Lu Xin: Stadtplanerin, Architektin und Autorin


Western Architects and City Planners in China heißt ein Buch, welches im März 2008 beim Hatje Cantz Verlag in Deutschland erschienen ist. Die Autorin, Lu Xin, stammt aus Ningbo und ist Leiterin der Repräsentanz der Stuttgarter Firma IBO Concepts in Shanghai. In ihrem Buch hat sie ihre mehrjährigen interkulturellen Erfahrungen aus der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit verarbeitet. Die Idee hierzu entstand während eines Praktikums in Stuttgart 2002. „Als wir anfingen, Projekte in China zu machen, gab es ständig Fragen von deutschen Kollegen: ‚Das gibt es nicht, warum machen die Chinesen das so? Was bedeutet das? Ich frage nur ‚ja oder nein’, aber die sagen nie ‚ja’ oder ‚nein’.“ Aber auch für chinesische Kunden und Kollegen war sie „Kulturübersetzerin“: „Wenn Chinesen sich über Deutsche aufregen, nennen sie sie ‚viereckiger Kopf’, damit drücken sie aus, dass die Deutschen nicht flexibel sind, dass sie nur einen Blickwinkel haben und nur das tun, woran sie gewöhnt sind.“ Lu Xin meint, es sei ihr nie schwer gefallen, beide Seiten zu verstehen, sie habe einfach ein natürliches Interesse daran, sich in unterschiedliche Menschen hineinzuversetzen.
Von Chongqing nach Weimar
Ursprünglich hat sie Innenarchitektur und Architektur in Chongqing studiert. Nach ihrem Abschluss arbeitete Lu Xin zunächst am Designinstitut der Universität in Chongqing und unterrichtete im Bereich Innenarchitektur. 2001 ging sie für das Aufbaustudium „Europäische Urbanistik“ an die Bauhaus Universität nach Weimar. Dabei zog sie den engen Kontakt und Austausch mit Dozenten und Kommilitonen der Möglichkeit vor, direkt eine Doktorarbeit zu schreiben. „Ich wollte schon immer auch andere Kulturen kennen lernen, Menschen, die anders leben als ich“, begründet Lu Xin ihre Entscheidung für Weimar. „Ich bin von Natur aus sehr neugierig. Die moderne Architektur kommt ja eigentlich aus Europa, zum Beispiel der Bauhaus-Stil, und die klassische Architektur aus Griechenland und Rom. Ich interessiere mich also auch aus beruflicher Perspektive sehr für diese Kulturen, weil ich einfach verstehen möchte, wie sich das entwickelt hat. Nach meinem Studium in China habe ich an vielen Projekten mitgearbeitet und viel entworfen, aber diese Fragen – woher das alles kommt, wie es entstanden ist, wie man zu einem Entwurf kommt – blieben für mich unbeantwortet. Diese Fragen wollte ich beantworten, das wollte ich mit eigenen Augen sehen, nicht nur in Zeitschriften. Da chinesische Studenten nicht so viele Gelegenheiten haben, ins Ausland zu gehen, können sie vieles nur in Zeitschriften sehen und kopieren, ohne den Kontext zu kennen.“
Der Entschluss, gerade nach Deutschland zu gehen, wurde durch Lu Xins Vorstellung von den Deutschen bestimmt: „Ich hatte ein Bild von den Deutschen, wie sie im Winter im schwarzen Mantel, Hände in den Taschen, auf der Straße laufen, sehr ernsthaft, nachdenklich, philosophisch. Woher dieses Bild genau kam, weiß ich nicht so ganz genau. Ich habe als Kind sehr viel Literatur gelesen, hatte daher ganz unterschiedliche Vorstellungen von unterschiedlichen Ländern.“
Am Studium in Weimar gefielen Lu Xin vor allem die Seminare, die es in dieser Form in China nicht gibt. Außer wenn sie selber Entwürfe erstellen, sitzen die Architekturstudenten in China vor allem in Vorlesungen und hören zu. In deutschen Seminaren hingegen sind Studenten aufgefordert, sich aktiv zu beteiligen. „Außerdem war das Studium in Weimar gut strukturiert und in vier Bereiche aufgeteilt: Stadtplanung, Soziologie, Projektentwicklung und regionale Planung. Die vier Bereiche helfen mir heute noch, Entwürfen einen Rahmen zu geben. Jeder der vier Bereiche behandelt einen Aspekt, der für die Stadtplanung wichtig ist. In China liegt der Fokus stark auf Bildern, sowohl in der Architektur als auch in der Stadtplanung. Im Vordergrund steht die Ästhetik. Noch vor 10 Jahren war es am allerwichtigsten, dass man am Ende ein schönes Rendering (3D-Bild) vorweisen konnte. Die Vorlesungen in Weimar und die einzelnen Inhalte habe ich schon lange vergessen, aber die Herangehensweise, einen Entwurf in einem Rahmen zu sehen und auch wie man im Team mit Leuten zusammenarbeitet, davon profitiere ich bis heute.“
Durch ein Praktikum im 2. Semester fand Lu Xin bereits früh den Einstieg in die deutsche Arbeitswelt. Eigentlich hatte das Stuttgarter Architektur- und Ingenieursbüro keine Verbindung zu China – bis überraschenderweise eine Einladung zu einem Wettbewerb im Zusammenhang mit Olympia kam. Erst ein zweites Projekt, die Planung eines neuen Stadtteils in Jiashan, Provinz Zhejiang, brachte allerdings den richtigen Einstieg in China. Und so waren die Weichen für Lu Xins Karriere gestellt. Seitdem hat die Chinesin aus Ningbo an über 20 Stadtplanungsprojekten in China mitgearbeitet und hunderte Quadratkilometer geplant. 2005 übernahm sie die Leitung der Repräsentanz der Stuttgarter Firma IBO Concepts in Shanghai, entstanden aus dem ehemaligen China-Team ihrer Praktikumsfirma.
