Künstler in der Fremde

Das Ende einer Odyssee? Zhu Jinshi über die zeitgenössische chinesische Kunst

Zhu Jinshi im Teehaus Copyright: Zhu Jinshi Zhu Jinshi im Teehaus Copyright: Zhu JinshiExilkünstler – dieses Attribut haftet dem 53-jährigen Künstler Zhu Jinshi weiter an, obwohl er nach fast 20-jährigem Aufenthalt in Deutschland, wieder in seine Heimat Peking zurückgekehrt ist. Das Leben auf einem fremden Kontinent hat ihn nachhaltig geprägt. Auf die Frage, was ihm Deutschland gegeben hat, antwortet er:  "Die künstlerische Wahrnehmung und Sprache". Aus heutiger Sicht klingt es selbstverständlich, dass ein Künstler sich innerhalb dieser Koordinaten bewegt. In Zhu Jinshi lösten diese, als er 1986 aus China nach Deutschland kam, jedoch einen Schock aus, der sowohl schmerzhaft als auch reinigend war.

Bevor er China verließ war Zhu Jinshi ein Mitglied der legendären Künstlergruppe "Sterne". Zusammen mit den so genannten "Obskuren Poeten", die sich in den 80er Jahren gegen den Propaganda-Charakter und Realismus der chinesischen Dichtung wandten, bildeten die "Sterne" nach der Kulturrevolution die Vorhut einer neuen künstlerischen Bewegung. Ihre "Narbenkunst" hatte die schmerzvollen Erfahrungen des zehnjährigen politischen Chaos zum Thema. Am 27.09.1979 machten ein paar junge Künstler, allesamt Autodidakten, auf ihre westlich beeinflusste Kunst aufmerksam, indem sie ihre Werke einfach an den Zaun der staatlichen China Art Gallery hängten. "Käthe Kollwitz ist unser Banner, Picasso unser Vorreiter" war die Parole dieser ersten "Sterne"- Ausstellung. Schon am nächsten Tag wurde die Ausstellung von den Behörden geräumt. Daraufhin organisierten die Mitglieder der "Sterne" am chinesischen Nationalfeiertag einen Protestmarsch von der Mauer der Demokratie, an der damals im "Pekinger Frühling" eine zeitlang freie Meinungsäußerung möglich war, bis vor die Pekinger Stadtregierung. Mutig forderten sie Demokratie und künstlerische Freiheit. Man kann die Aktionen der Gruppe "Sterne" als die erste große politische Performance nach der Kulturrevolution sehen.

Durch ihre abstrakte Kunst bildeten die "Sterne" vor allem eine Gegenbewegung zum offiziellen Stil des sozialen Realismus. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre ließ sich ihre Kunst schon als eine formalistische Avantgarde charakterisieren, auch wenn ihre Werke noch nicht ausgereift waren und stark die westliche Kunst imitierten. Ihr "L`art pour l`art" negierte die Politisierung der Kunst und lässt sich so als politische Haltung verstehen. Ihre Abkehr vom staatlich geforderten Realismus zugunsten eines modernen Formalismus, ihre Ablehnung klarer Freund- oder Feindbilder, wie es die Propagandakunst vorschrieb, und die Ambivalenz ihrer Werke waren Ausdruck ihrer Rebellion.

Heimat oder Exil?

Heute haben sich die meisten ehemaligen "Sterne" einen Namen in der Kunstszene gemacht. Li Xianting, Kurator und Kunstkritiker der ersten Stunde, der liebevoll als "Vater der zeitgenössischen chinesischen Kunst" bezeichnet wird, ist einer der wenigen, die in Peking die Stellung gehalten haben. Andere haben China - zumindest für eine Weile - den Rücken gekehrt: Ai Weiwei, Yan Li, Ah Cheng, Huang Rui, Ma Desheng und eben auch Zhu Jinshi.

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In Europa war es längst kein Thema mehr, ob und wie man abstrakt malte. Für einen Künstler aus China stellte sich aber automatisch die Frage, ob man sich politisch - als Dissidenten-Künstler - oder durch die kulturelle Differenz definierte. Das lief auf einen subtilen Unterschied in der Positionierung zu China hinaus: entweder die Abkehr von Chinas autokratischem Politsystem oder die Identifikation mit der chinesischen Kultur. Zhu Jinshi bezog seine künstlerischen Impulse nicht aus dem Ansatz des politischen Widerstands. Er war hingegen von dem Gedanken fasziniert, dass die Kunst sich selbst genügt. Nach einer Orientierungsphase wurde ihm immer klarer, auf was es ihm ankam: mit den Mitteln der modernen Kunst dem Westen die chinesische Kultur näher zu bringen.

