Portraitmosaik

Tao Jingning

Tao Jingning, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, lebt seit 25 Jahren in Deutschland

Wenn Sie mich fragen, ob ich Chinese oder Deutscher bin: Ich bin beides und beides nicht. Als ich China verlassen habe, war ich noch sehr jung, noch nicht tief genug in der chinesischen Kultur verwurzelt. Hier dann die rein westliche Ausbildung. Meine Forschungsgebiete sind Mittel-und Althochdeutsch, man kann also sagen, ich wurde von den Wurzeln an verwestlicht. Aber wenn Sie nun sagen, ich sei Deutscher, stimmt das auch wiederum nicht.

Ein kleines Beispiel: Da hatte ich endlich meinen eigenen kleinen Garten, in dem Pflanzen wucherten und Wildblumen blühten, ein Idyll für Bienen und Insekten ebenso wie für meine Familie, die das Ganze bewunderte. Nur mein Nachbar war nicht glücklich, denn er fürchtete um seinen hochwertigen Rasen, der durch wilde Samen verunreinigt werden könnte und dann nicht mehr schön sei. Aus Protest wollte er, dass wir auch so einen 1A-Rasen pflanzen! Ich habe das nicht verstanden, wo die Deutschen doch die Natur so lieben! Wenn sie verreisen, wollen sie die wilde Natur erleben und sind hingerissen von urwüchsigen Landschaften. Warum in aller Welt muss dann das Gras im Garten gemäß der DIN-Norm wachsen!

Aber ähnliches kann dir auch mit Chinesen wiederfahren. Viele sprechen nur darüber, was andere nicht können oder sind und wie es bei XY aussieht usw. natürlich darf es verschiedene Vorlieben und Abneigungen geben, aber man sollte doch auch bedenken, dass die Welt ziemlich groß ist und jeder Mensch durchaus andere Lebensvorstellungen und andere Weltanschauungen haben kann. Warum kann man nicht toleranter miteinander umgehen? Ist es wirklich so, dass es in der chinesischen Kultur so wenig Humanismus oder „Nächstenliebe“ gibt?

Deutschland ist eine Demokratie, die großen Wert auf politische Transparenz legt. Jedwede Veränderung kommt einem schwierig und unheimlich langsam vor. Von Nahem betrachtet ist das nicht gerade effektiv oder dynamisch, aber von Weitem besehen kann man darin einen natürlichen und organischen Prozess erkennen - wenn das Gras schon nicht natürlich wachsen darf, so sollte es doch wenigstens die Gesellschaft tun.

Und zur Frage, was ist Heimat: Wenn ich lange Zeit hier bin, dann will ich wieder nach China fahren. Aber nach wenigen Tagen ist das gefühl des „Neuen“ schon wieder weg und ich kann mich wieder nicht eingewöhnen. Und wenn ich dann endlich wieder nach Deutschland kann, denke ich, ja, hier bin ich zu Hause.

Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2007

    KuBus 75 - Chinesen in Berlin

    Sibei vor Philharmonie
    In Berlin leben heute rund 6.000 Chinesen. Wie fühlen sie sich? Hier einige Antworten.