Studentenleben

Szenen “idealer” Kommunikation

Interkulturelle Kommuniaktion © Lao Du
Interkulturelle Kommuniaktion © Lao Du
© Lao Du

Deutsche Wissenschaftler kreierten in der Vergangenheit auf der Grundlage von Befragungen zu den attraktivsten menschlichen Gesichtszügen mit Hilfe von Computerverfahren zwei „Idealgesichter”, die eine “größtmögliche Vollkommenheit” aufweisen sollten. Sollte es eines Tages möglich sein, auch zwischenmenschliche Interaktionen mit programmgesteuerten Verfahren idealisiert darzustellen - wie würde dann eine „vollkommene” deutsch–chinesische Kommunikationssituation aussehen?

Die Autorin dieses Artikels hat in der Zeit zwischen 2006–2008 per Fragebogen eine Untersuchung durchgeführt, die sich mit interkultureller Kommunikation zwischen Chinesen und Deutschen beschäftigt. Bei den befragten Personen handelt es sich um chinesische und deutsche Studenten im Alter zwischen 20 und 30 Jahren, die alle mindestens einen Monat im jeweiligen Gastland verbracht haben und über entsprechende Kommunikationserfahrungen verfügen. Eine Frage im Fragebogen, die hier behandelt werden soll, lautet: „In welchen Situationen empfinden Sie die Kommunikation mit einem chinesischen (deutschen) Gesprächspartner als besonders reibungslos?“ Deutsche Studenten beantworteten diese Frage am häufigsten mit „Beim Einkaufen”, „Beim Essen” und verwiesen auf die „große Gastfreundlichkeit” der Chinesen. Die häufigste Antwort der chinesischen Studenten lautete „Beim Smalltalk/ in der Alltagskommunikation”.

Chinesen in deutschen Augen: Herzliche Fremde

Konfuzius sagte schon vor 2000 Jahren: „Wenn Freunde aus der Ferne kommen, ist das etwa kein Anlass zur Freude?“. Auch heute empfinden die meisten deutschen Studenten, wenn sie zum ersten Mal nach China reisen, die chinesische Gastfreundschaft – in der Regel handelt es sich um erstmalige Begegnungen bzw. Begegnungen mit Fremden – als das intensivste Erlebnis. Eine deutsche Studentin formuliert es folgendermaßen: „Beim Ausgehen wird man schnell angesprochen. Auf diese Weise habe ich einmal einen netten chinesischen Mann getroffen, den ich einige Zeit gedatet habe.” Bei den deutschen Studenten ist der Taxifahrer der am häufigsten erwähnte fremde Kommunikationspartner. „Für mich sind das die kleinen Momente, wie Smalltalks im Geschäft, im Taxi, usw., wenn sich der überraschte chinesische Gesprächspartner freut, dass man sich für Land und Leute interessiert und Chinesisch lernt”, befindet ein deutscher Student. Einen anderen Studenten begeistern „Taxifahrten mit Fahrern, die sich wirklich für den Gast interessierten, Gespräche selbst begonnen haben und sich bemühten, langsam und deutlich zu sprechen, damit der Gesprächspartner auch wirklich etwas versteht, ja, bei Bedarf das Gesagte geduldig wiederholten oder umformulierten”.

„Chinesen sind offen und zeigen sich interessiert gegenüber Ausländern”. Ein derartiges Empfinden ist in den Antworten der deutschen Studenten häufig zu finden. Wenn der weitgereiste Gast zufällig auch noch Chinesisch spricht, fördert das die gegenseitige Zuneigung und steigert die kommunikative Offenheit enorm. Ein deutscher Student sagt: „Sobald man anfängt Chinesisch zu sprechen, wird man freundlicher behandelt, vor allem beim Einkaufen.” Was die chinesische Hilfsbereitschaft angeht, so fallen die Antworten der befragten deutschen Studenten allerdings unterschiedlich aus. Ein Student beschreibt die folgende Situation: „Übers Internet können nur Chinesen mit chinesischer Visa-Karte Flüge buchen. Eine Freundin von mir hat das für mich gemacht, womit sie mir sehr geholfen hat. Aber auch in allen anderen Lebenssituationen wurde mir immer wieder geholfen, sei es beim Einkaufen, bei bürokratischen Angelegenheiten oder der Suche nach dem richtigen Weg.” Es gibt aber auch Menschen, die die chinesische Herzlichkeit eher irritiert: „Wenn ich nach dem Weg gefragt habe, bin ich des Öfteren sogleich zu meinem Ziel begleitet worden. Das heißt, der- oder diejenige ist meinetwegen einen Umweg gegangen oder gefahren, obwohl ich versucht habe klarzustellen, dass es nicht notwendig sei, mich zu begleiten und ich den Weg auch alleine finden würde.” Derartige chinesische Hilfsbereitschaft stößt bei der deutschen Studentin Tina auf Unverständnis.

