrich Böll und Günter Grass.

CK: Und wie ist es umgekehrt mit Übersetzungen aus dem Chinesischen?

JB: Vor etwa vier Jahren entdeckte die General Administration of Press and Publication (GAPP), dass im Jahr 2004 nur ein einziges chinesisches Buch ins Deutsche übersetzt wurde, während auf der anderen Seite 560 übersetzte Bücher standen! Daraufhin führte die GAPP eine „Going-out“-Politik ein: Chinesische Verlage dürfen nicht nur Lizenzen kaufen, sie müssen auch Lizenzen verkaufen. Der Druck ist enorm. Durch das Gastlandprogramm auf der Frankfurter Buchmesse hoffen wir, dass Verleger und Autoren auch den internationalen Buchmarkt kennen lernen und sich mit den westlichen Diskussionen bekannt machen.

CK: Wie sieht es mit dem Vertrieb von Literatur in dem riesigen Land China aus?

JB: In China werden gute Bücher herausgegeben, und auch die Gestaltung erreicht ein sehr hohes Niveau, aber das größte Problem ist der Vertrieb. Von den 220.000 Titeln, die China jährlich produziert, kann man keinen in einer Buchhandlung bestellen! In China dominiert der Staatsbetrieb „Xinhua“ den Markt. Er besitzt die Buchläden und ist gleichzeitig ihr Großhändler. Das BIZ engagiert sich übrigens auch auf diesem Sektor, indem es Fortbildungsreisen für chinesische Buchhändler nach Deutschland organisiert.

CK: Und wie steht es mit der Zensur?

JB: In den fünf Jahren, die ich hier arbeite, habe ich natürlich überall Zensur erlebt. Aber sie ist „milder“ geworden. Als ich im Herbst 2003 die Leitung des BIZ übernahm, gab es sehr viele Genehmigungsverfahren, bis ein Buch veröffentlicht werden konnte! Viele solcher Hürden sind gefallen. Auch eine offizielle Verbotsliste gibt es nicht mehr, dafür werden Stichproben gemacht. Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Autoren. So kenne ich einen Autor, der vor zwei Jahren ein Buch über Aidskranke in Dörfern veröffentlichen wollte. Das Buch ist verboten worden. Als ich ihn besorgt anrief, sagte er: „Mir geht es gut, mich belästigt keiner! Aber der Chefredakteur des Verlages musste 50 Seiten Selbstkritik üben!“ Das sind für mich Fortschritte.

CK: Wie sehen die deutschen Verleger den chinesischen Buchmarkt?

JB: Sie wissen, dass China zukünftig ein großer Buchmarkt ist und dass man jetzt schon einen Fuß in der Tür haben sollte, auch wenn nicht sofort mit Gewinnen zu rechnen ist. Viele wissen auch, dass es ein wichtiger strategischer Vorteil ist, vor Ort zu sein, um Vertrauen zu gewinnen und wichtige Überzeugungsarbeit zu leisten. Das Wichtigste ist aber: Die Chinesen schätzen die deutsche Kultur sehr hoch, und für sie sind deutsche Bücher unverzichtbar.
Interview/Text: Claudia Kort
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008
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