Kunst der chinesischen Holzkonstruktion in München


Modell einer qing-zeitlichen Halle mit einfachem Walmdach © Chinese Academy of Cultural Heritage, Beijing
Bis ins kleinste Detail genau bilden die Modelle chinesischer Tempelbauten in der Ausstellung Die Kunst der Holzkonstruktion – Chinesische Architekturmodelle in der Münchener Pinakothek der Moderne ihre Vorbilder nach. Sie sind wie die Säulen und Balken der Originale im warm-braunen und festen Holz der weißen Zeder (Nanholz) gearbeitet und geben nicht nur den Zierrat der Türen, die Dachreiter usw. wieder sondern reproduzieren vor allem genau die tragende Holzkonstruktion. Sie zeugen von der Eleganz und den ausgewogenen Proportionen der Originalbauten aus dem 8. bis 15. Jahrhundert, darunter die ältesten erhaltenen Gebäude in China wie der Nanchan-Tempel im Kreis Wutai, Provinz Shanxi (782 n. Chr.), oder eine Halle des Foguang-Klosters aus dem 9. Jahrhundert in der gleichen Gegend.
Die Ausstellung wird gemeinsam vom Architekturmuseum der TU München und der Chinese Academy of Cultural Heritage veranstaltet.
Jeder der nachgebildeten Bauten ist ein unverwechselbares Unikat. Mit ihren geschwungenen Dächern und den die Fassaden gliedernden Holzsäulen sind sie jedoch auf den ersten Blick „typisch“ chinesisch. Während die Westeuropäer den Stil ihrer Steinbauten ungefähr alle zweihundert Jahre einmal radikal änderten (Romanik, Gotik, Renaissance usw.), scheint sich der chinesische Baustil in den über tausend Jahren zwischen der Tang-Dynastie und dem Ende der Qing-Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts wenig geändert zu haben. Jedenfalls lassen sich die bautechnischen und stilistischen Veränderungen auf den ersten Blick kaum wahrnehmen.
Wiederentdeckung einer kunstvollen Technologie
Die Modelle, von denen eine Auswahl von 17 Exemplaren jetzt zum ersten Mal im Ausland gezeigt wird, wurden in den 1950er Jahren hergestellt, nachdem ein Brand die Gefährdung der Holzbauten gezeigt hatte. Sie dienten aber nicht nur dem Denkmalschutz, sie sollten vor allem helfen, die Konstruktion und die Bautechniken und ihre Veränderungen zu verstehen. Die Modellbauer knüpften an die Arbeiten des Architekturhistorikers Liang Sicheng (梁思成) und seiner Kollegen an, die in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begannen, die Geschichte und die Eigenarten der chinesischen Baukunst zu untersuchen, zu einer Zeit, als diese in Vergessenheit zu geraten drohten. Architektur und Bautechnik waren im alten China, abgesehen von wenigen Handbüchern für die Verwaltung, kaum schriftlich dokumentiert. Die Baukunst war mündlich tradiertes Handwerkerwissen, das die gelehrten Beamten nur selten interessierte.

Turm der barmherzigen Wolken
(Ciyun Ge), Dingxing, Provinz Hebei
(Yuan-Dynastie, 1306) © Chinese
Academy of Cultural Heritage, Beijing
(Ciyun Ge), Dingxing, Provinz Hebei
(Yuan-Dynastie, 1306) © Chinese
Academy of Cultural Heritage, Beijing
Modularität und Individualisierung
Die Kunst der Bauhandwerker beschränkte sich nicht auf die Holzbearbeitung, sie erstreckte sich auf die Architektur der unterschiedlichsten Gebäudetypen und Funktionen. Die tragenden Holzsäulen gliederten die Gebäude in Breite und Tiefe. Die Fassade eines einfachen Hauses wurde von vier Säulen mit drei Zwischenräumen (jian 间, Joch) gebildet, die Türen und Fenster aufnahmen oder zugemauert waren. Je bedeutender ein Gebäude oder seine Nutzer waren, desto mehr Joche hatte es, bis zu neun, und je mehr Joche es hatte, desto höher und kräftiger waren die Säulen, desto höher waren die Sockel, auf denen es stand, desto weiter war der umbaute Raum, desto gewaltiger war das Dach. Die Größenvariationen folgten strengen Regeln. Die Proportionen zwischen den Bauteilen waren in ihrer Epoche immer die gleichen.

Haupthalle des Tempels Nanchan Si, Wutai, Provinz Shanxi (Tang-Dynastie, 782) © Chinese Academy of Cultural Heritage, Beijing
Zusammen mit rechteckigen Höfen und Seitengebäuden bildete die Vielzahl der Häuser einer Stadt ein modulares System, bei dem gleiche oder sehr ähnliche Grundformen nach Süden ausgerichtet in unterschiedlicher, dem jeweiligen Nutzen angepasster Größe und Gestaltung wie auf eine Platte gesteckt aufgereiht waren. Ein Blick auf die Dächerlandschaft des Pekinger Kaiserpalastes vermittelt noch heute einen Eindruck von dieser regelmäßig-unregelmäßigen Struktur, die einst die ganze Stadt umfasste. Alte Stadtpläne von Peking mit den vielen unterschiedlich großen, ineinander gepassten Rechtecken zeigen den Grundriss dieses Modulsystems.
Diese modulare Vielfalt bestimmte Häuser, Höfe und den Raum ganzer Städte, es war der selbstverständliche, gleichsam natürliche Lebensraum der Bewohner, so selbstverständlich, dass er aus Erfahrungswissen lebte, das kaum der schriftlichen Fixierung bedurfte.
Die traditionelle chinesische Stadt gibt es nicht mehr. Sie ist überbaut von Stahl, Beton und Asphalt. Ist die Ausstellung deshalb nur ein Blick in die Vergangenheit? Wenige hundert Meter von der Pinakothek ist im Münchener Haus der Kunst Ai Weiweis (艾未未) große Ausstellung So sorry zu sehen. In vielen seiner Arbeiten verwendet Ai Materialien aus abgerissenen Häusern der Qing-Zeit wieder. Wie bei anderen zeitgenössischen chinesischen Künstlern auch sind seine Arbeiten, einschließlich seiner Architektur, Serien, Modulreihen mit geringen Abweichungen und zugleich Individualisierungen des einzelnen Objekts.
Die Ausstellung Die Kunst der Holzkonstruktion – Chinesische Architekturmodelle ist bis zum 24. Januar 2010 in der Pinakothek der Moderne, München zu sehen.
Text: Jochen Noth
Geschäftsführer, Asien-Pazifik-Institut für Management GmbH, Berlin
Dezember 2009
Geschäftsführer, Asien-Pazifik-Institut für Management GmbH, Berlin
Dezember 2009









