Architektur/ Stadtentwicklung

Berliner Schlossplatzdebatte

Der Schlossplatz – heute eine Wiese (2009),  Foto: Arwed Messmer
Der Schlossplatz – heute eine Wiese (2009),  Foto: Arwed Messmer
Der Schlossplatz – derzeit eine Wiese (2009), Foto: Arwed Messmer

Der Berliner Schlossplatz stellt als ehemaliges Machtzentrum der alten und neuen deutschen Hauptstadt in der Vorstellung vieler Menschen zugleich das Machtzentrum des gesamten Landes dar. Dadurch wird seiner Gestaltung eine immense Bedeutung zugemessen. Um zu verstehen, welche Traditionen und Interessen an diesem Ort gegeneinander stehen, muss man seine Geschichte erzählen.

Der Ort des Berliner Schlosses liegt nördlich der Bürgersiedlung „Cölln an der Spree“ auf einer langgestreckten Insel zwischen zwei Flussarmen. Die Stadt Cölln, die westliche Hälfte der Doppelstadt Berlin-Cölln, ist um das Jahr 1200 von Fernhandelskaufleuten gegründet worden. Als der Landesherr der Mark Brandenburg, zu der Berlin-Cölln gehörte, im 15. Jahrhundert die Doppelstadt ihrer Selbständigkeit beraubte und sie zu seiner Residenz machte, erbaute er seinen Palast als Zwingburg auf der freien Fläche im Norden der Spreeinsel. Aus der Burg entwickelte sich im Laufe der Zeit eine drei Hektar große (im Vergleich zum Alten Pekinger Sommerpalast verschwindend kleine) Schlosslandschaft, zu der das Schloss mit seinen zwei Höfen und Nebengebäuden, die Domkirche, ein Lustgarten, eine Orangerie und eine baumbestandene Allee als Hauptzufahrtsachse, die heutige Allee Unter den Linden, gehörten.

Schloss um 1900, Quelle: Album von Berlin, 1904
Schloss um 1900, Quelle: Album von Berlin, 1904

Seine endgültige barocke Form bekam das Schloss durch die Baumeister Andreas Schlüter und Eosander von Göthe zwischen 1699 und 1713. Vier Jahrhunderte lang fungierte es als Residenz der Hohenzollern sowie Mittelpunkt der höfischen und der Berliner Gesellschaft. Nach dem Ende der Monarchie, 1918, wurde es zu einem Museum. In der Zeit des Nationalsozialismus spielte es erstaunlicher – oder bezeichnenderweise keinerlei repräsentative Rolle. Das Schloss wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und 1950 abgeräumt.

Die DDR, zu der die Stadtmitte Berlins gehörte, nutzte den frei geräumten Schlossplatz für Paraden und Aufmärsche und benannte ihn in Marx-Engels-Platz um. 1976 wurde an der Stelle des Schlosses der Palast der Republik, ein Parlamentsgebäude und Kulturhaus, eröffnet. Der Palast wurde in den Jahren 2006 bis 2009 wegen seiner hohen Asbestbelastung abgerissen. Seitdem ist ein Teil der Schlossfläche als Rasenfläche gestaltet worden, in anderen Bereichen finden gegenwärtig Ausgrabungen statt, die eindrucksvolle Reste der historischen Fundamente und Keller haben zu Tage treten lassen.

Vor diesem historischen Hintergrund wird seit dem Mauerfall die sogenannte Schlossdebatte geführt. Im Grunde geht es in ihr um das deutsche Selbstverständnis und die Zukunft der Stadtgestaltung. Die Positionen der Debattierenden lassen sich in drei Lager einteilen: Modernisten, Techniker und Gebildete.

