„Wo Hunde und Katzen die Menschen nicht fürchten, sind bestimmt auch die Bewohner der Stadt glücklich."


CCTV-Gebäude in Peking, Foto: Lao Du
Dieser Text wurde am 3. November 2011 in der chinesischen Wochenzeitung Southern Weekend veröffentlicht.
„Sie wissen sicher, dass die Meinungen über den neuen Sitz des chinesischen Zentralfernsehens, auch „Boxershorts“ oder „Metallhose“ genannt, weit auseinandergehen.“ Der chinesische Schriftsteller Mo Yan (莫言) macht gegenüber Architekt Rem Koolhaas kein Geheimnis daraus dass er kein großer Fan der „Boxershorts“ ist, aber er zieht auch den Hut vor diesem Bauwerk: „Wenn ich davor stehe, bin ich überwältigt und fühle mich gleichzeitig klitzeklein und unbedeutend. Die mächtige Dominanz und Überheblichkeit des Gebäudes passt meiner Meinung nach hervorragend zu CCTV.“
Reaktionen wie die von Mo Yan hat Koolhaas offenbar schon öfter zu hören bekommen. Der Architekt selbst spricht hingegen vor allem gerne über die „Schwächen“ der „Hose“: „Das Gebäude erscheint einerseits gewaltig, andererseits aber auch sehr fragil; es flößt Menschen Angst ein, andererseits heißt es sie aber auch willkommen. Ich hoffe, Sie eines Tages im CCTV Tower zu sehen, und schauen Sie einmal, ob er Ihnen dann immer noch so monströs erscheint.“
Auf dem EU-China High Level Cultural Forum am 27. Oktober 2011 wurde durch zahlreiche Äußerungen der anwesenden Sprecher deutlich, wie weit die Ansichten von Europäern und Chinesen auseinanderdriften. Auf europäischer Seite war man sich weitgehend einig, dass bei der Stadtentwicklung großer Wert auf Faktoren wie Freiraum, Einfallsreichtum, Demokratie, Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein gelegt werden müsse. Die Vorstellungen der einzelnen chinesischen Redner hingegen gingen weit auseinander, da sie bei Stadtentwicklung alle auf ganz unterschiedliche Dinge Wert legten.
„Chinesische Städte brauchen keine ‚harmonische' Entwicklung."
Auf dem EU-China High Level Cultural Forum stand zunächst das Thema „Städte in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ auf der Agenda. Tang Xiaofeng (唐晓峰) von der Peking-Universität stellte dazu seine Analyse über die historische Entstehung der Stadtachsen in chinesischen Hauptstädten vor. Schon vor langer Zeit, vom Bau der ersten Kaiserpaläste bis zur Errichtung der Stadtmauern und dem Bau der alten Kaiserstädte, habe sich allmählich eine standardisierte, an Ritualen orientierte Stadtplanung herausgebildet, die zum Beispiel vorschrieb, dass Ahnentempel immer links und Göttertempel immer rechts vom Kaiserplast gebaut werden mussten. So spiegelte sich die Himmelsordnung in der kaiserlichen Architektur wieder, die wiederum die herrschende Ideologie transportierte. Durch die Ritualisierung der Hauptstadt wurde die kaiserliche Herrschaft ritualisiert und physische Macht in eine spirituelle Macht verwandelt.
Huang Ping (黄平) von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften ließ die Gedankenwelt des alten Chinas in den modernen Städtebau einfließen. Seiner Meinung nach sind Städte keine zufällig entstandenen Gebilde. Seine Ansicht unterstrich er mit einem Zitat von Laozi: „Ein großes Land zu regieren ist wie das Braten eines Fisches“. Er veranschaulichte seinen Standpunkt anhand eines praktischen Beispiels: „Eine nährstoffreiche Suppe zu bereiten braucht Zeit, sie muss immer wieder aufgekocht und durchgeseiht werden. Am Ende ist ihre Farbe klar und ihr Geschmack einfach.“ Huangs Wunsch ist es, dass Chinas Städte eine eigene Ästhetik herausbilden, dass sie sich in einem gemächlicheren Tempo harmonisch entwickeln können und durch überlegte und konsultative Verfahren entstehen. Aufgrund der intensiven Verbundenheit der Chinesen mit Land und Boden, solle man diese aufwerten, indem bei der Urbanisierung ein Modell der engeren Verflechtung von Stadt- und Landgebiet angestrebt werde, um so das eklatante Stadt-Land-Gefälle zu verringern. Als Vorbild nannte Huang die Städte Suzhou und Hangzhou. Es fragt sich allerdings, ob und wie bei einer solchen Verzahnung das Gleichgewicht zwischen Stadt und Land beibehalten werden kann und ob es möglich ist, das Suzhou-Hangzhou Modell zu übertragen.