Sein Ansatz traf den Nerv der Zeit. Auch in der Kunst stellt sich die Frage, ob es eine Alternative zum westlich dominierten Diskurs gibt und ob es zu einem Paradigmenwechsel kommt. Der Westen ist es gewohnt, die chinesische Kunst aus dem Blickwinkel eines selbstreflexiven Eurozentrismus zu betrachten. Das führte zu einer oft wohlmeinenden, jedoch fraglichen Vorverurteilung der chinesischen Kunst. Im Westen sieht man, was man sehen will oder was man in der Lage ist zu sehen. Die Fehlinterpretationen durch den Westen erschreckten Zhu Jinshi, auch wenn sie durchaus gut gemeint waren. Östliche und westliche Kunst stehen in einem ganz anderen Kontext, vieles ist mit Worten nicht zu vermitteln und verlangt ein besonderes Gespür das öffnet Raum für Missverständnisse.

Wer "macht" die Kunst?

Heutzutage wird der kulturelle Dialog zwischen West und Ost immer mehr durch wirtschaftliche Verflechtungen überdeckt. Mit dem Ende des Jahrtausends sei auch die Zeit der chinesischen Exilkunst vorbei, meint Zhu Jinshi. Die Künstler treten nach und nach die Heimreise nach China an. Zeitgenössische Kunst aus China wird auf dem internationalen Markt heiß gehandelt und in der Volksrepublik sprießt eine Galerie nach der anderen aus dem Boden. Nun haben die Künstler viel bessere Möglichkeiten auf heimatlichem Boden auszustellen als auf den etablierten Kunstmärkten Europas und der USA. Der persönliche Charme chinesischer Künstler ist nach den 90er Jahren jedoch im Schwinden begriffen. Die Kunst ist zur gemeinsamen Sache von Kuratoren, Museen, Kritikern, Sammlern, Galerien und Künstlern geworden. Der Kunstmarkt saugt die Individualität vieler Künstler auf und die Kuratoren haben das Zepter übernommen. Angesichts der derzeitigen Höhenflüge auf dem Kunstmarkt prognostiziert Zhu Jinshi lakonisch: Der Großteil der chinesischen Zeitgenossen wird sich in diesen Höhen nicht halten.

Die Suche nach dem Durchbruch

Die zeitgenössische Kunstszene ist immer in Bewegung. Künstler suchen ständig nach einer Lücke, einem neuen Weg für ihren Durchbruch. Zhu Jinshi hat für seine Werke immer wieder Reispapier verwendet, denn neben der besonderen Materialität steht dieses Papier in einem engen Kontext mit der chinesischen Geschichte und Kultur. Es vereinigt die Qualitäten von Sprache und Sinnlichkeit.

Vor dem Hintergrund der Öffnung des Ostens erscheint die Verwendung der "nationalen Essenz" wie man in China sagt, mittlerweile jedoch als eine obsolete Formel, als inhaltslose Dekoration. Die Suche nach dem was Chinesisch ist, wird heute immer schwieriger und subtiler. Auch der Kunstmarkt ist schnelllebig geworden: Wie gewonnen, so zerronnen. Ein Thema löst das nächste ab und heute gefundene Wahrheiten erweisen sich morgen schon als Bürde. Auch wenn du noch so lange im Kunstgeschäft bist, geht es dir wie den jungen Künstlern: Du tastest dich vor, du stößt gegen Wände. Und nur, wenn du den schmalen Spalt in der Mauer findest und das System erschütterst, wird es sich für dich öffnen. Wer nicht gegen das System rebelliert, wird darin verfaulen. Die neue Künstlergeneration ist jung, vital und wach. In ihrer Unwissenheit und Unerschrockenheit liegt auch die Kraft etwas zu bewegen. Ist das nicht genauso wie bei den Künstlern, die heute tonangebend sind? Auch sie haben damals aus einer ganz naiven Haltung heraus die ältere Generation abgelöst.

Ende 2006 stellte Zhu Jinshi gemeinsam mit dem Künstler Tan Ping, der ebenfalls lange in Deutschland gelebt hat und heute Vizerektor der zentralen Kunstakademie ist, im Today Art Museum in Peking aus. Unter dem Motto "I paint there for I am" zeigte Zhu Jinshi 16 großformatige abstrakte Werke, die sich zwischen Ready Made und Malerei bewegen. Weil einige Werke überdimensioniert waren, musste das Tor der Kunsthalle abmontiert werden. Nur weil die Kunst sich quer stellte, konnte ein "Durchbruch" erfolgen. Natürlich ist das nicht der einzige Gehalt seiner Arbeiten. Die Werke haben sowohl malerischen als auch transformativen Charakter. Die Farbe ist nicht mit dem Pinsel, sondern in Handwerker-Manier mit dem Spachtel dick aufgetragen, so dass Linien und Farbflächen in ein dreidimensionales Objekt überführt werden. Für Zhu Jinshi besteht jede Arbeit aus einer Fülle an kaum wahrnehmbaren Details. Sie protokollieren die unzählbaren Fäden, die den Menschen im Laufe seines Lebens mit der Umwelt verknüpfen. Manchmal kann Zu Jinshis Kunst eine dieser Verknüpfungen auflösen und manchmal verändert sie auch die Einstellung eines Menschen.

Text: Dr. Wang Ge, auf Grundlage eines Interviews im Juni 2007
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

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