Architektur/ Stadtentwicklung

Umwandlung von Bergbaufolgelandschaften

Industriedenkmal: Sanierte Biotürme Lauchhammer, Foto: Christina Glanz / IBA see
Industriedenkmal: Sanierte Biotürme Lauchhammer, Foto: Christina Glanz / IBA see
Sanierte Biotürme Lauchhammer, Foto: Christina Glanz/IBA see

Vom 15.-17. September 2009 nahmen Fachleute aus 25 Staaten und Regionen an der internationalen IBA-Konferenz (IBA = Internationale Bauaustellung) in Großräschen in der Lausitz teil. Das Thema der Konferenz lautete: Chance: Bergbau-Folge-Landschaft. Die Teilnehmer diskutierten in Vorträgen, Expertenrunden, Ergebnisberichten und Vor-Ort-Besuchen Themen wie den Wiederaufbau von Bergbaulandschaften, die Bodensanierung, den wirtschaftlichen Aufbau sowie die Wiederherstellung eines ökologischen Gleichgewichts. Das Ziel der Konferenz bestand darin, für die kommenden Jahre eine breite Diskussion anzustoßen und den Abschluss einer „Lausitz-Charta“ zum Umgang mit Landschaften nach dem Bergbau vorzubereiten.

Was kann China vom Modell Lausitz lernen, fragt Professor Chang Jiang (常江) von der China University of Mining and Technology, der an der Konferenz teilnahm.

Veränderungen in der Lausitz: 1998 und 2009

Bereits im Jahr 1998 habe ich als Doktorand ein Praktikum in der Planungsabteilung der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) absolviert. Damals bestand die Lausitz aus stillgelegten Tagebaugebieten, verwilderten Erzhalden, riesigen Minen, verschmutzten Gewässern und nicht mehr bewirtschafteten Industriegebieten. Die wirtschaftliche Lage der Region war schlecht, ihr Erscheinungsbild düster. Die Lausitz des Jahres 2009 zeigt sich völlig verändert: Nach 10 Jahren Sanierung sind 72% des Gebietes umgewandelt und wieder belebt. Die Bergbaufolgelandschaft aus ehemaligen Erzhalden, offenen Abbaugebieten, und Fabrikruinen hat sich in fruchtbare Felder, dichte Wälder und blaue Seen gewandelt.

Dieser Erfolg geht vor allem auf die Firma LMBV zurück, die unter Führung des Bundes und des Landes als staatliche Bodenverwaltungsgesellschaft systematisch die verlassenen Tagebaugebiete der Region Lausitz sanierte und umnutzte. In den letzten 15 Jahren wurden so fast 97.000 Hektar Bergbaufolgelandschaft saniert, von denen rund 15% landwirtschaftlich und 32% für die Forstwirtschaft genutzt werden. Die neu entstandenen Gewässer und Seen machen fast 28% der Fläche aus. 17% sind als ökologische und knapp 8 % des Gebietes als industrielle Nutzfläche ausgewiesen. Der Ausbau eines vielgestaltigen Seengebietes soll die Entwicklung des Tourismus fördern.

Das Lausitzer Seenland mit 14.000 Hektar Wasserfläche entsteht bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. 10 Seen werden über schiffbare Kanäle miteinander verbunden. Foto: Radke/LMBV
Das Lausitzer Seenland mit 14.000 Hektar Wasserfläche entsteht bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. Foto: Radke/LMBV

Die IBA-Fürst-Pückler-Land in der Region Lausitz wurde im Jahr 2000 gegründet, um die regionale Entwicklung zu organisieren und kreative Ideen in die Region einzubringen. Mit den Zielen Wiederherstellung der Ökologie, Sanierung der Landschaft, Strukturwandel der Industrie und wirtschaftlichem Wiederaufbau der Region nutzte sie die Bergbaufolgelandschaften als Ressource für die Formung der Landschaft und brachte neues Leben in die vormals sterbende Region. Die IBA, die mit Mitteln des Bundes und des Landes finanziert wird, eröffnete einen nationalen und internationalen Dialog und ermöglichte es, Ideen in- und ausländischer Fachleute zu realisieren. Bis heute initiierte die IBA in der Lausitz 25 Projekte der Raumentwicklung und Landschaftsformation, wandelte die Braunkohletagebauflächen in seenreiche Erholungsgebiete um und leitete damit ein neues Zeitalter für das Gebiet ein.

