Studentenleben

Bildung, Kohle, Effizienz

Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München © Ludwig-Maximilians-Universität München
Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München © Ludwig-Maximilians-Universität München
Studentinnen im Lichthof der Ludwig-Maximilians-Universität München

Welchen Zielen sich Universitäten in Deutschland verpflichtet fühlen, steht etwa über dem Eingang des Hauptgebäudes der Uni Hamburg. Nämlich: „Der Forschung. Der Lehre. Der Bildung.“ Die fast 36.000 meist jungen Leute, die hier studieren, kommen da nur indirekt vor. „Und das merkst du auch“, sagt Lukas, 24, der in Hamburg drei Semester lang Politik studiert hat und inzwischen an eine kleinere Hochschule im Süden Deutschlands gewechselt ist. „An großen Unis“ – die größten befinden sich meist in den alten Bundesländern – „bist du als Studierender immer einer unter Hunderten. Du hast fast keine Chance, einen Platz in den Veranstaltungen zu bekommen, die du gerne belegen würdest. Die Hörsäle sind sehr oft überfüllt. Und für deine Dozenten bist du nur eine Nummer.“

Aus dieser Kritik lässt sich zweierlei ableiten: Einerseits eine – auf den ersten Blick oft berechtigte – Klage über die Studienbedingungen vieler Hochschulen. Und zwischen den Zeilen auch eine klare Aussage über die Haltung vieler Studierender: Die sind, so scheint es, nämlich gerne mal unzufrieden. Oder nicht?

„Stimmt schon irgendwie“, sagt Lukas. Aus Tradition, weil Deutschland nicht erst seit 1968 bekannt ist für seine Studentenproteste? „Kann sein“, sagt Lukas. „Wahrscheinlich aber eher wegen der Studiengebühren.“ Von Hessen und Schleswig-Holstein abgesehen müssen Studierende in allen alten Bundesländern 500 Euro pro Semester, teils sogar mehr, an ihre Hochschule überweisen. Das Geld, nicht selten mehrere Millionen, müssen die Universitäten laut Gesetz in die „Verbesserung der Lehre“ investieren. Was vielerorts die Situation merklich entspannt hat. Nur: „Oft merkst du auch einfach nichts davon.“ Die Frage nach dem Bundesland oder die Unterscheidung zwischen „West“ und „Ost“ spielen im Studienalltag sonst kaum eine Rolle. „Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir schon der eine oder andere Dozent oder Kommilitone ein, der aus den neuen Bundesländern kommt. Aber auf so etwas achte ich nicht.“

„Ich bräuchte mehr Zeit für die Uni“

Doch zurück zum lieben Geld: Auch wenn die Verbesserung der Lehre vielerorts noch unrund läuft, merken viele Studierende dafür umso heftiger, wie schwierig es sein kann, neben dem Geld für Miete, Strom, Bücher, Kleidung und Lebensmittel jedes Jahr 1000 Euro zusätzlich aufzubringen.„Ich jobbe in einem Café, arbeite an der Uni als studentische Hilfskraft und übernehme gelegentlich Jobs als Promoter“, sagt Lukas. „So funktioniert das einigermaßen, auch, weil ich jetzt in einer kleineren Stadt lebe und viel weniger Miete zahle als ich in Hamburg aufbringen müsste. Auch wenn ich manchmal echt mehr Zeit für die Uni bräuchte.“ Sein Vater lege sehr viel Wert darauf, dass er studiere, sagt Lukas. „Er unterstützt mich auch finanziell, aber mich komplett zu finanzieren ist einfach nicht drin.“ Deshalb seine drei Jobs, sagt er und fügt hinzu: „Die kann ich allerdings auch nur machen, weil ich noch auf Magister studiere. Als Bachelor ginge das absolut nicht.“ Die Einführung des Bachelor-Modells, das die Magister-Studiengänge ablöste, soll das Studium effizienter und die Studierenden schneller fit für die Arbeitswelt machen. Die Mittel: ein fixer Stundenplan, eine kürzere Regelstudienzeit und im Vergleich zu vorher weit mehr Verpflichtungen für die Studierenden. Was, wie die Praxis zeigt, nicht ohne Kompromisse abläuft – und nicht wenigen Studierenden wiederum Anlass zu Unzufriedenheit gibt.

Studieren um des Studierens Willen

„Würde ich noch nach dem alten Modell studieren“, sagt etwa Jessica, 21, „würde ich mich, glaube ich, viel wohler fühlen.“ Jessica studiert an der Universität in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften und zwar „in erster Linie für mich, um mich zu bilden – und irgendwie auch um des Studierens Willen.“ Das bedeutet, dass sie gerne die Zeit hätte, sich mit Themen und Fragen aus Seminaren oder Vorlesungen ausführlicher als unbedingt nötig zu befassen. Ein Wunsch, den nicht nur Geisteswissenschaftler, sondern auch Juristen, Biologen und Automatisierungstechniker hegen. „Denn wozu studiere ich, wenn nicht dazu“, sagt Jessica. In ihrer Familie sei sie die erste, die dazu überhaupt die Möglichkeit habe, aber: „Mein Wochenplan ist meistens so voll, dass mir dazu die Muße fehlt.“ Nicht zu vergessen, dass Studienzeit für Jessica nicht nur in Hörsaal und Bibliothek oder am Schreibtisch stattfinden soll: „Klar, die Uni hat Priorität – aber ich lege auch viel Wert darauf, Freizeit zu haben, meine Freunde zu sehen und Zeit mit ihnen zu verbringen.“ Ein Wunsch, der zum Effizienzdenken an der Uni nicht mehr recht zu passen scheint.

Praktika gegen die Zukunftsangst

Was nach der Uni kommt, davon hat Jessica ebenso wenig eine Idee wie Lukas. „Vielleicht gehe ich noch mal ins Ausland“, sagt die 21-Jährige, die vor ihrer Immatrikulation in Lüneburg ein Jahr lang in Paris lebte. „Wahrscheinlich werde ich ein paar Praktika machen“, sagt Lukas, „und hoffen, dass ich irgendwo hängenbleibe.“ Zukunftsangst, sagen beide fast wörtlich, hätten sie nicht. Nicht direkt. Höchstens angesichts ehrgeiziger Kommilitonen, die in den Semesterferien ein Praktikum nach dem anderen machten, Beziehungen in die Berufswelt pflegten und versuchten, schon jetzt strategisch auf eine spätere Karriere hinzuarbeiten. „Sollte ich vielleicht auch tun“, sagen beide. Nur sei die Uni eben mehr als die erste Stufe auf der Karriereleiter.
Text: Florian Zinnecker
Freier Journalist, Lüneburg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2008