Literatur/Sprache

Frankfurter Buchmesse 2009: Drei deutschsprachige Verlage und ihr China-Programm

Hans Juergen Balmes © BalmesFrankfurter Buchmesse © Frankfurter BuchmesseChina wird 2009 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Wie bereiten sich gerade deutschsprachige Verlage auf dieses Ereignis vor? Jing Bartz, Leiterin des Buchinformationszentrums (BIZ) Peking der Frankfurter Buchmesse, hat drei Verlage hierzu interviewt.


Lucien Leitess vom Unionverlag aus Zürich

Lucien Leitess Unionsverlag aus Zuerich © LeitessWelche chinesischen Titel haben Sie bereits in Ihrem Programm?

Der Unionsverlag pflegt das Oeuvre von Alai (阿来) und Mo Yan (莫言), daneben stehen Werke von Lao She (老舍) und Wang Meng (王蒙). Besonders stolz und glücklich sind wir über die sechsbändige Werkausgabe von Lu Xun (鲁迅) - einem Autor von ungebrochener Modernität.

Planen Sie neue Bücher chinesischer Autoren für das Jahr 2009, wenn China Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist?

Wir halten uns an diese Regel: Wichtig ist die Kontinuität über viele Jahre hinweg. Also intensivieren wir unsere Editionen bisheriger Autoren auf den Messeschwerpunkt hin, hüten uns aber vor verlegerischen Eintagsfliegen. Wir präsentieren also neue Ausgaben von Alai und Mo Yan, eine neue Anthologie tibetischer Literatur und präsentieren alte und neue China-Titel in einem attraktiven Chinapaket für den Buchhandel.

Welche Kriterien berücksichtigen Sie bei der Titelauswahl der chinesischen Literatur?

Wir wollen ein Autoren-Verlag sein – daher suchen wir, ob in China oder anderswo – nicht so sehr einzelne Bücher als vielmehr Autorinnen und Autoren, deren Oeuvre wir dann über viele Jahre pflegen können. Das heimliche Ziel des Unionsverlags ist es, dass die Autoren, die wir auswählen, in hundert Jahren immer noch oder erst recht geschätzt werden.

Welche Erwartung haben Sie an die Gegenwartsliteratur aus China?

Ich habe nur eine Erwartung: Dass die Literatur alle Erwartungen durchkreuzt. Nur dann ist sie gute Literatur, vital und kreativ. Natürlich haben Leser und Marketingkönige im Westen Erwartungen, wie Literatur aus China auszusehen hat. Diese Form von Hegemonie ist im Grunde reaktionär. Kein wirklicher Autor darf sich ihr unterwerfen.

Welche Art von Unterstützungen wünschen Sie sich, wenn es um die Einführung bzw. Entdeckung chinesischer Literatur im deutschen Sprachraum geht?

Bei der Vermittlung internationaler Literatur haben sich einige ganz einfache Werkzeuge bewährt: Eine Unterstützung für die gesamte Summe der Übersetzungskosten schafft eine Chancengleichheit zwischen einheimischen und internationalen Autoren. Das ist für die Verlage entscheidend, weil es ihr Risiko mildert. Und die Unterstützung von Lesereisen, d.h. die Übernahme von Flug- und Reisekosten ermöglicht, dass die Leser und Kritiker hier den Autor kennenlernen, hilft also bei der Verbreitung.

Wie ist Ihre Einschätzung: Wird chinesische Literatur auf dem deutschen Markt gern gelesen oder gilt sie als Orchidee?

Nach langjährigen Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Messeschwerpunkten bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Für den einzelnen Leser hat die Herkunft eines Autors nicht entscheidende Bedeutung. Wenn er den Leser in seinem Innersten anspricht, wird er sein Herzensfreund. Egal, wo er wohnt oder schreibt. Die Aufgabe der Kulturförderung in China wie in allen Staaten und der Verlage ist nur, dafür zu sorgen, dass die Leser weltweit die Chance bekommen, ihre Herzensfreunde aus fernen Ländern zu entdecken.

Hans Jürgen Balmes, Cheflektor für Internationale Literatur im S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main

Hans Juergen Balmes © Balmes„Zwischen den Kulturen in Europa und Amerika lassen sich leicht Brücken bauen – die Historien der einzelnen Literaturen und Künste ähneln einander wie die Grammatik der westlichen Sprachen: Aus „Haus“ wird „House“. Denkt man an China, wird aber deutlich, dass für jeden Brückenschlag ein Sprung nötig ist: Die Geschichte der chinesischen Literatur ist unvergleichlich viel älter als unsere, und die Schriftzeichen können mit jedem Satz einen anderen Sinn gewinnen. Aus der Perspektive des Westens müssen wir zugeben, dass sich mit jedem Sprung von uns, sei es zu den Hexagrammen des Yi Ging oder zu den Zeichen eines Gedichts, unsere Perspektive ändert. Um diese Sprünge zu erleichtern und so viele Perspektiven wie möglich aufzuzeigen, planen wir zur Buchmesse 2009 eine breit angelegte „Sammlung chinesischer Klassiker“, die die Grundlagen des chinesischen Denkens, die Lyrik in ihrer goldenen Zeit und die erzählende Prosa bis ins 18. Jahrhundert darstellt. Damit wollen wir ein Panorama vorlegen, damit der deutsche Leser den Reichtum der chinesischen Literatur zumindest in Grundzügen erahnen kann.

