Eindrücke vom zweiten CNEX Chinese Documentary Forum in Taipei


CNEX-Organisatoren mit Preisträgern 2011, Bild: mit freundlicher Genehmigung von CNEX
Der folgende Artikel wurde am 3. November 2011 bei Southern Weekend veröffentlicht.
Wang Wenming (王文明), 56, Fotojournalist aus der Provinz Gansu, hat rund 30 Jahre Kameraerfahrung. Unter anderem hat er auch bei großen chinesischen TV-Dokumentationen mitgewirkt und Reportagen gedreht. 2006 wurde er auf die Umweltprobleme im Hexi-Korridor an der Seidenstraße aufmerksam und begann, dort zu filmen. 2007 lernte er im Dorf Huihuang im Kreis Minqin das Mädchen He Fangfei (何芳菲) und ihre Familie kennen.
Als Wang auf die Familie He traf, war Fangfei gerade in die Grundschule gekommen und träumte davon, „ein Kader zu werden, wenn ich einmal groß bin“. Das Dorf Huihuang liegt am bereits ausgetrockneten Qingtu-See. Damit der Kreis Minqin nicht zu einem zweiten Lop-Nor wird, hatte die Regierung die Dorfbewohner bereits aufgefordert, aus ökologischen Gründen umzusiedeln. Doch der Familie He fiel es schwer, ihre alte Heimat zu verlassen. So gravierend war die Desertifikation der Böden in ihren Augen gar nicht, ihre Vorfahren hatten sich hier doch auch durchgeschlagen. Nach ein paar Jahren allerdings wurde Fangfeis Klasse aus Mangel an Schülern an eine neue Schule verlegt. Durch die Linse von Wang Wenmings Kamera kann man verfolgen, wie sich, während Fangfei heranwächst, immer mehr Sand an der Außenmauer ihres Hofes auftürmt.
Während der Dreharbeiten im Frühling 2011 wurden Wang Wenming und die Familie He vor schwere Entscheidungen gestellt. Im Dorf waren mittlerweile nur noch wenige Familien übrig geblieben und die öffentlichen Einrichtungen waren geschlossen. Zahlreiche Medien interessierten sich inzwischen für den Ort am Rande der Wüste, so dass einige Dorfbewohner ihre Existenz gar über die „Interviewgagen“ der Kamerateams bestritten und es aufgegeben hatten, ihre Böden weiter zu bestellen. Vor Großvater He lag eine ungewisse Zukunft: „Wenn wir nicht umsiedeln, haben wir wohl keine Perspektive.“
Wang Wenming hatte seine eigenen Sorgen. Nachdem er die Familie He fünf Jahre mit der Kamera begleitet hatte, hatte er das Gefühl, den Wandel des Dorfes nahezu komplett dokumentiert zu haben. Das Filmmaterial belief sich auf fast 5.000 Minuten, aber er hatte keine Vorstellung, wer sich für diesen Dokumentarfilm interessieren könnte. Noch entscheidender war, dass nach den langen Dreharbeiten das Geld knapp wurde. Wie würde er einen Weg finden, Mittel für die Fortsetzung der Dreharbeiten aufzutreiben?
Wangs Sohn Wang Yifei (王一飞) studiert an der Communication University of China und kennt sich mit den Abläufen und Mechanismen auf dem internationalen Dokumentarfilmmarkt ein bisschen aus. Nachdem er das Filmmaterial seines Vaters gesichtet hatte, schrieb er ein Konzept für den Dokumentarfilm. In die Spalte, die für den Regisseur vorgesehen war, trug er den Namen seines Vaters ein, er selbst ernannte sich zum Produzenten. Dann schickte er das Dokument per E-Mail an das CNEX Chinese Doc Forum (CCDF) und kurze Zeit später hatten sie die erste Runde geschafft. Ende Oktober 2011 wurden Vater und Sohn zum Pitching nach Taipei eingeladen.
Der Huashan Creative Park in Taipei ist das Flaggschiff der taiwanischen Kultur- und Kreativbranche und erinnert äußerlich an das Kunstareal 798 in Peking. Am 29. Oktober 2011 fand hier das zweite CNEX Chinese Documentary Forum (CCDF-2) statt, auf dem 19 Fachleute aus allen Teilen der Welt mehr als 19 Drehkonzepte begutachteten. Darüber hinaus wurde unter Beteiligung von zehn international renommierten Dozenten ein fünftägiger Workshop zur Produktion von Dokumentarfilmen durchgeführt.