Neue Chancen

Die IBA-Konferenz hat gezeigt, dass die Bergbaufolgelandschaften tatsächlich neue Chancen haben. Die meisten Flächen, die nach dem Rückzug des Braunkohleabbaus brachlagen, haben zwar ihre ursprüngliche Funktion verloren, sind damit aber nicht wertlos geworden. Eine kreative Re-Nutzung und Renovierung legt ihre besonderen natürlichen, historischen, kulturellen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Werte frei und gibt damit auch der Entwicklung ähnlicher Bergbauregionen neue Impulse und Hoffnung.

Führung über das Besucherbergwerk F60, Foto: Janine Mahler/IBA see
Führung über das Besucherbergwerk
F60, Foto: Janine Mahler/IBA see
Während der drei Tage in Großräschen wurde dieser Gedanke wiederholt an konkreten Beispielen verdeutlicht: den Seenlandschaften, die aus der Sanierung der Wasserläufe und Wasserkraftwerke entstanden sind, der Abraumförderbrücke F60, die als begehbares Besucherbergwerk zugänglich gemacht wurde oder den Biotürmen der ehemaligen Großkokerei in Lauchhammer, die nach heftigen Diskussionen als Industriedenkmal stehen blieben.

Eine IBA in China?

In China existiert eine schwer zu schätzende Anzahl von Bergbaufolgelandschaften. Sie haben nicht nur die Umwelt in den Kohleförderegionen zerstört, sondern gefährden auch die wirtschaftliche Entwicklung und die soziale Stabilität. Der Umgang mit diesen Landschaften steht in direktem Bezug zu einer nachhaltigen Entwicklung der Bergbauregionen insgesamt. Die IBA Fürst-Pückler-Land stellt daher ohne Zweifel für China ein gutes Beispiel dar.

Die Meinung des Autors dazu ist:

1. Die Sanierung von Bergbaufolgelandschaften übersteigt die Kräfte der örtlichen Verwaltungen und Unternehmen. Daher ist eine Unterstützung durch die übergeordneten Regierungen in politischer, finanzieller und organisatorischer Hinsicht unabdingbar, beispielsweise durch die Errichtung einer überregionalen und interdisziplinären Durchführungsorganisation ähnlich der IBA oder einer professionellen Sanierungsgesellschaft von Bergbaufolgelandschaften ähnlich der LMBV.

2. Die ökologische Renaturierung von Bergbauregionen erfordert viel Zeit, Kraft und Geld. Daher muss ein langfristiges Konzept entwickelt werden. Gründlichkeit und Langfristigkeit dürfen nicht wegen kurzfristiger Vorteile vernachlässigt werden. Eine unvollständige Sanierung der Umwelt birgt viele Gefahren, sie verletzt das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung und gefährdet die Zukunft unserer Kinder und Enkel.

3. Die Umnutzung, Sanierung und Wiederherstellung einer lebenswerten Umwelt gibt den Bewohnern der Bergbauregionen die Chance, sich ihre Heimat neu aufzubauen. Daher muss in diesem Prozess die Zusammenarbeit der verschiedensten Interessengruppen verstärkt werden, damit sie ein gleichberechtigtes Mitspracherecht haben und damit die Transparenz der Politik und der Sanierungspläne erhöht wird. Gleichzeitig muss man von dem bisherigen Prinzip, die Industrie auf Kosten der Landwirtschaft zu fördern und den Staat auf Kosten der Region zu bevorzugen, abrücken, damit die Verwaltung und die Sanierungspläne den örtlichen Gegebenheiten angepasst werden und diese Regionen sich nachhaltig entwickeln können.
Text: Chang Jiang (常江)
Professor an der School of Architecture and Civil Engineering der China University of Mining and Technology, Xuzhou
Übersetzung: Tanja Reith
November 2009
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Die Inhalte in der Rubrik Architektur / Stadtentwicklung im Magazin entstehen seit Oktober 2009 in enger Zusammenarbeit mit ski - stadtkultur international ev.

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