Es gehört zum verlegerischen Credo des über 120 Jahre alten S. Fischer Verlages, keine einzelnen Bücher zu veröffentlichen, sondern sich am Werk bedeutender Autoren zu orientieren. Von daher sind wir glücklich, mit dem Nobelpreisträger Gao Xingjian (高行健) einen der wichtigsten auf Chinesisch schreibenden Autoren im Programm zu haben. 2009 erscheint bei uns der Roman Die Brüder von Yu Hua (余华), der die Verwerfungen der chinesischen Gegenwart exemplarisch darstellt. Diese zu dokumentieren, wird sicher eine der Hauptaufgaben einer furchtlosen und politisch unbeeindruckten chinesischen Literatur werden – und wenn sie sich dem so mutig und einfallsreich stellt, wird der deutsche Leser die Bücher und Autoren nicht nur während der Buchmesse beachten, sondern auch über einen weiteren Zeitraum. Dazu muss aber – wie mit der „Sammlung chinesischer Klassiker“ – ein Kontext geschaffen werden, um die chinesische Literatur in ihrer Eigenart besser zu verstehen – wir müssen mehr über China erfahren, über seine Geschichte und Gegenwart, damit unsere Sprünge genauer werden. Im Moment ist ein breit angelegtes Literaturprogramm aus China für Deutschland noch mit vielen wirtschaftlichen Risiken behaftet, und so ist es wichtig und hilfreich, wenn die Arbeit durch Übersetzungsfonds mit unterstützt wird, um für die chinesische Literatur eine breite Leserschaft zu schaffen, die sie im Moment noch nicht hat. Um einen Bogen von den ältesten Texten bis zur neusten Literatur zu schlagen, planen wir neben der Sammlung und den Romanen auch Anthologien mit zeitgenössischer Prosa und Gedichten.

Dr. Tatjana Michaelis, Lektorin von Carl Hanser Verlag aus München: "China war, ist und bleibt für uns spannend."

Dr. Tatjana Michaelis © MichaelisSchon in den fünfziger Jahren hat der Hanser Verlag mit einer großen Anthologie der Lyrik des Ostens und einer chinesischen Novellensammlung Die goldene Truhe sein Interesse an der Literatur Chinas unter Beweis gestellt; Anfang der achtziger Jahre wurde die sechsbändige Ausgabe der Schriften Mao Zedongs, herausgegeben von Helmut Martin, fertiggestellt.

Ich selbst hatte gerade bei Hanser angefangen, als 1985 der Roman von Zhang Jie (张洁), Schwere Flügel erschien. Die Autorin kam zu Veranstaltungen nach Deutschland, und zusammen mit einer Gruppe von Kollegen gingen wir ins beste Münchner Chinarestaurant, wo ich zum ersten Mal Gelegenheit hatte, Chinesisch sprechen zu hören. Gedolmetscht hat Tilman Spengler, so dass wir uns mühelos verstanden. Zwei Jahre später kam Dai Houying (戴厚英) zu Besuch, deren Roman Die große Mauer wir gerade veröffentlicht hatten. Wenn sie deutschen Journalisten von China und der Kulturrevolution erzählte, stand einigen Gesprächspartnern die Verwunderung im Gesicht geschrieben, denn sie ließ sich nicht so leicht in das vertraute Schema von rechts und links einordnen. Auch dieses Buch wurde ein Erfolg und ist noch immer lieferbar. Wieder ein Jahr später erschienen zwei kurze Romane von Wang Anyi (王安忆) unter dem Titel Kleine Lieben. Danach wurde es ruhiger um die chinesische Literatur, auch wenn der Gedichtband von Bei Dao (北岛), Notizen vom Sonnenstaat (1991), hervorragende Besprechungen erhielt.

Im Jahre 2003 gab es dann mit den Romanen von Qiu Xiaolong (裘小龙) bei Zsolnay einen Neuanfang in einem ganz anderen Genre. Inzwischen sind vier seiner erfolgreichen Kriminalfälle auch im Taschenbuch erschienen, und der gewiefte Ermittler, Polizeioberinspektor Chen, im Nebenberuf Literaturübersetzer und Dichter, hat den deutschen Lesern einen spannenden Einblick in das Alltagsleben und die Kultur Chinas vermittelt. Im Kinderbuch erschien 2007 von Zhang Ange (张安戈) Rotes Land Gelber Fluß. Eine Geschichte aus der chinesischen Kulturrevolution. Übrigens sind, nicht zuletzt dank der Vermittlung durch Litrix, in den letzten Jahren auch einige unserer Autoren ins Chinesische übersetzt worden, darunter Arno Geiger, Wilhelm Genazino, Ilja Trojanow, Rüdiger Safranski, von denen manche sogar das Vergnügen hatten, das Land selbst zu besuchen. Die Romane von Michael Köhlmeier, Rolf Lappert und Martin Mosebach müssen für chinesische Leser noch entdeckt werden.

Natürlich sind die Vorbereitungen für den Buchmesseschwerpunkt 2009 auch bei uns in vollem Gange. Als Auftakt erscheinen schon im Frühjahr neue Bücher von Bei Dao und Qiu Xiaolong, im Herbst 2009 werden dann die Romane von Li Yiyun (李翊云) Muddy Waters und Liu Heng (刘恒) Green River Daydreams folgen.
Text/Interview: Dr. Jing Bartz
Leiterin des Buchinformationszentrums BIZ Peking
Copyright: BIZ Peking
September 2008
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