Binke: "Ich dachte, ‚Er kommt aus China – aber was hat das mit mir zu tun?’"

Als Binke Lenhardt während ihres Studiums in New York ihren Kommilitonen Dong Hao aus Peking näher kennenlernte, machte sie sich über seine Herkunft nicht viele Gedanken. "Ja, er kam halt aus China, aber ich dachte, zumindest unbewusst: ‚Was hat das mit mir zu tun?’" Umgekehrt war es ähnlich, Dong Hao wusste ebenfalls nicht viel über Deutschland. Bevor sie nach New York ging, hatte Binke bereits in England und Holland gelebt. China? "Naja, ich war natürlich mal im Chinatown in New York und fand das Essen spannend. Ein erstes Interesse an China entstand dann durch Gespräche mit chinesischen Kommilitonen." Dong Hao - der sich in Amerika anders als die meisten Chinesen nicht in Peter oder Howard verwandelt hatte – interessierte Binke zuerst als Persönlichkeit. Im multi-ethnischen "Big Apple", einem Ort, an dem "Alles möglich ist", tritt die ursprüngliche Kultur eines Individuums einfach in den Hintergrund.
Von New York nach Peking – nicht ganz freiwillig
2001 hatten beide dort einen guten Job als Architekten und fühlten sich wohl - da musste Binke die USA aus visatechnischen Gründen verlassen. Dass die beiden zusammen bleiben wollten, war keine Frage, aber nun standen sie plötzlich vor der Entscheidung: Wo leben? In Deutschland herrschte die Architektenkrise, Peking hingegen hatte gerade den Zuschlag für Olympia 2008 bekommen… Es war keine einfache, aber eine logische Entscheidung, in Dong Haos Heimatstadt zu ziehen.
Im September 2001 besuchte Binke mit Dong Hao zum ersten Mal Peking. Für beide war es eine Art Kulturschock. Dong Hao war vier Jahre nicht zuhause gewesen, seine Eltern waren umgezogen, und er konnte Binke vor der Ankunft nicht einmal sagen, wie sie in den zwei Wochen wohnen würden. Binkes erste Eindrücke von Peking waren gemischt: "Die Stadt schien mir sehr groß und nicht so kompakt wie New York, ich konnte mich nur schwer orientieren. New York ist schöner und hat bei aller Größe mehr menschliche Dimensionen. Aber wir haben auch schöne Ausflüge gemacht." Haos Eltern, die Binke bereits während eines New York-Besuchs als "Mitstudentin" kennen gelernt hatten, bemühten sich, ihr den Aufenthalt mit Pulverkaffee und Mondkuchen angenehm zu machen. Ansonsten ließen sie sie weitgehend in Ruhe und konzentrierten sich auf ihren Sohn. "Mit der Familie lief eigentlich alles ganz normal, die Stadt hat mich mehr umgehauen."
Binkes Eltern waren zunächst besorgt, als sie vom chinesischen Freund ihrer Tochter erfuhren, "wegen der großen Kulturunterschiede". Die Bedenken waren aber bei seinem ersten Besuch schnell verflogen. 2002 wurde in New York geheiratet, sozusagen auf "neutralem Grund", im Herbst erhielt Binke ein DAAD-Stipendium für Peking, was ihr den Einstieg in das Arbeitsleben erheblich erleichterte.
Zusammen leben, zusammen arbeiten
Inzwischen leben Binke und Dong Hao seit fünf Jahren zusammen in der chinesischen Hauptstadt, seit einem halben Jahr in der oberen Etage eines Fabrikgebäudes, in zentraler Lage inmitten alter Hutongs. Hier haben sie ihre Wohnung und ihr Büro, selbstdesignt im modernen Loft-Stil. Dong Hao, ein jungenhafter, entspannter Mensch, arbeitet im Marketing, Binke ihrer Ausbildung entsprechend im Bereich Planung und Design. Obwohl Binke inzwischen Chinesisch kann, das sie vor allem während der Arbeit anwendet, sprechen die beiden wie ganz zu Anfang miteinander Englisch. Alle zwei, drei Wochen besucht Dong Hao seine Eltern, Binke seltener. "In den letzten vier Jahren haben sie sich um das Kind meiner Schwester gekümmert, da hatten sie nicht viel Zeit für uns", erklärt er.
