Denkmallust - Denkmalpflege in Deutschland


Köln, Glaswerkstatt © ML Preiss, Bonn
Rund viereinhalb Millionen Besucher waren es, die 2008 die Angebote am Tag des offenen Denkmals wahrnahmen. Doch wer die Denkmalwahl hat, der hat auch die Denkmalqual: stolze 7.500 historische Bau-, Garten- und Bodendenkmale in mehr als 2.600 Städten und Kommunen öffneten im vergangenen Jahr ihre Pforten. Von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bundesweit koordiniert, erwies sich der Tag des offenen Denkmals am zweiten Sonntag im September einmal mehr als Publikumsmagnet – und die Denkmalpflege als Massenbewegung.
Denkmalvielfalt
Während 2008 das Motto Vergangenheit aufgedeckt – Archäologie und Bauforschung lautete, bildeten in den Jahren zuvor historische Wasserstraßen, Gärten, das Wohnen im Baudenkmal oder Sakralbauten Schwerpunkte beim Tag des offenen Denkmals. So vielfältig die Themen, so vielfältig sind auch die Denkmale. Und sie erfreuen sich wachsenden Interesses – nicht nur am Tag des offenen Denkmals. Prägen historische Altstädte, umgenutzte Industriebauten oder behutsam restaurierte Kirchen doch das Alltagsleben.

Plakat Tag des offenen Denkmals 2008
© Deutsche Stiftung Denkmalschutz,
Bonn
© Deutsche Stiftung Denkmalschutz,
Bonn
Und heute? In den meisten Bundesländern geben Denkmallisten darüber Auskunft, welche Bauwerke, Ensembles oder Gärten geschützt sind. Vielfach sind sie über das Internet einsehbar. Doch was kann ein Denkmal werden? Juristisch-trocken lautet die Erklärung dafür im Denkmalschutzgesetz von Nordrhein-Westfalen: „Denkmäler sind Sachen, Mehrheiten von Sachen und Teile von Sachen, an deren Erhaltung und Nutzung ein öffentliches Interesse besteht. Ein öffentliches Interesse besteht, wenn die Sachen bedeutend für die Geschichte des Menschen, für Städte und Siedlungen oder für die Entwicklung der Arbeits- und Produktionsverhältnisse sind und für die Erhaltung und Nutzung künstlerische, wissenschaftliche, volkskundliche oder städtebauliche Gründe vorliegen.“
Lebendige Vergangenheit
Gelegentlich wird behauptet, dass es zu viele Denkmale in Deutschland gibt. Doch sind rund 5 Prozent des gebauten Bestandes wirklich zu viel? Andererseits hat der Denkmalbegriff im 20. Jahrhundert eine deutliche Erweiterung erfahren. Heute sind nicht nur Burgen, Schlösser und Kirchen denkmalwürdig, sondern längst auch Fabriken oder Arbeitersiedlungen. Im Sommer 2008 erhielten sechs Siedlungen der Moderne in Berlin sogar den begehrten Status als Weltkulturerbe. Doch nicht nur künstlerisch wertvolle Bauten sind Denkmale. Auch Zeugnisse, die während der beiden deutschen Diktaturen entstanden sind, können aufgrund ihrer historischen Bedeutung Denkmale sein. Der Kunsthistoriker Norbert Huse hat sie einmal als unbequeme Denkmale bezeichnet. Dazu gehören Orte wie das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, an dem sich die Geschichte und die verbrecherische Rolle des Nationalsozialismus ablesen lassen. Ein unbequemes Denkmal sind aber auch die Reste der Berliner Mauer, an denen die Funktionsweise der unmenschlichen Unterdrückung in der DDR erkennbar wird.

Reichsparteitagsgelände: Der Grundstein des ehemaligen geplanten Deutschen Stadions für die NS-Parteitage liegt in Nürnberg vor einer Infotafel über das ehemalige Reichsparteitagsgelände. © picture-alliance/dpa
Denkmale sind Geschichtszeugnisse – aber sie sind inzwischen auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. So findet alle zwei Jahre in Leipzig eine Denkmalmesse statt, auf der sich Handwerksfirmen, Institutionen und Denkmalstiftungen mit ihrer Arbeit vorstellen. Schließlich ist die Restaurierung eines Denkmals nicht mit Materialien aus dem Baumarkt möglich, sondern erfordert hochqualifiziertes Wissen und eine entsprechende Handwerksarbeit. Eine Untersuchung des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz hat daher ergeben, dass sich die steuerliche Förderung von Denkmalinvestitionen lohnt, denn jeder Euro Förderung, „löst rund 15 Euro an Folgeinvestitionen aus“.
Doch trotz ihrer Publikumserfolge und ihrer wirtschaftlichen Bedeutung, steht die Denkmalpflege vor Schwierigkeiten. So ist in der modernen Wegwerfgesellschaft nicht leicht zu vermitteln, dass es der Denkmalpflege nicht darum geht, möglichst schöne Denkmale (neu) zu schaffen. Vielmehr ist es ihr Ziel, authentische Geschichtszeugnisse zu bewahren – einschließlich ihren Zeit- und Gebrauchsspuren. Wo sonst als in historischen Bauten mit ihrer über die Jahrzehnte und Jahrhunderte erworbenen Patina wird Geschichte so unmittelbar lebendig? Denkmale – das zeigt sich nicht nur am Tag des offenen Denkmals - sind Orte, an denen die Geschichte zur Gegenwart wird.
Text: Jürgen Tietz
freiberuflicher Architekturkritiker in Berlin
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Februar 2009
freiberuflicher Architekturkritiker in Berlin
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Februar 2009