Suche nach Antworten
Erst ihre Zeit in Deutschland habe sie dazu gebracht, sich auch intensiv mit ihrer eigenen Kultur auseinanderzusetzen, sich von Fragen der reinen Ästhetik zu lösen und den Fragen des „Warum“ nachzugehen, sagt Lu Xin. Diese Überlegungen führten zum Thema ihrer Masterarbeit, aus der das Buch Western Architects and City Planners in China entstanden ist. Dafür interviewte Lu Xin 2003 dreißig deutsche und chinesische Experten, Stadtplaner und Architekten, aber auch Entscheidungsträger aus dem kaufmännischen Bereich. 2005 und 2006 folgten weitere Gespräche, da sich die Situation für Planer bereits verändert hatte: „Thema des Buches sind nicht nur Architektur und Design, sondern auch Kommunikation und Business.“
Als Ausgangspunkt für interkulturelle Missverständnisse sieht Lu Xin unterschiedliche Bewertungssysteme innerhalb verschiedener Kulturen. „Solange man sich im eigenen Kulturkreis bewegt, ist es einfach, Dinge zu bewerten, aber wenn man in eine fremde Kultur kommt, reflektiert man die Dinge, die einem begegnen, ebenfalls mit dem eigenen bekannten Bewertungssystem. Dadurch kommt es schnell zu Konflikten. Dieselben Dinge können in einem anderen Kulturkreis mit einem eigenen Bewertungssystem etwas ganz anderes bedeuten. Interkulturelles Verständnis bedeutet zuerst einmal Offenheit. Aber selbst wenn man bereit ist, zu verstehen, muss man sich von seinem bekannten Bewertungssystem lösen und versuchen, weiter wahrzunehmen und nachzufragen: ‚Was der bedeutet das in diesem kulturellen Kontext?’ Nach meinen Erfahrungen ist das für die meisten Menschen ein Problem.“
Lu Xin nennt als Beispiel, was in Deutschland und China als „schön“ angesehen wird: „In Deutschland wird ein einfaches Gebäude mit reduziertem Design, aber mit klaren Linien als sehr schön empfunden – aber in China denken die Bauherren: ‚Das ist aber langweilig’, selbst wenn sie ursprünglich unbedingt etwas „europäisches“ verlangt haben. Das ist der Grund, warum französische Architektur in den letzten 10 Jahren in China gut angekommen ist. Die Chinesen mögen es nun mal eher verspielt und bunt.“ Lu Xin folgert daraus, dass ausländische Architekten lokale Vorlieben in ihre Planungen respektieren sollten, wenn sie erfolgreich in China tätig sein wollen – und versuchen sollten, daraus etwas Positives zu machen.
Das Buch
Western Architects and City Planners in China geht auf viele der Probleme in der Zusammenarbeit chinesischer und westlicher Architekten und Planer umfassend ein: Lu Xin erläutert Unterschiede in Philosophie, Denk- und Arbeitsweise und ihre geschichtlichen Wurzeln, sie erklärt Widersprüche des chinesischen Geschäftsumfelds und beantwortet Fragen wie: Wieso gibt es bei Projekten in China so häufig Änderungen? Wieso kopieren chinesische Architekten so viel? Wie geht man mit chinesischen Bauherren um? Worauf muss man bei Designwettbewerben in China achten? Was ist ein guter Architekt – in Deutschland und in China? Viele Beispiele aus Praxis sowie Gegenüberstellungen kultureller Phänomene, z.B. Vergleiche zwischen chinesischer und westlicher Malerei, tragen dazu bei, dass die Lektüre sehr kurzweilig ist.
Zielgruppe der Publikation sind in erster Linie ausländische Architekten. Allerdings sind auch chinesische Architekten sehr interessiert daran, zu erfahren, wie ihre deutschen Kollegen denken und arbeiten. Im Moment hat Lu Xin leider wenig Zeit, noch zu unterrichten oder Vorträge zu halten - ihre Arbeit entwickelt sich zunehmend von reiner Planung hin zu komplexem Projektmanagement und Beratung. Trotzdem sieht sie ihr Buch erst als Anfang ihrer Rolle als interkulturelle Mittlerin. Und so hofft sie, irgendwann in der Zukunft, wenn der Bauboom in China abflaut, mehr Zeit für solche Aufgaben zu haben.
Text: Maja Linnemann
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Dezember 2008
Chefredakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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Dezember 2008









