Kathrin: "Ich habe es ‚Klaus' zu verdanken, dass ich mich hier wohlfühle."

Auf den ersten Blick sind Kathrin von Rechenberg und Zhang Xiangyun ein ungewöhnliches Paar. Man fragt sich unwillkürlich, was die zurückhaltende Maßschneiderin aus München und den mehrsprachigen Bierbrauer aus einem Dorf in Hubei zusammengeführt hat. Wenn man sie näher kennenlernt, zeigen sich jedoch viele Gemeinsamkeiten. Beide haben ein Handwerk gelernt, sind heute selbstständig. Und beide haben einen Bezug zu Frankreich. Kathrin wurde in München zur Damenschneiderin ausgebildet und lebte danach acht Jahre in Paris, wo sie an der "Ecole de la Chambre Syndical de la couture parisienne" studierte und in weltbekannten Modeateliers arbeitete. Nach Peking kam sie über eine chinesische Studienkollegin auf der Suche nach "Teeseide", einem Material, welches heute ihr Markenzeichen als Designerin ist. Ein Arm voller Blumensträuße
Zhang Xiangyun absolvierte Ende der 80er Jahre die von der Hanns-Seidel-Stiftung geförderte Brautechnische Akademie Wuhan. Neben dem Bierbrauen nach deutschem Reinheitsgebot lernte er dort auch die deutsche Sprache. In diese Zeit fällt auch die "Geburt" seiner zweiten Identität als "Klaus", die durch seine deutsche Ehefrau heute noch stärker in den Vordergrund tritt. Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete Zhang Xiangyun mehrere Jahre lang für eine französische Firma, die Brau- und Gäranlagen in China verkaufte. Dabei eignete er sich nebenbei ein umfangreiches Wissen über Wein an. Sein erster Auslandaufenthalt führte ihn für die Firma nach Madagaskar und später für ein mehrmonatiges Training nach Bordeaux. 2001 kam Zhang Xiangyun nach Peking, um besser Französisch zu lernen. Keine zwei Monate war er in der Hauptstadt, da brachte ihn ein Ausflug mit gemeinsamen Freunden mit Kathrin zusammen: "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt er und strahlt heute noch über das ganze Gesicht bei der Erinnerung an jenen Tag. Eine Woche später überraschte er Kathrin mit einem Arm voll unterschiedlicher Blumensträuße "weil ich nicht wusste, welche Blumen sie mag."
Kathrin war gerade dabei, sich als Modedesignerin in Peking selbstständig zu machen. Dabei unterstützte Zhang Xiangyun, sie bald mit allen Kräften. "Ich habe es hauptsächlich Klaus zu verdanken, dass es mir in China gefällt", sagt Kathrin rückblickend. "Ich könnte mir nicht vorstellen, hier jahrelang wie manche ausländischen Single-Frauen zu leben."
Schwiegereltern – ein Fall für sich
Kurz nachdem sich die beiden kennen gelernt hatten, kam Kathrins Mutter, eine begeisterungsfähige, energiegeladene, pensionierte Lehrerin, zu Besuch nach Peking. Da Kathrin vor lauter Arbeit kaum Zeit für sie hatte, unternahm Klaus mit ihr Fahrradtouren durch die Stadt und nahm auch sie schnell für sich ein. Kathrins Vater, ein konservativer und strenger Mann, hatte sich hingegen nur schwer damit abgefunden, dass seine Tochter München verlassen und ins Ausland gegangen war. Entsprechend länger brauchte er, um sich an ihren chinesischen Mann zu gewöhnen. "Seit wir geheiratet haben, hat sich das aber schon sehr geändert", meint Kathrin. Während sie das sagt, sieht man Klaus allerdings an, dass er sich ein besseres Verhältnis zum Schwiegervater vorstellen könnte.
Klaus wiederum erzählt, dass seine Mutter durch viele Fernsehserien über chinesisch-ausländische Familien einer ausländischen Schwiegertochter gegenüber sehr positiv gestimmt war. Da würden es ihre Enkelkinder leichter im Leben haben, stellte sie sich vor. Außerdem gelten Kinder aus gemischten Ehen in China allgemein als besonders intelligent.