Die Modernisten, zu denen viele Akademiker und Fachleute gehören, glauben, dass es unnötig ist, die originalen Überreste im Boden zu erhalten und an die Kubatur oder Architektur des Schlosses zu erinnern. Sie propagieren einen Neubau auf dem Schlossplatz, der mannigfaltigen Nutzungen dienen und die Modernität und Zukunftszugewandtheit Deutschlands repräsentieren soll. Sie sind bereit, die Überreste der Vorgängerbauwerke der geplanten U-Bahn und einer Tiefgarage unter dem Neubau zu opfern. Ihre gegen den Schlossnachbau gerichteten Kitsch- und Disneylandvorwürfe ignorieren, dass fast alle wichtigen historischen Bauten der Berliner Innenstadt Wiederaufbauten sind: Zeughaus, Rathaus, Humboldt-Universität, Staatsoper, Brandenburger Tor, Friedrichwerdersche Kirche, Schauspielhaus, Nikolaikirche und Reichstag.

Südseite des Schlosses, 14. Juni 1949, Foto: Fritz Tiedemann, digital interpretiert und rekonstruiert von Arwed Messmer
Südseite des Schlosses, 14. Juni 1949, Foto: Fritz Tiedemann, digital interpretiert und rekonstruiert von Arwed Messmer

Die Techniker, zu denen auch das Bundesbauministerium gehört, streben ebenfalls einen U-Bahnhof und bestenfalls einen Teilerhalt der archäologischen Funde an – allerdings unter einem Neubau in der Kubatur des Schlosses und – wenn von Privatleuten finanziert – mit der historischen Sandsteinfassade des Schlosses. Im Inneren der Schlosshülle regiert allerdings die Gegenwart mit großen Atrien, freien Raumgestaltungen und moderner Gebäudetechnik. Dieser Hybrid aus Schlossnachbau und Neubau (Entwurf Francesco Stella) ist gegenwärtig in der Bauausführungsplanung durch das größte deutsche Architekturbüro gmp, das in China bekanntlich ganze Städte geplant hat. Die Baufertigstellung ist für 2014 geplant. Als Nutzung ist ein Museum für die außereuropäischen Kulturen namens Humboldt-Forum vorgesehen, das die Weltoffenheit Deutschlands demonstrieren soll.

Die Gebildeten favorisieren einen jahrzehntelangen und sehr teuren Bauhüttenbetrieb, der die Relikte im Untergrund komplett erhält und dem verlorenen Bau möglichst nah zu kommen versucht. Der Nachbau des Schlosses wird von dieser Fraktion nicht als Kotau vor den Hohenzollern, sondern als Verbeugung vor dem wichtigsten und wertvollsten Bauwerk einer 800 Jahre alten Stadt ohne Altstadt verstanden. Als Nutzung eines originalähnlichen Schlossnachbaus käme vorrangig eine Schatzkammer der Künste, wie sie die Könige im Laufe der Zeit zusammengetragen haben, also Plastiken, Tafelmalerei, Grafik und Kunstgewerbe, in Frage.

Die Entscheidung zwischen diesen Positionen bleibt jedem Einzelnen überlassen. Der Realisierung am nächsten ist das Projekt der Techniker. Die Modernisten und Gebildeten hoffen auf ein Scheitern des gegenwärtigen Bauprojektes bzw. seine Nachbesserung in ihrem Sinne nach der Fertigstellung. Vielleicht kann es zu einer sachlichen Beurteilung der oft hitzig geführten Debatte beitragen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Schlossplatz zwar von großer Bedeutung für die Gestaltung des Berliner Zentrums ist, aber doch von nur geringer Bedeutung für Deutschland als Ganzes. Wenn die Bundesregierung in den nächsten Jahren nicht, wie geplant, 500 Millionen Euro, sondern eine Milliarde Euro für das Schloss ausgeben sollte, wären dies immer noch weniger als 0,03 Prozent des Bundeshaushaltes. Dieses relativ kleine Bauvorhaben braucht kein Deckmäntelchen in Form eines Weltkulturenmuseums, sondern sollte die in ihrem Ursprung königlichen Sammlungen aufnehmen, die an ihrem jetzigen Aufbewahrungsort im Kulturforum nicht zur Geltung kommen – aber dies ist eine andere Debatte, die uns ebenfalls noch jahrelang beschäftigen wird.
Text: Benedikt Goebel
Historiker, Berlin
August 2010
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