Zwischen Hörsaal und Hausparty


Universität Leipzig
Bis vor knapp zwanzig Jahren war das Bildungssystem Deutschlands geteilt: Im Osten waren die Universitäten Teil des sozialistischen Erziehungsauftrags und sollten vor allem den Bedarf an Lehrern, Offizieren und Ingenieuren decken. Seit der Wiedervereinigung 1990 sind die Bildungsziele in ganz Deutschland die gleichen. Die Frage, ob man in den neuen Bundesländern studieren soll, ist keine Frage des Lehrstoffs mehr, sondern eine Frage des Lifestyles. Und dabei entscheiden sich auch immer mehr ausländische Studenten für die Universitäten im Osten. Laut einer Umfrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) studieren mittlerweile rund 12 Prozent ausländische Studenten in Deutschland in den neuen Bundesländern; 2003 dagegen waren es nur 2 Prozent.
Einer von ihnen ist Chen Mingming. Er ist 28 Jahre alt und von Shanghai nach Dresden gekommen, um Medieninformatik zu studieren und hat sofort einen Platz in einem Wohnheim gefunden. Mit ihm studieren rund 800 weitere Chinesen an der Technischen Universität Dresden. Die Computerausrüstung, die Labore, und die Bibliotheken findet er gut und bestätigt damit eine Umfrage des "Centrum für Hochschulentwicklung" (CHE), der zufolge Studenten in den neuen Bundesländern am zufriedensten mit der Ausstattung ihrer Universitäten sind. Sachsen-Anhalt, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen belegen im Ländervergleich die vordersten Plätze.
Junge Hochschulen
Im Osten wurden viele der wissenschaftlichen Einrichtungen nach der Wiedervereinigung gegründet. Traditionsreiche Universitäten wie die Uni Leipzig (seit 1409), die Uni Rostock (1419) oder die Uni Greifswald (1456) mit bis zu 25.000 Studenten sind die Ausnahme. Einerseits profilieren sich die ostdeutschen Unis durch exotische Studiengänge: In Greifswald kann man beispielsweise Landschaftsökologie, Naturschutz, Ukrainistik und Baltistik studieren. Andererseits genießen sie in manchen Fächern schon seit Jahrzehnten einen guten Ruf: Die Universität in Weimar war Ausgangspunkt der künstlerischen "Bauhaus"-Bewegung, die Hochschule für Kunst und Design in Halle ist international bekannt für ihre Keramik-Arbeiten und in Leipzig, der "Stadt des Buches", kann man Grafik und Buchkunst studieren.
Das Studieren kostet weniger
Das Hauptargument für viele der notorisch zum Sparen gezwungenen Studenten ist aber das Geld. Ein Studium im Osten ist deutlich billiger, weil die Mieten niedriger sind. Zudem verlangen im Westen fast alle Bundesländer von Hamburg bis Bayern Hochschulgebühren von bis zu 500 Euro pro Semester. In Ostdeutschland muss man noch nichts zahlen. In der bayerischen Hauptstadt München beispielsweise braucht ein Student zum Überleben mindestens 850 Euro monatlich, Chen Mingming kommt in Dresden mit nur 500 Euro monatlich aus. Andererseits seien gute Studentenjobs in Dresden schwerer zu finden, sagt er. Um sich das Studium leisten zu können, suchen sich viele seiner Kommilitonen in den Semesterferien einen Nebenjob in wohlhabenderen und größeren Städten - wie eben München. "Wenn man neben dem Studium viel arbeiten muss, wird alles noch schwieriger. Ich bin schon sehr froh, dass es hier keine Studiengebühren gibt", sagt auch Jens Mende, 24 Jahre alt und Maschinenbau-Student in Freiberg.
Feiern und Pauken
Auch für das Feiern müssen Studenten im Osten weniger zahlen - haben dafür aber oft auch weniger Möglichkeiten. "Freiberg ist ja leider eine sehr kleine Stadt mit nur wenigen Kneipen. Deshalb wird das hiesige Partyleben fast ausschließlich von Studenten organisiert", sagt Jens. Viele "Studentenclubs" geben Parties mit Bier für 2 Euro. Zudem seien in Freiberg Hauspartys, die durch Flyer und Mundpropaganda bekannt werden, schon Tradition, erzählt Jens.
In den kleineren Städten verliert man sich also weniger - und auch an den dortigen Unis ist die Betreuung oft besser als in den westdeutschen Ländern. "Man kommt leicht an die Professoren ran und kann sich gut mit ihnen besprechen, wenn man eine Frage hat", sagt eine Studentin. Die Universitäten sind meist nicht so überlaufen, denn bisher gehen nur vier Prozenten der Westabiturienten zum Studieren nach Ostdeutschland, während es in die andere Richtung 23 Prozent sind.
Die Hochschulen werben für sich
Doch genau das ist auch eine Sorge der Unis. Seit 2008 betreiben sie eine Imagekampagne und werben um Studenten: Geldgeschenke, Gutscheine, Kinderbetreuung und Kulturrabatte oder gar eine "Wohnsitzprämie" von 100 Euro monatlich. Sie konkurrieren mit westdeutschen Unis, die oft Standortvorteile haben, zum Beispiel bei der Vernetzung mit der Privatwirtschaft: Was im Westen über Jahre gewachsen ist, entsteht im Osten gerade erst. Die meisten Max-Planck-Institute zum Beispiel liegen in Bayern und Baden-Württemberg, große Unternehmen wie Bayer oder BMW haben ihren Hauptsitz in Westdeutschland.
Den "ostdeutschen" Studenten gibt es nicht
Promi-Professoren findet man im Osten bisher kaum, und auch noch keine "Elite-Universität": Dieser Titel wird im Rahmen der "Exzellenzinitiative" vergeben, einem Projekt von Bund und Ländern, das die Unis in den Wettbewerb schickt - und die "besten" fördert. Weil nur die Forschung und nicht die Lehre bewertet wird, gehen dabei Geisteswissenschaften sowie weniger attraktive Standorte oft leer aus. Im "Forschungs-Ranking" vom CHE belegen die ostdeutschen Universitäten nicht die vorderen Plätze. Doch das Hochschulranking hinke der Wirklichkeit stets ein paar Jahre hinterher, sagt Sonja Berghoff von CHE. Sie glaubt, dass die ostdeutschen Universitäten aufholen werden.
Statistik hin oder her, die meisten Studenten sind mit ihren Studienbedingungen zufrieden, und sehen schon lange keinen Unterschied mehr zum Westen. Mingming sagt, es störe ihn überhaupt nicht, dass Dresden nicht als Metropole nah am "Zeitgeist" gilt, wie beispielsweise Berlin, Hamburg oder seine Heimatstadt Shanghai. Er liebt die schöne Altstadt und die Elbe. Und ohne den ganzen Trubel kann er sich auch stärker auf sein Studium konzentrieren.
Text: Franziska Schwarz
Freie Journalistin, München
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2008
Freie Journalistin, München
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September 2008