Große Visionen und realistische Ziele
Heute haben Kathrin und Klaus drei kleine Kinder, ein großes Atelier und knapp ein Dutzend Angestellte – kurz, eine ganze Menge Verantwortung. Über die künftige Geschäftsentwicklung sind die beiden geteilter Meinung: "Ich finde, wir sollten so weitermachen, wie bisher – nur besser", meint Kathrin. "Nein, wir müssen wachsen, uns vergrößern" hält Klaus dagegen, der nebenbei auch ausländische Getränkefirmen in China berät. Im Gegensatz zu Kathrin, die bewusst einen praktischen und kreativen Beruf gewählt hat, um selbstbestimmt arbeiten zu können, hätte Zhang Xiangyun lieber studiert. Er ist ehrgeizig und entwickelt gerne große Pläne und Visionen. Kathrin fast lieber kleinere und realistische Ziele, wie die Organisation der nächsten Modenschau, ins Auge. Im ersten Jahr seiner Bekanntschaft sprach das Paar Französisch miteinander, danach setzte sich Deutsch durch. Kathrin spricht und versteht inzwischen ein wenig Chinesisch, hat aber neben Arbeit und Familie keine Zeit, intensiv zu lernen. Daher ist sie bei vielen Dingen des Alltags, bei Fragen der Betriebsführung und Umgang mit Behörden auf ihren Mann angewiesen. Über sich und ihren Mann sagt Kathrin: "Ich weiß eigentlich nicht viel über die chinesische Kultur. Mit Klaus kann ich nur leben, weil er sich mehr anpasst als ich und auch sehr europäisch sein kann. Er kann beides, Chinese und Europäer sein." Was macht ihn europäisch außer dem deutschen Namen, dem französischen Wangenkuss, mit dem er Freunde begrüßt, und seinem Verständnis für Wein? "Er weiß, dass man mit Europäern anders spricht, als mit Chinesen. Gegenüber Chinesen stellt Klaus Sachverhalte manchmal sehr vage oder übertrieben dar. Das ist wohl etwas Chinesisch und irritiert mich immer sehr."
Kulturelle Unterschiede bleiben
Ihr Mann vergleicht Kathrin mit dem ersten Deutschen, den er kannte, dem langjährigen bayrischen Berater des Brauereiprojektes Wuhan: "Deutsche sind im Vergleich zu Chinesen fast alle sehr unflexibel. Kathrin kann auch nicht sehr gut mit Chinesen kommunizieren. Ich sage ihr zum Beispiel immer wieder, dass sie zu den Angestellten mehr Distanz halten muss. Wenn sie versucht, sich mit denen auf eine Stufe zu stellen, wird das nur ausgenutzt. Das machen viele Ausländer falsch."
Insgesamt meint Klaus, dass Kathrin sich in den sieben Jahren in China nicht sehr verändert hat. „Ich habe mich schon verändert", protestiert Kathrin, "aber wohl eher durch die Kinder und die Familie." Mit drei kleinen Kindern muss auch eine Perfektionistin Abstriche machen. Allerdings meint Kathrin, dass Frankreich für sie schon eine Vorbereitung auf China gewesen sei: "Der Unterschied von Deutschland zu Frankreich war größer als der von Frankreich zu China. In Frankreich war auch schon alles "So lala". In der Wohnung, in der ich in Paris wohnte, war die Toilette nachträglich eingebaut und die Fenster fielen fast aus den Rahmen."
Seit er selbst Kinder hat, ist Klaus eine weitere Sache aufgefallen "Was ich bei den Deutschen überhaupt nicht verstehen kann, ist, dass viele Großeltern sich nicht um ihre Enkelkinder kümmern wollen. In Deutschland sind viele alte Leute sehr allein." Das ist auch eine Anspielung auf Kathrins Eltern, die seit kurzem die Freiheiten des Rentnerlebens genießen.
Die Zukunft liegt in China - erst einmal
Kathrin und Klaus sehen ihre Zukunft in absehbarer Zeit in China, auch wenn Kathrin manchmal Sehnsucht nach Europa und dem vielfältigen Kulturangebot dort hat. "Planung ist aber nicht gerade unsere Stärke. Da bin ich im Grunde wohl nicht typisch deutsch. Wir bekommen jeden Tag nur schlecht geplant. Beruflich habe ich mich allerdings immer in die gleiche Richtung entwickelt, ich wusste schon in der Schule was ich machen möchte. In Paris musste ich damals einen Geschäftsplan für meine Firma machen, den ich mir gerade wieder einmal angeschaut habe. Eigentlich habe ich den jetzt hier genauso verwirklicht."
Die Entscheidung, in China zu leben, hat auch mit der derzeitigen positiven Grundstimmung und Wirtschaftslage zu tun. Klaus ist es außerdem wichtig, dass seine Kinder ordentlich Chinesisch und vor allem die Schriftzeichen lernen, bevor sie möglicherweise im Ausland leben. Er fährt zwar gerne mal zum Urlaub oder geschäftlich nach Deutschland oder Frankreich, aber leben würde er dort nur wollen, wenn er denselben Lebensstandard erreichen könnte, wie in China. Klaus ist nämlich ein sehr geselliger und großzügiger Mensch. "Das französische ‚Savoir Vivre' liegt ihm sehr", sagt Kathrin. "Viel besser als mir sogar. Das mag ich an ihm, obwohl ich selber eher sparsam bin und finde, dass man es sich auch mit wenig Mitteln schön machen kann. Dieser momentane Hang zu Glamour, zum Angeben und Verschwenden in China stößt mich eher ab."
An diesem Punkt geht Klaus, der zum Interview schon Kognak und Obstler serviert hatte, zum Kühlschrank und öffnet zur späten Stunde noch eine Flasche eisgekühlten Champagner. Fachmännisch weist er uns beim Einschenken auf die tanzenden Perlensäulen hin, die ohne Unterlass in großer Zahl vom Glasboden an die Oberfläche streben, und dieser Marke bei der letzten Weinprobe in Bordeaux den ersten Platz verschafft haben.
Text: Maja Linnemann
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juli 2007
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Juli 2007