Deutsche in chinesischen Augen: Reibungsloser Smalltalk

Nur bei einer geringen Anzahl der chinesischen Studenten hat die Freundlichkeit der Deutschen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Reibungslose Kommunikationssituationen entstehen, „wenn wir Deutsche um Hilfe bitten.” Außerdem „sind Deutsche sehr hilfsbereit, wenn man sie nach dem Weg fragt, auf Fragen geben sie sehr geduldig Auskunft.” Vor allem wenn der Gastgeber offenes Interesse an seinem Gast zeigt, entwickelt sich die Kommunikation zumeist äußerst angenehm. Gelungene Gesprächssituationen entstehen auch dann, „wenn sich Deutsche für die chinesische Kultur interessieren.” Ein anderer Student drückt dies konkreter aus: „Wenn man jeweils die Kultur des Gesprächspartners anpreist und würdigt. Als ich in einem Park einmal eine sehr nette Frau kennen lernte, unterhielten wir uns angeregt über die Modernisierung Chinas und über die deutsche Umwelt.” Kultur und Reisen sind in diesen Situationen sehr geeignete Einstiegsthemen. Ein Student sagt: “Die Kommunikation verläuft besonders problemlos, wenn ich den Deutschen etwas über bekannte chinesische Städte oder Sehenswürdigkeiten erzähle, allgemein wenn man über das Reisen spricht.”

Die meisten chinesischen Studenten halten erstens eine fehlende Sprachkompetenz und zweitens schwierige Themen wie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für die wichtigsten Ursachen eines problematischen Kommunikationsablaufs. Sprachliche Barrieren lassen sich bei „gemeinsamen Themen, unter Gleichaltrigen sowie beim Austausch gleicher Interessen” am leichtesten überwinden. Viele chinesische Studenten sind der Ansicht, dass die angenehmsten und unproblematischsten Unterhaltungen in „sprachlich anspruchslosen Situationen oder in besonders ungezwungener Atmosphäre” zustande kommen. Das ist beispielsweise der Fall bei „zufälligen Begegnungen in der Wohnheimküche, unterwegs oder im Bus, wenn es um Essen und andere Belanglosigkeiten aus dem Alltag geht.” Auch „in Kneipen, auf Parties, beim gemeinsamen Kochen sind problemlos zwanglose Plaudereien möglich.”

„Druck” ist ein Schlüsselbegriff bei der Kommunikationsqualität zwischen chinesischen Studenten und Deutschen. Dieser Druck hat in erster Linie mit den Gesprächsthemen zu tun. Die meisten der befragten chinesischen Studenten sind der Meinung, dass ein „reibungsloser Kommunikationsablauf” vor allem in „anspruchslosen Gesprächssituationen” möglich ist, in der Regel solange, wie dabei brisante Themen wie die geistige Einstellung, Politik, Demokratie oder Glaubensfragen nicht berührt werden” oder wenn man über „neutrale Themen wie Reisen oder Sport spricht”. Ein Student formuliert es ganz direkt: „Solange wir nicht über Politik, sondern nur über Themen, die bei jungen Leuten „in“ sind, sprechen, ist alles in Ordnung.”

Gibt es die “ideale” Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen?

Kehren wir nun zum Einleitungsgedanken zurück. Aus den bisherigen Untersuchungsergebnissen, können wir das folgende Bild einer “idealen Kommunikation zwischen Deutschen und Chinesen” ableiten: Wenn Deutsche auf Chinas Straßen unterwegs sind, werden sie von Chinesen zunächst als ausländische Gäste freundlich gegrüßt. Sobald beide miteinander ins Gespräch kommen, entdeckt der chinesische Gesprächspartner die Bewunderung der Deutschen für das alte China, den Deutschen wird bewusst, wie sehr Chinesen von der vernunftgeleiteten deutschen Gewissenhaftigkeit beeindruckt sind. Schnell entwickelt sich ein angeregtes Gespräch, in dem die unterschiedlichsten Themen angesprochen werden, von chinesischer Küche über Sehenswürdigkeiten bis hin zu Volkswagen und Klinsmann. Im Verlauf des Gesprächs kommen Chinesisch, Englisch, Deutsch, ja sogar Körpersprache gleichzeitig zum Einsatz. Zu guter Letzt verabschiedet sich der Deutsche mit „Zaijian!” worauf der Chinese mit „Tschüss!” antwortet.

All dies klingt nach einem äußerst künstlich arrangierten Gesprächsablauf. Die zwischenmenschliche Verständigung basiert auf Interaktion. Die kleinen Facetten menschlicher Interaktion lassen sich nicht künstlich erzeugen, dennoch sind sie im Kern übertragbar - beide Kommunikationspartner hegen das gegenseitige Interesse nach Verständigung und versuchen dieses Interesse mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten.
Text: Liu Yue
Doktorandin, TU Berlin
Übersetzung: Christiane Schmalzl
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Oktober 2008