Germanistik und Chinawissenschaften

Chinawissenschaften in Deutschland (Teil II): Zwischen Tradition und Ökonomie

Wirtschaftssinologie Foto: Ursula SchrammelWirtschaftssinologie Foto: Ursula Schrammel

Der deutschen Sinologie war es in den Jahren nach 1945 kaum mehr möglich, an das in den 1920er Jahren erreichte Niveau anzuknüpfen. Unter den Emigranten, die Deutschland nach 1933 verlassen mussten, waren Wissenschaftler, die innovative Forschungsansätze in die Sinologie eingebracht hatten und nun die Forschungsszene etwa in den USA bereicherten. Dazu kam noch die Teilung Deutschlands und Berlins. Leipzig, wo nach 1945 wieder der einst von den Nationalsozialisten aus dem sinologischen Institut entfernte Eduard Erkes lehrte, geriet unter sowjetische Verwaltung.

Der Wiederaufbau nach 1945


Erich Haenisch verließ Berlin und übernahm 1946 den erstmals besetzten Lehrstuhl für Sinologie an der Universität München. Später sollten dort einige jener Professoren lehren, die in den 1960er und 1970er Jahren maßgeblich die akademische Sinologie in Westdeutschland prägten: Herbert Franke, der u.a. über das chinesische Mittelalter und die zentralasiatische Kulturgeschichte arbeitete, Wolfgang Bauer, dessen großes Werk über die Autobiographie in China eine Brücke zwischen den älteren sinologischen Traditionen und neueren Fragestellungen schlug, sowie, später dann, Helwig Schmidt-Glintzer, der eine neuere „Geschichte der chinesischen Literatur“ vorlegte. An den westdeutschen Universitäten entstanden zusätzliche sinologische Institute, die eine stärkere Spezialisierung pflegten. Während beispielsweise in Heidelberg Günther Debon mit zahlreichen Übersetzungen der klassischen chinesischen Lyrik hervortrat und außerdem eigens ein Lehrstuhl für „Ostasiatische Kunstgeschichte“ eingerichtet wurde, konnte die neue Universität in Bochum neben einer sinologischen Professur für Sprache und Literatur noch Lehrstühle für Politik und Geschichte, sowie (ab 1984) für Wirtschaft vorweisen.

Defizite der deutschen Sinologie

Allerdings machte sich gerade in den 1960er und 1970er Jahren die einseitige Ausrichtung der deutschen Sinologie auf die ältere Kultur Chinas als Defizit bemerkbar. Einer Darstellung Herbert Frankes zufolge, beschäftigte sich im Jahre 1967 nur einer der damals dreizehn sinologischen Lehrstühle in der Bundesrepublik Deutschland intensiv mit der chinesischen Gegenwart. Zwar existierte seit 1956 das Hamburger Institut für Asienkunde (heute: GIGA-Institut für Asienstudien) mit seiner Fachzeitschrift „China aktuell“, doch dessen Arbeiten wurden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Im Zeichen der globalpolitischen Rivalität zwischen den Großmächten der USA und der Sowjetunion einerseits, der Selbstabschottung „Rotchinas“, wie es damals hieß, andererseits, fristete die gegenwartsbezogene seriöse Chinawissenschaft in Deutschland ein Schattendasein. Im Zuge der westdeutschen Studentenbewegung der Jahre um 1968 mutierte dann plötzlich das kulturrevolutionäre China zum utopischen Sehnsuchtsland der bundesdeutschen Linken. Ihre Vordenker, wie der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, damals Herausgeber der Zeitschrift kursbuch, oder der Sinologe Joachim Schickel verklärten die damalige politische Situation in China zum Mythos. Eine nüchterne Auseinandersetzung mit Unterdrückung, Terror und Folter, unter denen die chinesische Bevölkerung zu leiden hatte, fand nicht statt. Im Verlaufe der 1970er Jahre indes beruhigte sich die Situation. An zahlreichen sinologischen Instituten wurde nun auch modernes Chinesisch unterrichtet – teilweise mit Hilfe von Lehrmaterialien aus der damaligen Volksrepublik China, deren Vokabular sich in kommunistischen Propagandafloskeln erschöpfte. Und so mancher Student zog es angesichts solch geistestötender Lektüre vor, sich weiterhin mit den älteren Texten der chinesischen Geistesgeschichte auseinanderzusetzen.

Die aktuelle Situation


Das Erscheinungsbild der deutschen Sinologie hat sich seitdem noch einmal grundlegend gewandelt. Dazu haben nicht nur die enormen Veränderungsprozesse in der Volksrepublik China selbst und der Boom der deutsch-chinesischen Wirtschaftsbeziehungen beigetragen. Auch eine veränderte Hochschulkonzeption im vereinigten Deutschland hat dazu geführt, dass China-Studiengänge nicht mehr exklusiv an Universitäten angeboten werden. Fachhochschulen, Berufsakademien, ja sogar Handelskammern haben spezielle Programme entwickelt, die sprach- und landeskundliche Kurse mit betriebswirtschaftlichem Know-how kombinieren. An manchen Universitäten hat das Fach „Wirtschaftssinologie“ Einzug gehalten. Die Umstellung sinologischer Institute auf die Erfordernisse von „Bachelor“- und „Master“-Studiengängen erweckt den Anschein von größtmöglicher Praxisnähe. Aus dem einstigen Orchideenfach, so scheint es, ist ein radikal gegenwartsbezogener Studiengang geworden, der – inklusive Praktika und China-Aufenthalt – von seinen Studenten in möglichst kurzer Zeit zu absolvieren und später einmal eine Karriere in Privatwirtschaft oder Institutionen eröffnen soll.

Offene Fragen

Ist bei all dem noch Platz für eine Forschung, die Traditionslinien berücksichtigt? „Zeit ist die Ressource, die fehlt“, antwortet darauf Prof. Heiner Roetz, der in Bochum Geschichte und Philosophie Chinas lehrt und von dem ökonomischen Druck berichtet, der auf Lehrenden und Studenten lastet. Optimistischer gibt sich hingegen Prof. Dorothea Wippermann, die den sinologischen Lehrstuhl in Frankfurt am Main innehat: „Das klassische Chinesisch ist noch längst nicht untergegangen“. Sie verweist auf die Wiederbelebung der alten Schriftsprache und der philosophischen Klassiker in der Volksrepublik China von heute. Und in der Tat: Von der Chinawissenschaft zu verlangen, dass sie auf die Reflexion des Geschichtlichen verzichtet, hieße, sie ihres Wissenschaftscharakters zu berauben. Es bleibt zu hoffen, dass diese Einsicht sich dereinst einmal auf allen Entscheidungsebenen durchsetzen möge.

Dr. Dagmar Lorenz: Chinawissenschaften in Deutschland (Teil I): Orchideen, Bücher und Gelehrte
Text: Dr. Dagmar Lorenz
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2008
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