Dokumentarfilme: ideale internationale Öffentlichkeitsarbeit
Heute ist es im internationalen Dokumentarfilmgeschäft gängige Praxis, die Filme in einem Exposé vorzustellen. Dabei legt der Regisseur seine Filmidee vor und eine internationale Jury stellt unter Berücksichtigung der Produktionsanforderungen und im Namen der Sendeanstalten Fragen zum Konzept und gibt Anregungen. Anschließend wählt die Jury die in Frage kommenden Konzepte aus, leitet die Finanzierung in die Wege und trägt somit zur Realisierung der Filme bei.
In den letzten Jahren waren chinesische Dokumentarfilmer zunehmend auf den großen internationalen Dokumentarfilmplattformen wie dem Sundance Film Festival, Hot Docs, dem Sunny Side of the Doc oder dem International Documentary Film Festival Amsterdam vertreten, um dort ihre Filmprojekte vorzustellen und sich nach Investoren umzusehen. Mit dem enormen ökonomischen Aufschwung Chinas wuchs auch bei vielen TV-Sendern mit internationalem Renommee das Interesse für Themen aus China. Up the Yangtze und Last Train Home sowie eine Reihe weiterer Dokumentarfilme, die das reale China widerspiegeln, konnten sich internationale finanzielle Unterstützung sichern und wurden über führende westliche Medien ausgestrahlt.

Filmplakat „Last Train Home“
© EyeSteelFilm
© EyeSteelFilm
Von den 19 Konzepten, die bei dem diesmaligen CNEX-Forum in die engere Auswahl kamen, stammten über die Hälfte aus der Volksrepublik China. Darunter sowohl Filme, die das Leben der normalen Bevölkerung widerspiegeln, wie etwa Geschichten aus der westlichen Straße oder Lao Wangs Rhapsodie, als auch Filme rund um das Thema Bildung wie Kinderstars oder Main-land China, und schließlich mit Die Fischer und The Sandstorm Intrusion Filme, die sich mit dem Thema Umwelt auseinandersetzen. Letzt genannter Dokumentarfilm ist just das Werk von Wang Wenming. Das Vater-Sohn-Team hatte im Verlauf des Pitchings nicht nur viele der internationalen Juroren neugierig gemacht, sondern auch die Aufmerksamkeit mehrerer Einkäufer internationaler Fernsehsender auf sich gezogen. Wang Wenming gewann mit seinem auf 25.000 US-Dollar budgetierten Dokumentarfilm auf dem Forum schließlich den „Preis für das beste Konzept“ und erhielt eine Prämie von 5.000 US-Dollar. Zugleich wurde das Drehbuch an das Guangzhou International Documentary Film Festival und das Sunny Side of the Doc weiter empfohlen.
Bei der Preisverleihung vergoss Wang Wenming Freudentränen. Später meinte er dazu: „Ich habe ein wenig die Fassung verloren, aber das kam einfach zu überraschend“. In dem von ihm eingereichten Lebenslauf war als höchste persönliche Auszeichnung der Vergangenheit ein „Dritter Preis im Wettbewerb chinesischer Fernsehprogramme“ verzeichnet. Für diesen erfahrenen Kameramann wurde das CNEX-Forum zu einem Ort, an dem ein Traum in Erfüllung ging.
Eine andere Regisseurin, die ihren Traum realisieren konnte, ist Li Yaling (李雅玲). Die Studentin, die im vierten Jahr an einer taiwanischen Kunsthochschule studiert, erkrankte als Kind am Tourette-Syndrom und hatte unter dem mangelnden Verständnis für diese Gruppe von Menschen in der Gesellschaft zu leiden. Protagnisten ihres Films sind sie selbst und andere Betroffene. Under Control again ist ein Drehbuch voller Liebe und Mitgefühl, das schließlich einen geteilten Preis für das „Beste Konzept“ erhielt.

Szene vom Festival CCDF-2 , mit freundlicher Genehmigung von CNEX
Wer sagt, dass Dokumentarfilme nicht die Welt verändern?
Auf dem CNEX-Forum waren sowohl Newcomer wie Wang Wenming oder Li Yaling vertreten, als auch Regisseure wie Yu Xun (余迅), Long Miaoyuan (龙淼渊) oder He Zhaoti (贺照缇), die auf dem internationalen Markt bereits einen Namen haben. Die letzt genannten haben alle im Ausland Film studiert, so dass sie im Austausch mit dem Filmverleih keine Sprachbarrieren haben. Außerdem wissen sie, welche Stoffe gut ankommen.
