Beruf: Kulturvermittler

Xu Dandan: "Markus ist fast ein Chinese - nur etwas zu pessimistisch"

Copyright: Markus HernigCopyright: Markus HernigMarcus Hernig und Xu Dandan leben mit ihrem achtjährigen Sohn seit vier Jahren in einem Reihenhaus im Shanghaier Stadtteil Hongkou. Das gemietete dreistöckige Haus aus den 30er Jahren, verdeckt vom üppigen Grün hoher Bäume im kleinen Vorgarten, erinnert an England. Das Wohnzimmer im Erdgeschoss mit seinem glänzenden Parkettboden und den klassischen chinesischen Möbeln weckt Assoziationen an das Studierzimmer eines chinesischen Intellektuellen der Republikzeit.

Die beiden sind seit 1995 verheiratet. Marcus ist Germanist, Historiker und Sinologe aus Dortmund. Mit sechzehn Jahren besuchte er seinen ersten Chinesischkurs und spricht heute so gut Chinesisch, dass er Lesungen von chinesischen und deutschen Autoren gleichzeitig moderiert und übersetzt und eigene chinesische Texte veröffentlicht. Dandan kommt aus Nanjing, ist Vorschulpädagogin und arbeitet im Deutschen Kindergarten in Shanghai. Sie ist eine lebhafte, fröhliche Person, die oft und gerne lacht. Bevor sie Marcus traf, hatte sie keine genauen Vorstellungen von Deutschland.

Liebe mit Hindernissen

1993, als die beiden sich kennen lernten, musste ein "gemischtes" Paar in China noch einige Hürden überwinden, um sein gemeinsames Glück finden zu können. Die meisten Berichte über Ehen zwischen Chinesen und Ausländern waren negativ. "Einem Ausländer kann man doch nicht trauen. Vielleicht ist er zuhause schon verheiratet und hat Frau und Kinder" war der Tenor. Und die durchschnittlichen Wangs und Zhangs hatten ihre eigenen Vermutungen: "Chinesinnen, die mit einem Ausländer zusammen sind, wollen entweder sein Geld oder mit ihm ins Ausland gehen". Das waren die Klischees, mit denen Dandan konfrontiert war. "Die trafen aber auf mich gar nicht zu: Marcus war damals ein armer Student und ich hatte nie den Wunsch, im Ausland zu leben."

Kennen gelernt haben sich die beiden ganz zufällig an der Universität in Nanjing, als Marcus Dandan am Tag seiner Ankunft in Nanjing nach dem Weg zum Studentenwohnheim fragte. "Marcus war der erste Ausländer, zu dem ich Kontakt hatte", sagt Dandan. Ihre besondere Beziehung entwickelte sich allerdings erst allmählich. "Ich war etwas langsam und sehr schüchtern", erklärt Dandan, "wir Chinesinnen sind durch die Erziehung eher etwas spät reif. Eine Beziehung zu einem Ausländer schien mir zunächst sehr abwegig zu sein. Es gab viele Fragezeichen."

Marcus fügt hinzu: "Ich war damals schon 24 Jahre alt, aber mit Dandan fühlte ich mich wieder wie siebzehn – ein zweiter Frühling sozusagen. Sie war ganz anders, als die Frauen, die ich in Europa kannte."

Als Dandan ihren Eltern, zu denen sie ein enges und gutes Verhältnis hat, das erste Mal von ihrem ausländischen Freund erzählte, war die Reaktion einhellig und eindeutig: "Das ist unmöglich!" Lange weigerten sie sich, Marcus auch nur kennen zu lernen.

Mit Unterstützung ihres Bruders bemühte Dandan sich über mehrere Wochen, bei den Eltern einen Sinneswandel zu erreichen. Schließlich machte sie ihren Eltern ein Angebot: "Ihr müsst ihn wenigstens einmal sehen, wenn ihr dann immer noch dagegen seid, dann beende ich die Beziehung", bat sie sie. Marcus wurde gründlich präpariert: "'Mit meinem Vater darfst Du auf keinen Fall über Politik sprechen, Angeln und Schach sind ok.' Meine Mutter mag Menschen, die Bücher lesen, da hatte Marcus sowieso schon einen Pluspunkt."

Der erste Besuch bei den chinesischen Schwiegereltern verlief dann unerwartet gut, Marcus wurde sofort akzeptiert. "Es half aber sehr, dass er Chinesisch sprach und sich mit meinen Eltern verständigen konnte. Sonst wäre es wohl nicht so einfach gewesen", sagt Dandan rückblickend.

