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Geschichte in Serie: von der Qing-Zeit zur Volksrepublik

Szene aus „Die Geschichte von Liu Shaoqi“: Guo Lianwen in der Rolle des Liu Shaoqi © CCTV
Szene aus „Die Geschichte von Liu Shaoqi“: Guo Lianwen in der Rolle des Liu Shaoqi © CCTV
Szene aus „Die Geschichte von Liu Shaoqi“: Guo Lianwen in der Rolle des Liu Shaoqi © CCTV

Weltweit erleben wir derzeit einen Boom der „History Soaps“ und „Biopics“, wobei die Palette an Filmbiographien von Sportgrößen (Ali), Autoren (Capote), Filmgrößen (The Aviator, Romy Schneider) bis hin zu politischen Figuren (Elisabeth, Che, Frost VS Nixon) reicht.

In China erfreut sich seit einigen Jahren ein verwandtes Genre der verfilmten Biographie, die „History Soap“, großer Beliebtheit. Damit sind Serien gemeint, die über mehrere Wochen hinweg täglich das Leben verschiedenster wichtiger Persönlichkeiten der chinesischen Nationalgeschichte im Fokus haben. Meist wird diesen Serien der beste Sendeplatz auf dem landesweiten Zentralkanal „CCTV-1“ eingeräumt. Dieser Abschnitt nach den Abendnachrichten wird auch „Hauptmelodie“ genannt, da dann Themen behandelt werden, die die Regierung als besonders wichtig oder wertvoll erachtet.

Vielschichtige Charaktere statt Schwarz-Weiß-Malerei

Während lange Zeit in China eine Schwarz-Weiß-Malerei bei der Darstellung von Figuren vorherrschte, zeigen Autoren und Publikum nun zunehmend Interesse an menschlicheren, facettenreichen Figuren. Anstelle von Lichtgestalten oder abgrundtiefen Bösewichten treten fehlerbehaftete, vielschichtigere Figuren, deren Handeln oder Standpunkt man nicht ohne weiteres gutheißen oder verurteilen kann. Eines der eindeutigsten Beispiele für diese neue Richtung ist die Serie Der Weg in die Republik, die im Frühjahr 2003 das Publikum fesselte. Zwei Vorgängerserien hatten das Leben der Qing-Kaiser Yongzheng (雍正, 1678-1753) und Kangxi (康熙, 1654–1722) in allen Einzelheiten dargestellt. Sie waren auch weit über die Landesgrenzen in Ostasien sehr erfolgreich, doch Der Weg zur Republik sorgte für besonders großes Aufsehen. Erstmals wurden im Fernsehen bedeutende Personen der späten Kaiserzeit, die in bisherigen Geschichtsdarstellungen sowohl auf dem Festland als auch in Taiwan sehr negativ bewertet wurden, in einem positiven Licht dargestellt und ihr Beitrag für Chinas Weg in die Moderne gewürdigt.

Szene aus „Der Weg zur Republik“, Ma Shaohua als Dr. Sun Yatsen und Sun Chun als Yuan Shikai ©  www.cctv.com
Szene aus „Der Weg zur Republik“, Ma Shaohua als Dr. Sun Yatsen und Sun Chun als Yuan Shikai © www.cctv.com


Rehabilitation ehemaliger Bösewichte

Der führende Staatsmann der späten Qingzeit Li Hongzhang (李鸿章, 1823–1901), der in den Geschichtsbüchern Chinas als “Landesverräter” bezeichnet wird, weil er u.a. die Verträge zur Abtretung Taiwans unterzeichnete, wurde hier entlastet und sogar als fähiger Außenpolitiker gefeiert. Auch die Kaiserinwitwe Cixi (慈禧, 1835-1908), die den coup d’état zur Beendigung der Reformversuche von 1898 zu verantworten hat, erlebte eine positive Neuinterpretation. Die verblüffendste Neubewertung geschah aber mit Yuan Shikai (袁世凯, 1859–1916), dem ersten Präsidenten der Republik, dem im nationalen Gedächtnis Chinas der mehrfache Verrat an Reformern und Demokraten zur Last gelegt wird. In der Serie wurden seine Winkelzüge dadurch erklärt, dass er so eine Aufteilung Chinas unter den kolonialen Mächten verhindern wollte. Mithin bekommen Reformer, Monarchisten und Revolutionäre alle einen Platz im Pantheon der Helden der Nationalgeschichte, da sie wenn auch mit unterschiedlichen Ansätzen so doch ein patriotisches Ziel verfolgten: die Einigung des Landes.

Kurz nach Beginn der Ausstrahlung der Serie begannen kontroverse Diskussionen in Zeitungen, Fernsehen und im Internet. Die Neubewertung von historischen Personen war sehr umstritten. Konservative Historiker kritisierten die „Vermenschlichung“ von Bösewichten heftig, mit der Begründung, sie überfordere das Publikum, welches noch nicht reif für allzu komplexe Charaktere sei und immer noch klarer Vor- und Feindbilder bedürfe.

Fernsehen dient der patriotischen Erziehung

Obwohl in China viel gelesen wird und das Internet einen rasanten Anstieg der Nutzerzahlen verzeichnet, ist das Fernsehen immer noch das wichtigste Medium zur Verbreitung von Ideen. Da gerade hier die Partei ihr Meinungsmonopol ehrgeizig behauptet, verwundert es nicht, dass Themen zensiert werden, die in der Wissenschaft oder auch in Literatur und Theater relativ frei diskutiert werden können. Das Fernsehen hat die Aufgabe der patriotischen Erziehung, so dass immer dann, wenn die territoriale Integrität, Minderheitenvölker oder die Taiwanfrage berührt werden, besonders genau geprüft wird. Interessanterweise verfolgte Der Weg zur Republik eine deutlich patriotische Linie, sowohl in der Taiwanfrage als auch bei der Kritik an den Kolonialmächten. Da jedoch in den Foren zur Serie bald auch politische Alternativmodelle, die zur vorletzten Jahrhundertwende auf dem Plan standen, diskutiert wurden, wurde eine wiederholte Ausstrahlung untersagt.