Während des Auswahlverfahrens hatte ich die Dokumentarfilmkonzepte in einem Mikroblog hochgeladen. Das stärkste Feedback gab es auf den Beitrag von Nachwuchsregisseur Li Xiaofeng (黎小峰), dessen Lao Lius Rhapsodie 500 Mal weiterempfohlen oder kommentiert wurde. Der Dokumentarfilm erzählt von einem ganz gewöhnlichen, etwas idealistischen Chinesen, der im Rahmen der Kampagne „Vom Genossen Lei Feng lernen“ durch das Land reist und dabei immer wieder in Fettnäpfchen tritt. Ein lebendig erzählter Dokumentarfilm mit schwarzem Humor. Der gut einminütige Trailer brachte das Publikum mehrmals zum Lachen. Auch mir hatte dieser Film sehr gut gefallen, doch bei der internationalen Jury kam er überhaupt nicht an: „Um dem westlichen Zuschauer den Witz an der Story zu vermitteln, müsste man die Hintergründe wohl mit noch mehr Kommentaren erklären.“ Nick, ein erfahrener Filmeinkäufer für die BBC meint, für viele Dokumentarfilmregisseure werde das Wissen um Stoffe mit globaler Gültigkeit die Grundvoraussetzung für den Zugang zu den internationalen Produktionsprozessen darstellen.

Szene aus „Lao Lius Rhapsodie“ von Li Xiaofeng © Li Xiaofeng, mit freundlicher Genehmigung von CNEX
Den Großteil der auf dem CNEX-Forum präsentierten Filme machten Arbeiten mit einem wirklichkeitsnahen Bezug aus. Hierin liegt auch der Fokus des CCTV-Dokumentarfilmkanals, der seit einem halben Jahr sendet: Der Trend geht zu aktuellen Stoffen, das ist ein eisernes Prinzip. Doch bei der Auswahl solcher aktueller Themen gehen die Dokumentarfilmer zu beiden Seiten der Taiwanstraße jeweils ihren eigenen Weg. Lin Yuequn (林乐群), Executive Producer beim taiwanischen Public Television Service (PTS), brachte es auf den Punkt: „Während man in Taiwan das Persönlich-Familiäre kultiviert, geht es auf dem Festland um Innen- und Außenpolitik.“
So scherzhaft das klingt, behandeln die festlandchinesischen Regisseure im Allgemeinen tatsächlich eher große und vergleichsweise tiefschürfende Themen. Ein Beispiel dafür ist Main-land China von Wang Miao, in dem es um chinesische Austauschschüler in den USA geht. Das Drehbuch ist speziell auf einen Vergleich zwischen dem chinesischen und amerikanischen Bildungssystem hin angelegt, gegenwärtig ein beliebtes Thema in China. Die taiwanischen Regisseure indessen legen ihr Augenmerk eher auf Einzelschicksale aus dem unmittelbaren Umfeld. Ähnlich wie der oben erwähnte Under Control again ist auch Wu Tairens (吴汰紝) Take Kids to Work Day ein Film mit viel Herzenswärme. Der Film möchte dem weiblichen Publikum am Beispiel eines äußerst humanen Arbeitsumfelds eines Unternehmens, in dem es erlaubt ist, die Kinder mit in die Arbeit zu nehmen, sagen, dass Familie und Beruf vereinbar sein können. Als Wu Tairen für ihre Ansprache die Bühne betritt, hält sie in der Hand einen Keks aus Muttermilch, den eine der von ihr interviewten Frauen selbst gebacken hat: „Wir glauben daran, dass reale Bilder sogar das geltende Recht verändern können.“ Auch wenn sich die Jury letztlich nicht für dieses Drehbuch aussprach, sollte die Regisseurin doch auf andere Art ermutigt werden.
Fernanda Rossi ist als Expertin für die Struktur von Filmstorys auf allen großen Dokumentarfilmfestivals präsent und war auch eine der Workshop-Trainerinnen auf diesem Forum. Auf der Preisverleihung des CNEX-Forums erzählte sie ihre eigene Geschichte: „In New York wagt es zwar niemand mehr, Menschen mit dunkler Hautfarbe zu diskriminieren, doch wenn ich meine Kinder zum Essen mitnehme, werde ich häufig aufgefordert, das Lokal zu verlassen.“ Aus diesem Grund entschloss sich Fernanda Rossi dazu, ihre Beratergage sowie den Betrag für die Babysitterin an das Team von Take Kids to Work Day zu spenden. „Wer sagt, dass Dokumentarfilme nicht die Welt verändern?“, meinte Fernanda Rossi, „ich hoffe, ich habe den ersten Schritt dazu getan.“
Text: Chen Xiaoqing (陈晓卿)
Dokumentarfilmregisseur und Redakteur bei CCTV
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2011
Dokumentarfilmregisseur und Redakteur bei CCTV
Übersetzung: Julia Buddeberg
Dezember 2011









