Der Baumkuchenpreis


Baumkuchenpreis, Foto: Sönke Kirchhof
Die Sommerakademie der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam und die Communication University of China in Peking bieten Filmstudenten seit 2004 die Möglichkeit, für ein paar Wochen in einem interkulturellen Team zu arbeiten. Die besten Werke erhalten Preise und schaffen es vielleicht sogar ins Fernsehen.
„Nachdem im letzten Jahr von der CUC der „Mondkuchenpreis“ an Kurzfilme deutscher Filmstudenten der HFF in Beijing verliehen wurde, mussten wir uns etwas einfallen lassen“, erzählt Wolfgang Tumler, Gastprofessor und Leiter des Austauschprojektes der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam (HFF) mit der Communication University of China (CUC). So habe sich die deutsche Seite den „Baumkuchenpreis“ für die Studenten der Partneruniversität in Beijing ausgedacht, der in diesem Sommer im Rahmen der „Summer Academy 2008 HFF-CUC“ erstmals verliehen wurde. Prämiert wurden die besten Kurzfilme, die während des dreiwöchigen Aufenthalts von über 20 chinesischen Studenten im August 2008 in Berlin entstanden. Thematisch ging es um die Berichterstattung über die Olympischen Spiele in den deutschen Medien: Was sagt die deutsche Presse und wie wird das Thema wahrgenommen und behandelt.
Es hätte brenzlig werden können, weil das Thema Pressefreiheit in China nicht so groß beziehungsweise anders geschrieben wird als in Deutschland, dennoch ist diesem Kurzfilmprojekt etwas gelungen, was seinesgleichen sucht: eine intensive Zusammenarbeit junger Menschen jenseits der üblichen plakativen China-Diskurse und damit eine Chance für gegenseitiges Lernen. Um zu vermeiden, dass die chinesischen Studenten Schwierigkeiten bekommen, sollte Politik keine große Rolle spielen und heikle Themen wie Umweltverschmutzung, die Debatte um Tibet und ähnliches, wurden ausgespart. Auf diese Weise konnten sich die jungen Studenten aus China selber ein Bild machen, das facettenreich war: von Ärger über einseitige kritische Berichtserstattung über Erstaunen, wie viel Kritik in Deutschland zugelassen wird. Einige freuten sich über Beispiele positiver Darstellungen Chinas in den Medien, andere stellten erstaunt fest, dass das Thema Sport im Zusammenhang mit China immer in Verbindung mit Politik stand. Auch die Internetsperren der chinesischen Regierung während der Olympischen Spiele wurden kontrovers diskutiert. Manche chinesischen Studenten nutzten die in den Medien dargestellte Kritik an China indirekt für ihre eigenen kritischen Äußerungen, konnten aber darauf verweisen, dass der O-Ton aus den deutschen Medien käme.
Die deutschen Studenten hatten während der Sommerakademie 2007 den chinesischen Alltag am Beispiel einer Fahrradwerkstatt und eines Masseurs mit der Kamera festgehalten, die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele thematisiert und die Hip-Hop-Szene in China dokumentiert. Erstaunt waren viele deutsche Studenten, als ihre chinesischen Counterparts von ihrem Militärdienst vor Beginn des Studiums erzählten, der Pflichtprogramm für chinesische Studenten und Studentinnen ist.

