Portraitmosaik

Chen Ning

Chen Ning, freier Autor, lebt seit über 25 Jahren in Deutschland

Chinese? Deutscher? Beides und keins von Beidem. Ich will es mal lieber positiv ausdrücken: Manchmal sagen wir so zum Spaß, wir seien "Deu-Nesen", ob man das getrennt, mit Bindestrich schreibt oder  in einem Wort, ohne Bindestrich, so oder so  nimmt jeder Teil je eine Hälfte ein, wodurch quasi anerkannt wird, dass beide Teile gleichwertig sind, ein Ganzes bilden, sich gegenseitig durchdringen und untrennbar zu Einem verschmelzen.

Bei meiner Abreise damals war ich doch schon gewissermaßen mit  China verhaftet, denn durch den familiären Bildungshintergrund gab es für mich  von klein auf die Berührung mit  den Künsten und den  praktischen Umgang damit: Da waren die Schildkrötenpanzer- und Knocheninschriften, die Siegelschrift, die Bronzen und die verzierten Dachziegel, die Bildhauerei und das Porzellan, die Song-Gedichte und Yuan-Dramen, die Poesie, Kalligraphie, Malerei und  die Siegel, das Theater und die Musik ... diese über die Kunst auf der Gefühls- und geistigen Ebene erworbenen Kenntnisse und Wahrnehmungen chinesischer Kultur sind tief verwurzelt, besonders weil sie in der frühen Kindheit einsetzten. Später, nach meiner Ankunft in Deutschland, wurde das noch aufgefüllt mit chinesischer Philosophie und Geschichte. Deswegen gilt  für mich persönlich- wenn ich mal ganz genau abwägen soll - dass das "Deu" doch eher so etwas wie die Vorsilbe ist und das "Nese" die Wortwurzel.

Unglaublich - 25 Jahre! Ein Vierteljahrhundert. Was für eine lange Zeit! Meine reifsten Jahre habe ich in Deutschland verbracht. Die Frage nach einer "Verwestlichung" braucht man sich nicht zu stellen: Ob durch Dämpfen oder Räuchern - Farbe und Geschmack verändern sich in jedem Fall, und selbst das bloße Abstellen an irgendeinem Platz führt, wenn es nur lange genug dauert, bereits schon zu Verfärbungen.

Aber die Grenze zwischen "chinesisch" und "deutsch" läßt sich bei mir nicht so ganz klar ziehen: Wenn ich etwas aufnehme, fällt alles automatisch auf seinen richtigen Platz, ohne dass es mich irgendwie stört. Wenn ich etwas hervorbringe, und es um Konkretes, Praktisches und Gründliches geht, bin ich eher etwas "westlicher", dreht es sich um Esoterisches und Transzendentales, Unbefangenes und Zwangloses - dann bin ich selbstverständlich etwas "chinesischer". Aber als ich einmal in China beim Essen als erster eintraf und mein Bruder mir aufgetragen hatte, für alle Bier zu bestellen, ließ ich für jeden ein Glas Bier kommen. Mein Bruder schimpfte dann: "Du Deutscher! Hier bei uns bestellt man gleich mehrere Krüge auf einmal".

Wenn es die Verwandten und Freunde nicht gäbe, könnte ich in China nahezu nichts mehr finden, das mir noch von früher vertraut ist. Als ich nach meinem Geburtshaus in Nanjing suchte, habe ich es noch gefunden: Es ist jetzt ein verfallenes Gebäude, für den Abriss bestimmt, von ein paar Wanderarbeitern bewohnt. Verlasse ich für etwas länger den Ort, an dem ich nun 25 Jahre gearbeitet, gewohnt und gelebt habe, vermisse ich etwas. Bin ich wieder zurück, dann kehrt eine innere Ruhe ein. Das muss wohl das Zuhause sein.
Übersetzung: Ute Gebina Gareis
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2007

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