Marcus' Mutter erfuhr früher von der Existenz ihrer Schwiegertochter: "Da sind wir im Westen einfach anders, ich habe meiner Mutter schon bald von Dandan erzählt. Meine Mutter ist sehr offen und hatte selber einen ausländischen Freund."

Pulsierende Großstadt versus ländliche Idylle

1994 fuhr Dandan das erste Mal nach Deutschland. Dass sie noch nicht verheiratet waren, stieß bei einigen chinesischen Bekannten wieder auf Vorbehalte: "Die fanden das zu unsicher. Was, wenn er sie da plötzlich fallen lässt. Sie ist ja rechtlich gar nicht geschützt." In diesem Fall waren Dandans Eltern mit dem Paar einer Meinung, dass Dandan erstmal Marcus' Heimat erleben solle, bevor sie sich endgültig binde. Dandans erste Eindrücke von Deutschland waren sehr positiv: "Besonders gefielen mir die Häuser mit den spitzen Dächern, die wie im Märchen aussehen. Im Sommer ist Deutschland besonders schön, nicht so heiß wie China." Zum Ende der drei Monate begann sie trotzdem, China sehr zu vermissen und war froh, wieder nach Nanjing zurückzukehren.

Salon von Markus und Dandan Copyright: Markus Hernig
Markus' und Dandans Salon


Typisch deutsch – typisch chinesisch?

Jahrelang war die gemeinsame Sprache der Familie zuhause Chinesisch – erst seit Dandan an der deutschen Schule arbeitet, gewinnt Deutsch im Alltag an Bedeutung, bewusst auch, damit der Sohn es übt. Dandan bezeichnet ihren Mann insgesamt als schon "sehr sinisiert." Seine Art, mit Leuten zu kommunizieren sei sehr chinesisch. Zusammen zu essen, in der Männerrunde zu trinken und sich gegenseitig kameradschaftlich auf die Schulter zu hauen – das könne er sehr gut. "Wenn er mit meinem Bruder und seinen Kumpels zusammensitzt, sehe ich keinen Unterschied zwischen ihm und den anderen." Sich gut in die chinesischen Ess- und Trinkrituale einzufügen, fiel Marcus nicht besonders schwer, da er, wie er meint, den offenen und geselligen Charakter seiner Mutter geerbt habe. "Wenn man das nicht mag, dann ist das Leben in China sehr anstrengend", meint er.

Aber es gibt auch Eigenschaften, die Markus' Herkunft verraten: Er plant gern und gründlich. Diesen Zug würde Dandan unbedingt als "typisch deutsch" bezeichnen: "Das Problem habe ich auch oft an der deutschen Schule", führt sie aus. "Die wollen immer langfristig planen. Das geht in China nicht, niemand will einen Monat oder noch länger im Voraus Termine ausmachen." Und noch etwas hält sie für deutsch, oder zumindest nicht typisch chinesisch: "Er muss regelmäßig mal raus in die Natur, irgendwohin, wo es still ist".

Zuletzt spricht Dandan noch einen offensichtlichen Kulturunterschied an: "Er ist ziemlich pessimistisch. China ist im Großen und Ganzen ein optimistisches Land. Wenn wir beide über dieselbe Sache sprechen, erwähne ich immer die guten Seiten und er die Schlechten. Und wenn mehrere Deutsche zusammen sind, reden sie immer über Probleme und tiefsinnige Fragen. Auch auf Partys, wo man doch eigentlich fröhlich sein und sich amüsieren soll! Daran kann ich mich nur schwer gewöhnen."

Marcus fühlt sich durch seine guten Chinesischkenntnisse, sein großes Interesse an chinesischer Kultur und Geschichte, seine kleine Familie und seine chinesischen Freunde persönlich gut in China integriert. Allerdings meint er, dass es noch ein paar Jahrzehnte dauern wird, bis Ausländer in China wirklich zur Normalität werden. In der nächsten Zukunft möchte er seine Aufenthalte in Deutschland etwas verlängern, um so für sich eine bessere Balance zwischen den zwei Kulturen zu erreichen. Dandan hat es da leichter: Ihre Familie und Freunde in Zhenjiang und Nanjing sind nur zwei Zugstunden von Shanghai entfernt.
Text: Maja Linnemann
Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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