Studenten der HFF und der CUC, Foto: Sönke Kirchhof
„Der fremde Blick“
Das seit 4 Jahren laufende binationale Austauschprojekt zwischen Filmstudenten hat das Oberthema „Der fremde Blick“ und soll letztlich zu einer erweiterten Perspektive auf beiden Seiten führen. Gerade die intensive Auseinandersetzung mit der chinesischen und deutschen Kultur über mehrere Wochen durch die gemeinsame Produktion von Kurzfilmen ist das, was man unter nachhaltiger Kulturarbeit versteht. Obwohl es auf beiden Seiten sprachliche Probleme gibt, weil das Englisch überschätzt wurde, so Wolfgang Tumler. Tumler hat eine eigene Produktionsfirma (Eikon) mit Schwerpunkt Dokumentation und organisiert das Austauschprojekt im 2. Jahr. Initiiert wurde der Austausch von Professor Liao Xiangzhong auf chinesischer Seite, der auf der Suche nach Kooperationspartnern für einen Austausch mit Europa war, und in Professor Ulrich Weinberg an der HFF Potsdam einen Gleichgesinnten fand. Beide Professoren arbeiten im Bereich Animation. 2004 wurde das Austauschprojekt mit einem Vertrag für eine Laufzeit von 5 Jahren ins Leben gerufen, finanziert von beiden Hochschulen. Abwechselnd reisen in jedem Sommer 20 Studenten mit vier Dozenten ins jeweilige Land und drehen vor Ort gemeinsam mit den Studenten des Partnerlandes Kurzfilme.
Um die Kooperation nach der letzten Runde 2009 weiterführen zu können, reiste Wolfgang Tumler in diesem Sommer nach Abschluss der Sommerakademie nach China, um dort weiter die Werbetrommel zu rühren. In Berlin hat er über die Finanzierung der Hochschule hinaus über 60% Drittmittel eingeworben und damit vieles für die chinesischen Studenten möglich gemacht: einen Shuttle-Bus, der sie sicher in ihre Unterkunft nach Schwanenwerder brachte, für jeden Studenten ein Handy für die Zeit in Berlin und extra bedruckte Taschen für alle Dinge, die Filmstudenten im Großstadtdschungel so brauchen. Es gab Sightseeing-Touren, Besichtigungen bei der renommierten Produktionsfirma von Regina Ziegler, im Filmpark Babelsberg, im Filmmuseum und einen Besuch in der Philharmonie bei Sir Simon Rattle. Außerdem berichteten Experten wie Rolf Giesen vom Filmmuseum beim „Lecture-Day“ über Trickfilm und andere Fachthemen. Professor Tumler weiß, dass sich jedes Jahr über 600 Studenten in China für dieses Projekt bewerben. Den ausgewählten über 20 Studenten möchte er mit seinem Engagement und Einfallsreichtum einen produktiven und erfolgreichen Aufenthalt in Berlin ermöglichen. „Erstaunlich ist allerdings, wie wenig deutsche Studenten für diesen Austausch zu motivieren sind“, wundert sich Tumler, dabei bekämen sie den Flug nach China bezahlt. Die chinesischen Studenten seien ehrgeiziger, aber der Konkurrenzdruck in China auch vergleichsweise größer: In Potsdam studieren 500 Studenten, in der Partneruniversität in Beijing sind es 15.000, allein die Animationsabteilung dort ist doppelt so groß wie die gesamte HFF Potsdam.
Preis für die „Suche nach dem Knutschfleck“
Nachdem 3 Jahre lang nur Studenten aus der Animationsabteilung an dem Austausch teilnahmen, öffnete Tumler das Projekt auch für andere Disziplinen wie Dokumentation, Fernsehen und Reportage. Die besten der in diesem Jahr produzierten 8 Kurzfilme wurden von einer Jury ausgewählt. Die „Baumkuchenpreise“ erhielten unter anderem Chinese Whisper - Stille Post (Großer Preis/Arbeitsgruppe Internet) und Cock One´s Ear - Spitz die Ohren (Publikumspreis/Arbeitsgruppe Radio). In Chinese Whisper überzeugte die akribische Suche nach der Story eines Lippenstift-Knutschflecks, der bei einer Mitwirkenden der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele entdeckt wurde: Wer ist diese Frau? Was macht sie sonst? Woher stammt der Knutschfleck?
Die entstandenen Kurzfilme konnten während der Zeit der Olympischen Spiele an 3Sat Online/Kulturzeit und an den digitalen Theaterkanal des ZDFs verkauft werden und wurden so auch einem breiteren Publikum außerhalb der Universität zugänglich gemacht – so konnten nicht nur die chinesischen Studenten mehr über ihr eigenes Land lernen.
Text: Vera Yu
freie Autorin, Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008
freie Autorin, Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008