"Mit zunehmendem Alter haben meine Schwiegereltern aber doch mehr Ansprüche an uns", wirft Binke ein. "Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mehr verstehe. Gerade habe ich mich doch ziemlich geärgert, weil wir Haos Eltern eine Reise nach Deutschland organisiert hatten. Sie sollten drei Tage bei meinen Eltern bleiben und danach eine Woche mit einer chinesischen Reisegruppe unterwegs sein. Sie waren aber nicht zufrieden und wünschten, dass wir sie auf der ganzen Deutschlandreise begleiten. Das wollte ich aber nicht. Zum Schluss haben sie die Reise ganz abgesagt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass wir schon so viel vorbereitet hatten, und dass es mir sehr wichtig war, dass sie meine Heimat sehen. Und ich wollte es erledigt haben, denn nächstes Jahr, wenn unser Baby da ist, wird alles schwieriger."
"China hat mich positiv verändert."
Zu den kulturellen Unterschieden zwischen ihm und Binke befragt, meint Dong Hao: 2Da ich nicht viel über die Deutschen wusste, konnte ich nur annehmen, dass manche Unterschiede zwischen uns auf dem anderen kulturellen Hintergrund beruhten. Manche der Klischees, die man über Deutsche hat, passen: Binke ist zuverlässig und präzise, aber weniger spontan als Chinesen. Wenn sie mich nach der Uhrzeit fragt, sage ich halb sieben, auch wenn es erst 18.23 oder schon 18.38 ist. Das findet sie zu ungenau. Und manchmal verbringen wir mehr Zeit mit Planen als mit der Aktivität selber." Das ist witzig gemeint – aber Binke verdreht trotzdem die Augen.
Über sich und ihre Jahre in China sagt Binke: "Ich habe mich hier sehr zum Positiven verändert. Früher musste immer alles nach meinem Kopf gehen, und vor allem die Rücksichtslosigkeit im Verkehr hat mich total aggressiv gemacht. Aber ich habe inzwischen gelernt, Dinge leichter und nicht persönlich zu nehmen und plötzliche Änderungen zu akzeptieren. Ich bin nicht mehr so streng mit mir." Diese Veränderung dürfte ganz im Sinne von Dong Hao sein, der findet, dass Deutsche sich mit ihren Regeln und ihren Ansprüchen an sich selbst oft zu sehr einschränken.
Dong Hao lebt ausgesprochen gerne in einer großen, chaotischen Stadt. Zu viel Ruhe, Ordnung und Sauberkeit mag er nicht; daher käme ein Leben in Deutschland – ganz abgesehen von der sprachlichen Hürde - für ihn wohl nicht in Frage. „Er hat sich hier in letzter Zeit aber auch verändert. Es fällt ihm sehr leicht, Kontakte aufzubauen, und er ist, wie alle Chinesen, ständig am Telefon. Das führt mit zunehmenden Kontakten aber auch dazu, dass man selber öfter gestört wird." Dong Hao fügt hinzu: "Mit dem Mobiltelefonieren ist das wirklich ein Phänomen hier. Nirgends auf der Welt sind die Menschen so uneingeschränkt erreichbar und erwarten das auch von anderen. Damit vermischen sich Geschäfts- und Privatsphäre viel stärker als in Deutschland.
Für Binke haben die Jahre im Ausland die Entfernung zu Deutschland noch vergrößert. "Ich verstehe oft die Probleme nicht, die die Leute dort haben. In meinen Augen sind es keine. Auch mit dem ausgeprägten Sicherheitsdenken kann ich nicht mehr viel anfangen - ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, wieder in Deutschland zu leben. In den nächsten Jahren ist es jedenfalls erstmal Peking, hier haben wir uns etwas aufgebaut und haben mit unserer Firma im Moment auch sehr gut zu tun." Damit sind die beiden im Moment genau da, wo sie sein wollen.
Text: Maja Linnemann
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2007
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