Genaue Prüfung historischer Stoffe

Die unbequemen Diskussionen hatten entsprechende Verfeinerungen des Zensursystems von TV-Serien zu Folge. Vorher wurde nur bei Akteuren der „Großen Revolution“ eine dem Zentralkomitee direkt untergeordnete Arbeitsgruppe eingeschaltet, um ein politisches Unbedenklichkeitssiegel auszustellen. Nun wurde diese bei allen Fällen von „Großer Geschichte“ für zuständig erklärt. Dieser bewusst diffus definierte Sammelbegriff schließt alle bedeutenden Figuren und Ereignisse der Nationalgeschichte ein. Zudem wurden für die Beantragung von Drehgenehmigungen eng definierte Kategorien eingeführt und eine detaillierte Beschreibung von Handlung und Figuren vorgeschrieben. Werke, die große Zeiträume überspannen, sind wegen enger Vorgaben für verschiedene Epochen nun nicht mehr möglich.

Liu Shaoqi: Rehabilitation eines Opfers der Kulturrevolution

Im starken Kontrast zur genannten Serie Der Weg zur Republik steht Die Geschichte von Liu Shaoqi. Auch in dieser „History Soap“ wird eine Neubewertung vorgenommen. An diesem Fall kann man gut verfolgen, wie politisch wichtige Botschaften über dieses Medium vermittelt werden. Liu Shaoqi (刘少奇, 1898–1969) verfolgte bekanntermaßen als Präsident nach dem missglückten „Großen Sprung nach Vorn“ Anfang der 60er zusammen mit Deng Xiaoping (邓小平, 1904-1997) eine pragmatische Linie, wurde dann aber während der Kulturrevolution gestürzt und starb verwahrlost im Hausarrest. Deng betrieb schon bald nach Beginn der „Reform und Öffnung“ die Rehabilitation seines politischen Ziehvaters, doch eine Stilisierung dieser politisch sensiblen Figur zum kommunistischen Helden sollte erst viel später möglich werden. Anlässlich des 110. Geburtstags Lius im November 2008 wurde ihm ein digitales Monument in Form einer 12-teiligen Serie errichtet, die parallel zu den 30-Jahr-Feiern des Beginns der Öffnungspolitik Chinas ausgestrahlt wurde.

Bemerkenswerterweise werden in der Biographie Schlaglichter auf Lius öffentliches und privates Leben in der Zeit zwischen Ausrufung der Volksrepublik und 1963 geworfen. Die Zeit des revolutionären Kampfes vor 1949, sein erbärmliches Ende und die Hungerkatastrophe des „Großen Sprungs“ werden jedoch ausgespart. In der Serie sehen wir Liu Shaoqi nicht als gewaltbereiten Klassenkämpfer, sondern als souverän auftretenden Vermittler, der z.B. einen Streik durch Versöhnung zwischen Werksleitung und den Arbeitern beendet und Gewaltausbrüche verhindert. Er reist wie der Kalif von Bagdad inkognito von Ort zu Ort, um sich ein Bild von den wahren Zuständen im Land zu machen. Dabei nimmt er sich der Nöte der Landbevölkerung an und deckt Korruption auf unterer Kaderebene auf. Er duldet keinerlei Bereicherung oder auch nur minimale Privilegien für seine Familie, da er den weitverbreiteten Nepotismus bekämpfen will.

Szene aus „Die Geschichte von Liu Shaoqi“: Guo Lianwen in der Rolle des Liu Shaoqi © CCTV
Szene aus „Die Geschichte von Liu Shaoqi“: Guo Lianwen in der Rolle des Liu Shaoqi © CCTV


Präsentation eines moralischen Vorbilds

Die Auswahl genau dieser Themen in Zeiten wachsender Spannungen und Unzufriedenheit im Land ist bewusst auf das heutige Publikum zugeschnitten. Statt der Darstellung historischer Zusammenhänge ist vielmehr die Präsentation eines Helden und moralischen Vorbilds von zentralem Interesse. Dem Publikum soll versichert werden, dass heute wie damals die politische Führung Korruption entschieden bekämpft, in Konflikten zwischen Kapital und Arbeit eine harmonische Lösung herbeiführen kann und nahe am Volk ist. Zum einen soll der Zuschauer so das beruhigende Gefühl vermittelt bekommen, dass auf die Regierung Verlass sei. Zum anderen werden Kader daran erinnert, sich den Idealen der kommunistischen Revolution verpflichtet zu fühlen. Harmonie und Modernisierung treten an die Stelle von Klassenkampf und Revolution.

In den Debatten zu dieser Serie in Internetforen wurde die moralische Integrität Lius sehr betont, und viele Diskussionsteilnehmer wünschten sich, dass diese Qualitäten bei den heutigen Beamten und Kadern weiter verbreitet wären.

Für eine umfassende biographische Darstellung Lius müssten jedoch auch die letzten Jahre seines Lebens einbezogen werden. Doch eine Aufbereitung der tragischen Epochen des „Großen Sprungs nach Vorn“ und der Kulturrevolution wird sicher noch lange ein zu heißes Politikum sein.
Text: Matthias Niedenführ
Managing Director des European Centre for Chinese Studies an der Peking Universität (ECCS)
Juni 2009

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