Studentenleben

Studentenleben in Shenzhen: Optimismus und Erfolgsdruck

Universität Shenzhen © Universität Shenzhen
Universität Shenzhen © Universität Shenzhen

Optimismus, Erfolgsdruck und ein wenig Zukunftsangst – so lässt sich die Gemütslage von Studenten in der nahe Hongkong gelegenen 14-Millionen- Metropole Shenzhen zusammenfassen. Hier schreibt der Soziologe Dr. Yu Changjiang, was die Studentengeneration in Chinas jüngster Stadt am Anfang des 21. Jahrhunderts bewegt.

Die Stadt Shenzhen nimmt im heutigen China einen ganz besonderen Platz ein. Sie war das Versuchslabor der 1978 begonnenen chinesischen Reform- und Öffnungspolitik. Aus einem Dorf an der Grenze zu Hongkong wurde innerhalb von 30 Jahren eine 14 Millionen-Metropole. Die Stadt verkörpert für China den Erfolg der Reform- und Öffnungspolitik wie keine andere und gilt als ein Paradebeispiel für Modernisierung in ganz China. Die besondere Situation Shenzhens hat auch die dortige Hochschullandschaft geprägt.

Zwei Arten von Universitäten

In Shenzhen gibt es heute zwei Arten von Universitäten - lokale Hochschulen sowie Zweigstellen chinesischer Eliteunis. Die wichtigste lokale Hochschule ist die Universität Shenzhen, die der Stadtregierung Shenzhen untersteht. Ihre Studenten kommen hauptsächlich aus Shenzhen und aus dem Perlflussdelta. Die meisten Absolventen finden nach dem Studium einen Arbeitsplatz in der Region. Im chinesischen System der Hochschulaufnahmeprüfungen ist es relativ leicht, die Zulassung an eine lokale Universität zu erhalten, dadurch wird gewährleistet, dass die Sprösslinge der Einheimischen eine größere Chance haben, eine Hochschule zu besuchen.

Die meisten Bewohner von Shenzhen sind in den letzten zwei, drei Jahrzehnten aus allen Teilen Chinas zugewandert. Ihre Kinder sind in Shenzhen oder im Perlflussdelta aufgewachsen, in einer relativ wohlhabenden und offenen Gesellschaft. Die Unterhaltungskultur kommt hier hauptsächlich aus Hongkong – die Fernsehprogramme von dort prägen die jungen Menschen stark. Die meisten Studenten können – unabhängig von der Herkunft ihrer Eltern – Kantonesisch. Shenzhen ist die einzige Stadt in China, wo in den höheren Schulen mehr lokaler Dialekt als außerhalb der Schule gesprochen wird.

Die Zweigstellen chinesischer Eliteuniversitäten in Shenzhen – vor allem der Peking-Universität, der Tsinghua-Universität, der Nankai-Universität in Tianjin und der Technischen Universität Harbin – bieten in Shenzhen Master- oder Postgraduierten-Studiengänge an. Ihre Studenten kommen aus allen Teilen des Landes und haben die hohen Punktzahlen erreicht, die für ein Studium an einer Eliteschule Vorraussetzung sind. Nach dem Abschluss werden sie ihre Karriere in ganz China fortsetzen oder sogar im Ausland Karriere machen und in den meisten Fällen nicht in Shenzhen bleiben.

Studienantritt als Befreiung

Die chinesische Hochschulaufnahmeprüfung (“Gaokao”) erfordert jahrelanges Pauken unter sehr hohem Konkurrenzdruck. Das Studium mit seinen Kursen, Prüfungen und Hausarbeiten ist dann vergleichsweise locker und praktisch alle Studenten schaffen den Abschluss. Die meisten Studenten erleben deshalb ihren Studienantritt als Befreiung. Viele wollen erst einmal „richtig entspannen“, nachholen, was sie in vielen Jahren des Lernens verpasst haben, und endlich wieder ihren Hobbies nachgehen: Lesen, Internetsurfen, Musik, Film, Comics und Computerspiele, Sport und Reisen. Das Internet spielt hierbei eine besonders große Rolle – Spiele, Chats und Filme sind sehr beliebt. Die Studenten unternehmen auch gerne viel gemeinsam und gehen oft miteinander in Restaurants essen.