Anders als ihre chinesischen Kollegen, welche unterschiedliche reale Beispiele von Stadtplanung vorstellten, rückte bei der Darstellung der europäischen Forumsteilnehmer eher eine dezentrale Stadtentwicklung in den Fokus. Allerdings betonten sie gleichzeitig auch die Rolle von Städten als Zentren politischen und kulturellen Lebens.
Mittels einer aufwändig und künstlerisch gestalteten Power-Point Präsentation brachte Rem Koolhaas zum Ausdruck, es sei sehr bedauernswert, dass sich alle Weltstädte, wohin auch immer man komme, wie ein Ei dem anderen glichen und zusehends zu blassen, charakterlosen Orten würden. Hohe Wolkenkratzer würden zudem immer mehr als störend empfunden. Sie seien auch keineswegs die einzige Möglichkeit mit hoher Bevölkerungsdichte umzugehen, es gäbe bei gleicher Wohnfläche auch andere Lösungen.
Koolhaas führte aus, dass die ersten Großstädte ein paradiesischer Spielplatz für Abenteurer gewesen seien. Seit den 1970er Jahren jedoch hätten sich die Menschen nach Bequemlichkeit und Sicherheit zu sehnen begonnen. Die Abenteuerlust sei verloren gegangen und die Städte seien immer biederer und zu einem reinem Spielzeug des Kapitals geworden.
Chinas Stadtentwicklung sei aus dem Gleichgewicht geraten, einige Metropolen stünden am Rande einer Energiekrise. Auf der anderen Seite gäbe es jedoch auch Gebiete, welche fast menschenleer seien, wie zum Beispiel die Region um Dunhuang in der westlichen Provinz Gansu. Des Weiteren sei in Peking der Erhalt historischer Gebäude mangelhaft; lediglich ein Fünftel der Altstadt stehe unter Schutz, der Großteil sei bereits verfallen oder abgerissen. Auch sozialistische Bauwerke aus den 1950er und 1960er Jahren gehörten eigentlich zur Kategorie der historischen Gebäude, sie würden aber aufgrund der veränderten Ideologie heute sogar willkürlich abgerissen. Im Zuge seiner Präsentation schlug Koolhaas vor, Peking netzförmig aufzuteilen, sodass jeder Stadtteil ein Gebiet festlege, für dessen vollständigen Erhalt er verantwortlich sei. Chinas Stadtentwicklung stecke bereits mitten in der Krise, in den Städten gebe es keine traditionellen Baustrukturen mehr und keine Harmonie, vielmehr seien sie von einem Zeitgeist radikaler Ideen verschlungen worden.
Der belgische Philosophieprofessor Gilbert Hottois betrachtet die Stadt aus einer technischen Perspektive und stellte zwei Utopien vor: eine politische und eine technologische.
Die Entwicklung der Metropolen mache jeden zum „Übermenschen“, aber auch genau wie in Orwells Roman 1984 zum potentiellen Manipulationsobjekt. Entweder werde Technologie als bequemer Werkzeugkasten für die Menschen aufgefasst oder als unheimlicher „Wallenstein“, der zur Entfremdung der Menschheit führt. In der Realität sei es oft so, dass die Gebildeten, also diejenigen, die die Technologien beherrschten, geistige Arbeit verrichten könnten, wohingegen Normalbürger und körperlich Arbeitende machtlos dabei zusähen, wie die Technologie sie zu Untertanen mache und ihr Leben entfremde. Hottois‘ Ansicht nach sei es daher dringend notwendig, öffentliche Räume umzugestalten, das Bewusstsein der Bürger und die Menschen selbst zu verändern. Eine Stadt solle nicht nur „von oben“ geplant und entworfen werden, sondern ihre Bewohner selbst müssten ebenfalls von unten am Entwicklungsprozess beteiligt werden. Erst wenn letzteres geschehe, hätten Städte ein stabiles Fundament.
Wanderarbeiter – Hauptproblem oder Hauptbestandteil der Städte?
Im Zuge des Forums wurde deutlich, dass das Problem „Wanderarbeiter“ über die Grenzen Chinas hinausgeht.
Der indisch-stämmige englische Wissenschaftler Athar Hussain wies daraufhin, dass Wanderarbeiter, obwohl sie in den Städten lebten, keinen „Stadtbewohnerstatus“ erhielten, nicht als „Stadtbewohner“ anerkannt würden und auch kein „echtes“ Stadtleben führen könnten. Selten setze sich jemand für ihre Interessen ein oder ergreife für sie das Wort, stattdessen würden sie immer als „Stadtproblem“ betrachtet und nicht als ein Hauptbestandteil von Städten.
