Neues Museum in Berlin: Abschied vom Neuen Bauen


Büste der Königin Nofretete, Neues Museum Berlin © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker
Am 9. November 2009 stellte der Pekinger Künstler Huang Rui (黄锐) im Berliner Hauptstadtbüro des Goethe Instituts sein gerade erschienenes Fotobuch 1989 – 365 Art days in China and Germany vor. Während seines Aufenthalts in Berlin besuchte er das im Oktober 2009 nach 70 Jahren wieder eröffnete Neue Museum. Dieses wurde im späten 19. Jahrhundert als Teil der „Museumsinsel“ im Herzen der deutschen Hauptstadt erbaut. Im zweiten Weltkrieg wurde es schwer zerstört und erst in den letzten Jahren unter der Leitung des britischen Stararchitekten David Chipperfield aufwändig restauriert und wiederhergestellt. Unter anderem beherbergt der Bau das Ägyptische Museum mit der berühmten Büste der altägyptischen Königin Nofretete. Einige ägyptische Politiker fordern die Rückgabe der Nofretete-Büste an Ägypten. Die deutschen Behörden vertreten die Auffassung, dass die Büste von deutschen Archäologen 1913 legal erworben und mit Zustimmung der damaligen ägyptischen Regierung nach Deutschland gebracht wurde.
Begegnung mit Nofretete
Die Geschichte der Nofretete und die historischen, politischen, nationalen und rechtlichen Streitigkeiten um sie kannte ich bereits. Dennoch war es für mich eine große Überraschung, als ich ihr im November 2009 zum ersten Mal im wieder eröffneten Neuen Museum in Berlin gegenüberstand. Sie berührt einen ganz unerwartet. Sie steht in der Mitte ihres Ausstellungsraums und kommuniziert ruhig und gelassen mit dem Betrachter, als ob ihre Schönheit nicht überwältigend nahe wäre. Die Realität der Schönheit überdeckt die Realität ihrer geschichtlichen Existenz.
Die altägyptischen Kunstwerke sind meistens ziemlich klein, aber von großer Plastizität. Die Art der Präsentation, die Raumgestaltung, das Licht, die Farben und Materialien, das Gefühl für Qualität und Kontraste, das alles machte mich ganz trunken. Sie sind von höchster Kultiviertheit und Eleganz. Vielleicht weil sie so klein sind, spürt man die unendliche Sorgfalt und Fürsorge des Künstlers für sein Gegenüber. Neben dem Gefühl für die Bewegung des Meißels auf dem Material, lassen die vor Tausenden von Jahren entstandenen Skulpturen auch die Spuren der Zeit und der Zerstörung durch die Menschen erkennen. Und das alles kann man sich ganz direkt von Nahem ansehen. Allein dass solche Werke so leicht zugänglich sind, ist ein zentraler Faktor für den großen Erfolg des Museums.
Die Mode des Neuen Bauens
Das moderne Bauen folgt immer noch der Methode Le Corbusiers, als ob man durch großartige Räume großartige Städte und die Stadt der Zukunft schaffen könnte. Das gilt auch für die meisten (Kunst-) Museen in den international bedeutenden Städten. In den letzten zwanzig, dreißig Jahren war das die Mode, wurde Teil der zeitgenössischen Ästhetik und schließlich der politischen Praxis. Es gibt keine große Stadt in Europa, Amerika oder Asien, die davon ausgenommen wäre.

Neues Museum, Treppenhalle mit historischen Gipsabdrücken © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Achim Kleuker
Die Monotonie dieser Architektur zeigt sich im Innern neuerer Museen. Durch das Gegeneinandersetzen von gebautem Raum und Kunstwerk, durch die Größe der Räume, Materialien, die Farben und Lichtquellen entstehen Brüche zwischen dem Raum und den Werken. Dieser Antagonismus überträgt sich auf die Menschen. In dem widersprüchlichen Umfeld sollen sie sich einerseits auf die Kunst konzentrieren, andererseits fordert die übersteigerte Architektur Beachtung.
Norman Foster in England, Rem Kohlhaas in den Niederlanden, Tadao Ando in Japan, in allen einigermaßen prosperierenden Weltgegenden kann man das bunte Völkchen sogenannter moderner Architekten treffen. Keine Planungskonferenz, Präsentation oder Party, auf der nicht diese schicken, rührigen Gestalten auftauchen. Sie sind hip, weil alles so langweilig ist. Natürlich dürfen ihre ständigen Unterstützer nicht fehlen, Politiker, Planer und Entwickler, alle sind sie Fans der neuen städtebaulichen Meisterwerke. Die Stahlindustrie liefert die Stahlkonstruktionen, die riesigen, komplexen vorgehängten Glasfassaden reflektieren den Glanz des Informationszeitalters, und auch die Museen machen bei diesem Tanz mit, ohne Rücksicht darauf, in welcher Stadt sie sind, welche Kunst sie zeigen, mit welcher Kulturgeschichte welcher Menschen sie zu tun haben.
Die angestrahlten, in Metall- und Glasrahmen eingezwängten Kunstwerke dekorieren die Warencodes der Konsumgesellschaft, sie zeugen von mangelndem Respekt gegenüber der Geschichte im Allgemeinen und der der Kunstwerke im Besonderen. Deshalb ist der Bau des Neuen Museums, in dem der Gedanke der Konservierung und der Wiederherstellung des Ursprünglichen verwirklicht wird, ein Fortschritt für die zeitgenössische Kultur.
Die Sprache des Neuen Museums

Beterfigur des Königs Amenemhet III.
Neues Museum © Staatliche Museen
zu Berlin, Foto: Achim Kleuker
Neues Museum © Staatliche Museen
zu Berlin, Foto: Achim Kleuker
Um doch noch kritisch eine Kleinigkeit anzumerken, könnte ich sagen, dass an einigen Stellen die Hervorhebung der Handwerkstechniken übertrieben ist. Manchmal beherrschen sie zu stark eine Stelle oder ein Ensemble. An einigen Orten werden die Zerstörungen der Vergangenheit überbetont. Einige Orte könnten weiter geöffnet werden, um Luft zum Atmen zu geben, sie lassen die Besucher gelegentlich vor den Narben und dem entblößten Eingeweide des Gebäudes erschauern.
Die substantielle Wichtigkeit der hier gepflegten Konservierung ist um so mehr zu würdigen. Das Neue Museum lehrt uns die essentielle humanistische Bedeutung von Ausstellungen von Kunstwerken.
Text: Huang Rui (黄锐)
Künstler und Kurator, Peking
Übersetzung: Tanja Reith
Januar 2010
Künstler und Kurator, Peking
Übersetzung: Tanja Reith
Januar 2010