Optimismus und Veränderung

Die derzeitige Studentengeneration ist in einer Periode stabilen und schnellen Wirtschaftswachstums aufgewachsen, wie sie in den letzten 100 Jahren in China einmalig ist. Entsprechend optimistisch schaut sie in die Zukunft. Gleichzeitig ist ihre Leben von permanentem Wandel geprägt. Die Studenten sind rapide Veränderungen gewöhnt und mögen es, dass unablässig neue Produkte, neue Moden und neue Ideen auftauchen. Mit Stillstand können sie hingegen weniger umgehen. Diese Studenten haben eine moderne Ausbildung erhalten und stehen Gleichaltrigen in den USA oder Europa in Wissen, Umgang mit moderner Kommunikation und Technologie und Freizeitgestaltung in nichts nach. Sie besitzen in hohem Maße Kreativität, Beobachtungsgabe, Lernfähigkeit und Auffassungsgabe. Sie sind gerne bereit, eine Lebensform, wie sie die Internationalisierung und Globalisierung mit sich bringt und bei der eine multikulturelle Vielfalt nebeneinander existiert, kennen zu lernen und an ihr teilzuhaben, wobei sie überdies das Selbstvertrauen besitzen, hierfür einen eigenen schöpferischen Beitrag leisten zu können.

Chancen und Sorgen

Infolge der in den 70er Jahren eingeführten Ein-Kind-Politik sind die meisten Studenten heute Einzelkinder, viele von ihnen sind sehr ich-bezogen und lassen sich gerne von anderen bedienen. Da ihnen Entscheidungen von klein an von Eltern und Lehrern abgenommen wurden, fehlt es ihnen im wirklichen Leben oft an Urteilsvermögen, Enscheidungsfähigkeit und Tatkraft. Rückschläge werden schlecht verkraftet, ohne die Präsenz der Eltern mangelt es ihnen an Selbstvertrauen.

Der Optimismus, mit dem die heutigen Studenten der Gesellschaft und dem Staat allgemein begegnen, geht aber verstärkt mit Zukunftsangst einher. Gerade weil die Zukunft so viele gute Möglichkeiten bietet, ist die Angst zu Versagen ebenfalls entsprechend groß. Im darwinistischen Überlebenskampf setzen sich die Stärkeren durch – und die Schwächeren werden unbarmherzig ausgesiebt. So herrscht ein großer seelischer Druck, der zu Depressionen führen kann.

Freizeit und Jobs

Die Studenten in Shenzhen organisieren selber viele verschiedene Aktivitäten, wie z.B. Theatergruppen, literarische Zirkel, Konzerte und Fachschaftstreffen. Außerdem gibt es halboffizielle kulturelle und Sportveranstaltungen der Studentenvereinigung. Die staatliche Kommunistische Jugendliga organisiert regelmäßig sogenannte „praktische, soziale Aktivitäten“, sprich Besichtigungen, Praktika und ehrenamtliche Tätigkeiten. Im akademischen Bereich gibt es spezielle Forschungsstipendien für sozialwissenschaftliche Projekte.

Shenzhen ist eine Handels- und Industriestadt, Studenten haben hier viele Möglichkeiten, in die Praxis zu schnuppern und während des Studiums Geld zu verdienen. Manchen arbeiten an Forschungsprojekten, in Unternehmen und Organisationen oder geben Nachhilfeunterricht. Die Jobs sind auch nützlich für die spätere Arbeitssuche. In den letzten Jahren gab es in China einen Aktienboom; manche der Studenten handeln auch mit Aktien, und einige unter ihnen finanzieren sich damit sogar ihre Lebens- und Studienkosten.

Träume und Ziele

Die Studenten in Shenzhen haben heute hauptsächlich drei Ziele: 1. eine gute Arbeitsstelle. „Gut“ bedeutet heute ein hohes Einkommen, die Verwirklichung des eigenen Potentials und qualifizierte Weiterbildung. Die begehrtesten Branchen sind Immobilien, Finanzwesen und die IT-Branche. 2. eine Beamtenlaufbahn, zu der man durch eine Prüfung kommt. Staatliche Institutionen bieten ein sicheres Einkommen und verschiedene Sozialleistungen. 3. ein Auslandsstudium. Das bringt eine Erweiterung des Horizonts, eine internationale Qualifikation und eine international ausgerichtete Karriere.

Viele Studenten möchten Superstars oder erfolgreiche Persönlichkeiten werden, aber sie wissen auch, dass das nicht realistisch ist. Daher sind ihre realistischen Ziele, eine gutbezahlte Stelle zu finden und einen modernen Lebensstil zu genießen – so wie die Mittelklasse und die höheren Angestellten in entwickelten Ländern.

Vitalität und Beweglichkeit

Die Studenten an den Hochschulen in Shenzhen sind weltoffen und modern eingestellt. Sie haben einen ähnlichen international ausgerichteten Hintergrund wie ihre Altersgenossen in den entwickelten Ländern Europas und Amerikas. Shenzhen ist Chinas jüngste und mobilste Metropole, die Studenten in Shenzhen wiederum gehören zu den jüngsten, vitalsten und aktivsten Einwohnern dieser Stadt.
Text: Dr. Yu Changjiang
Professor für Soziologie, Peking University/Shenzhen Campus
Übersetzung: Martin Winter
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008