Wang Xiaoming (王晓明) von der Shanghai-Universität stellte den Städtewandel aus Sicht von benachteiligten Bevölkerungsgruppen vor. Im Zuge ihres Wachstums verringere sich in den Städten der Lebensraum für Geringverdiener. Diese Menschen sähen sich daher mehr oder weniger gezwungen, an die Stadtränder zu ziehen, wo sich ihre Wohnbedingungen zwar teilweise verbesserten, die Anfahrtszeiten zum Arbeitsplatz jedoch um ein Vielfaches länger würden. Auch ihre Bewegungsfreiheit auf Straßen und Wegen sei eingeschränkt, in der U-Bahn dränge man sich wie Sardinen in einer Büchse und ein Großteil der Verkehrsflächen sei nur noch auf KFZ-Verkehr ausgelegt, während sich der Raum für Fahrräder und Fußgänger stark verringere. Wang wünsche sich, dass beim Straßenbau nicht nur die Geschwindigkeit eine Rolle spielen solle, sondern auch Gerechtigkeit.

Autoverkehr in Peking, Foto: ML
Ferner seien Versammlungen, Demonstrationen und politische Diskussionen ein wichtiger Bestandteil des städtischen Lebens, hierfür brauche man öffentliche Plätze. Dies sei die Agora im antiken Griechenland, der Marktplatz, der auch als Ort des politischen Meinungsaustausches und philosophischer Erörterungen diente. Innerhalb der vergangenen 20 Jahre seien öffentliche Plätze jedoch allmählich verschwunden und hätten riesigen Einkaufszentren Platz gemacht, in denen massenhaft Luxusartikel verkauft würden. Wang Xiaoming freut sich immer, wenn er auf den Plätzen vor diesen Einkaufszentren Menschen aller Generationen zusammen singen, tanzen oder Tai Qi üben sieht, und darin einen öffentlichen Platz in China im Sinne der Agora entdecken kann.
Seinem Optimismus muss man aber vielleicht doch mit etwas Skepsis begegnen: Echte „Öffentlichkeit“ entsteht nicht allein dadurch, dass sich ein leerer Platz mit Menschen füllt.
Folgender Ausspruch Wangs stieß bei vielen Anwesenden auf besonderen Anklang: „Wer Sonnen- und Schattenseiten einer Stadt erfassen will, sollte sich an den Vögeln auf den Bäumen, den Fischen im Wasser, den Straßenkatzen und streunenden Hunden orientieren. Wenn diese Tiere alle gesund und zufrieden sind, ein ruhiges Leben führen und ohne Angst vor den Menschen mit diesen koexistieren, dann kann man von einem hohen Glücksindex in dieser Stadt sprechen.“
Aufgrund seiner Herkunft und der Themen seiner Werke, welche größtenteils vom Landleben berichten, könnte man meinen, der Schriftsteller Mo Yan habe mit Stadtentwicklung wenig zu tun. In seinen Texten beschreibt er jedoch scharfzüngig durchaus auch die absurden Gegensätze, welche durch die moderne Stadtentwicklung entstehen. Während die Getreideproduktion steige, verliere das Essen an Geschmack, Stadtbewohner flüchteten aufs Land um der starken Umweltverschmutzung zu entkommen, während Landbewohner in die Städte flöhen, da sie genug vom Kampf gegen die Armut hätten. Während die Wirtschaft wachse, sinke gleichzeitig das Glücksgefühl der Menschen, wir alle seien dem Schnelligkeitswahn verfallen. Mo Yan wünscht sich Städte, in welchen Gemächlichkeit und Ruhe statt Hektik und Schnelligkeit das Leben der Menschen bestimme.
Zum Abschluss fasste Mo Yan noch einmal im Namen aller anwesenden chinesischen Teilnehmer zusammen: „Unsere Städte müssen sich gesund und vernünftig entwickeln. Das kann nur geschehen, wenn Landbewohner ein besseres Leben als Stadtbewohner, arme Menschen ein entspannteres Leben als Reiche und Normalbürger ein freieres Leben als die Kader führen können.“
Text: Dr. Wang Ge (王歌)
Chinese Academy of Social Sciences, Institute of Modern Foreign Philosophy
Übersetzung: Sarah Täumer
Dezember 2011
Chinese Academy of Social Sciences, Institute of Modern Foreign Philosophy
Übersetzung: Sarah Täumer
Dezember 2011









