Studentenleben

Harter Alltag für Studenten vom Land

Bachelor AbsolventInnen © Helena Obendiek, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Bachelor AbsolventInnen © Helena Obendiek, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Geschafft! Bachelor-AbsolventInnen in Lanzhou

Pauken von früh bis spät, kein Geld für Kneipen, Kino und Klamotten, wenig Chancen auf dem Arbeitsmarkt – wer es in China als Kind armer Bauern an die Uni schafft, muss hart im Nehmen sein. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Sinologin Helena Obendiek in Gansu durchgeführt hat.

"In den Medien dreht sich derzeit alles um den Wirtschaftsboom und die damit verbundenen Karrierechancen für die junge Generation", sagt die Wissenschaftlerin, die derzeit am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle ihre Doktorarbeit schreibt." Doch das betrifft nur eine privilegierte Minderheit. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt auf dem Land in unterentwickelten Regionen wie Gansu. Und wer es von dort auf eine Universität schaffen will hat nicht viel zu lachen." Grund genug für die sozial engagierte Sinologin, sich mit dem Studentenleben unter erschwerten Bedingungen zu beschäftigen. Für ihren Forschungsauftrag verbrachte Obendiek ein Jahr – von November 2006 bis Oktober 2007 - in einer der ärmsten Provinzen, die in Chinas Nordwesten liegt. Die 44-Jährige interviewte in dieser Zeit mehr als 100 Studenten in der Provinzhauptstadt Lanzhou (3,1 Millionen Einwohner) und deren Eltern in den umliegenden Dörfern, in denen oft nur ein paar hundert Menschen leben. Zum Beispiel in Gouxian, einem Dorf 200 km östlich von Lanzhou. „Dort gibt es nur Wege aus Lehm, kein fließendes Wasser und erst seit zehn Jahren Strom. Trotzdem studieren vier Jugendliche aus diesem Dorf an der Uni."

Helena Obendiek beim Interview mit Eltern © Helena Obendiek, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Helena Obendieck beim Interview auf dem Land in Gansu


Kein Geld für Arztbesuche, weil die Kinder studieren

Während die Frauen Weizen, Mais oder Kartoffeln anbauen, schuften die Männer auf den Baustellen der boomenden Industriestädte. „Die Landwirtschaft wirft kaum etwas ab, weil es seit Jahren kaum mehr regnet." Mit dem Einkommen aus der Arbeitsmigration und dem Ackerbau erwirtschaftet eine Familie im Schnitt 6000 bis 8000 Yuan (600-800 Euro) im Jahr. Doch allein das vierjährige Bachelor-Studium kostet jährlich zwischen 5000 und 6000 Yuan (500-600 Euro), hinzu kommen Unterkunft und Verpflegung an der Universität in Lanzhou. Für die Eltern heißt das: Sparen, sparen, sparen und die Verwandten um Unterstützung bitten. „Vater und Mutter gönnen sich nichts, drehen jeden Cent dreimal um", so Obendiek. "Sie tragen ihre Schuhe, bis sie ihnen von den Füßen fallen, und gehen nicht zum Arzt – sogar bei schweren Krankheiten wie Krebs." Was motiviert die Eltern, solche Opfer zu bringen? "Es ist die einzige Chance, dass ihre Kinder ein anderes, besseres Leben führen ", so Obendiek.

Studium als einziger Weg aus der Armut

Entsprechend hoch ist der Druck auf die Studenten. „Ich lerne den ganzen Tag und gehe kaum vor die Tür. Für einen Freund habe ich keine Zeit", sagt etwa Song Rui aus Gouxian, die im sechsten Semester Jura studiert. „Denn ich weiß: Wenn ich nach der Uni keinen Job finde, ende ich als Bäuerin. Außerdem sollen meine Eltern stolz auf mich sein." Ein Onkel unterstützt sie finanziell, trotzdem reicht es nur für das Nötigste. „Selbst wenn mich die wohlhabenderen Kommilitonen zum Essen oder ins Kino einladen, lehne ich ab. Denn dann muss ich sie zurück einladen, und das kann ich nichts", sagt die 22-Jährige. „Wenn die sich über Bücher, Filme oder Stars unterhalten, weiß ich nicht, wovon die Rede ist. Modische Klamotten oder einen Lippenstift kann ich mir auch nicht leisten." Oft machen sich andere Studenten über ihre altmodischen Kleider lustig, reißen Witze über Wanderarbeiter. „Das kränkt mich. Mein Vater ist ja auch ein Arbeitsmigrant." Mehr Sorgen als die Sprüche der anderen bereiten Song Rui allerdings die Berufschancen. Denn ihr fehlen bestimmte Kompetenzen, um den Kampf um einen Arbeitsplatz zu gewinnen.

Helena Obendiek mit Studentin © Helena Obendiek, Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung
Mit Studenten im Heimatdorf


Mangel an sozialen Kompetenzen erschwert Jobsuche

„Ich bin zu schüchtern, um vor der Klasse einen Vortrag zu halten, und habe keine Zeit, mich im Studentenverband zu engagieren." Darüber hinaus habe sie noch nie im Internet-Café gesurft, keinen Musik- oder Tanzunterricht erhalten. Solche sozialen Aktivitäten seien aber wichtig, um beim Vorstellungsgespräch zu punkten. Und: Viele Jobs werden in China über Beziehungen vergeben – und die haben Studenten vom Land nicht, so Forscherin Obendiek. Darüber hinaus kommen sie oft mit geringen Qualifikationen an die Uni. „Ich habe nur wenig Englisch gelernt, weil der Unterricht auf dem Land schlecht ist", sagt zum Beispiel Wang Shun aus dem Dorf Hancha, der im vierten Semester Geologie studiert. Wie viele seiner Kommilitonen vom Land hat er ständig Angst, das Studium nicht zu schaffen. „Ich weiß nicht, ob Geologie das richtige Fach für mich ist. Aber wen hätte ich fragen sollen? Meine Mutter ist nicht mal zur Schule gegangen." Wenn Wang Shun bei der Englischprüfung am Ende des vierten Jahres durchfällt, bekommt er keinen akademischen Grad. „Wie soll ich dann einen Job finden?" fragt er. Eine Katastrophe für den 21-Jährigen, denn seine Eltern haben sich bei Freunden und Verwandten Geld geliehen, um das Studium zu bezahlen. Wenn Wang Shun mit dem Studium fertig ist, sitzt er deshalb auf einem riesigen Schuldenberg.

Schuldenberg am Ende des Studiums

Wang Shun ist kein Einzelfall –so wie er bangen Helena Obendiek zufolge viele Studenten aus armen Familien, ob sich das teure Studium für sie auszahlen wird. Doch trotz mancher Probleme profitieren auch sie vom Wirtschaftsboom: „Durch die Arbeitsmigration gibt's jetzt Jobchancen für ihre Eltern außerhalb der Landwirtschaft. Und dadurch können sie ihren Kindern überhaupt erst ein Studium ermöglichen. Auch wenn die Bedingungen nicht ideal sind." Studentin Song Rui zumindest sieht ihre Zukunft realistisch: „Ich nehme nach der Uni auch jeden einfachen Bürojob an, damit ich meine Eltern unterstützen kann. Und vielleicht schaffen es dann meine Kinder in die Chefetage."
Text: Annette Kaiser
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
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