Gesichter des Austausches

Tobias Zaft: "Durch die Struktur des Studiums hier wird die künstlerische Freiheit eingeschränkt."

Tobias Zaft © Tobias Zaft
Tobias Zaft © Tobias Zaft


Der Installations- und Videokünstler Tobias Zaft, geboren 1981 in Hamburg, studiert mit einem DAAD-Jahresstipendium seit September 2007 an der Central Academy of Fine Arts (CAFA) in Peking.

Wie und wann kamen Sie nach China?


Ich habe 2002 in Stuttgart meine chinesische Frau kennen gelernt. Wir haben beide an der Akademie der Bildenden Künste studiert. Bei einem Besuch ihrer Mutter in Deutschland habe ich meine Frau erstmals „chinesisch“ erlebt und an dieser Kultur Interesse gefunden. Nachdem wir unser Studium in Stuttgart beendet hatten, sind wir nach gemeinsamen fünf Jahren in Deutschland zusammen nach China (zurück-) gegangen. 2004 und 2006 hatte ich bereits die Familie meiner Frau in Harbin, im Nordosten Chinas, besucht und dreieinhalb Monate dort und in Beijing verbracht. Das DAAD-Jahresstipendium begann Ende August 2007 und ist jetzt um ein weiteres Jahr verlängert worden.

Wie war Ihre erste Zeit in China?

Der erste Eindruck war rundum positiv, ich schwärmte und nahm das Land zunächst recht unkritisch wahr. Beim zweiten Besuch konnte ich viele Aspekte bereits differenzierter sehen, z.B. die Armut, die mir zuvor kaum aufgefallen war. Dadurch war diese Erfahrung wesentlich intensiver.

Mit dem Komplettumzug nach Peking und der damit verbundenen Aussicht, wahrscheinlich für immer hier zu bleiben, gestaltet sich die Erwartungshaltung natürlich anders als bei den kurzen Besuchen vorher. Dementsprechend groß war der Druck, hier gleich alles zu verstehen. Allerdings hatte ich neben den praktischen Schwierigkeiten in einer Großstadt, z.B. mit der Wohnsituation, anfangs emotionale Probleme mit der Umstellung der Lebensgewohnheiten. Ich nahm das Fremde und Unbekannte mit einer „deutschen Brille“, mit bestimmten kulturellen Mustern wahr. Eine Selbstpositionierung, sich die Fragen - wo bin ich hier überhaupt, wo stehe ich und wo könnte mein Platz in diesem Kulturkreis sein - zu stellen, war deshalb sehr wichtig. Zugehörigkeit ist aber keineswegs selbstverständlich, sie kostet Überwindung, Kraft und Zeit. Das Gefühl, dazu zu gehören, ist nur durch harte Arbeit in mir entstanden; das ist sicherlich eine Lebensaufgabe.

War es schwierig als Künstler die DAAD-Förderung zu bekommen?

Das Auswahlverfahren ist sehr aufwändig und es gibt viele Bewerber. Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren entscheidet: Man muss ein guter Künstler sein, muss sich sehr intensiv vorbereiten und muss vor allem einen Bezug zu dem Land herstellen können, in dem man studieren möchte. Das Verfahren in Etappen ist sehr zeitintensiv, insgesamt war ich fast ein Jahr damit beschäftigt, verschiedene Gutachten, Einladungen und Empfehlungsschreiben von deutscher und chinesischer Seite zu bekommen. Auf der Bewerbungsausstellung in Bonn konnte ich meine künstlerische Arbeit vorstellen und musste genau begründen, was ich in dem Land will und warum genau dort. Die Kontakte zur Hochschule und zum Professor, bei dem man studieren will, müssen vorher bereits bestehen.

Wie ist das Studentenleben? Was ist anders als in Deutschland?

Ich wohne hier im Studentenwohnheim, das ist momentan am günstigsten, denn in der Isolation einer entfernten Wohnung kann ich nicht arbeiten, ich brauche den Kontakt. Allerdings sind die Atelierplätze in der Uni wahnsinnig klein. Auf so begrenztem Raum ist es schwierig, künstlerisch tätig zu sein.

Und der Unterricht? Gibt es Unterschiede zu Deutschland?

Ich habe in Deutschland "Freie Kunst" studiert, dieser Studiengang ist zwar in verschiedene Bereiche unterteilt, aber das Studium ist fächerübergreifend und sehr offen für intermediales Arbeiten. Entscheidend ist die künstlerische Idee, unabhängig vom Medium oder Mittel der Umsetzung. In Stuttgart hatte ich immer die Gelegenheit, meine Arbeiten zu zeigen, sie mit der Klasse und dem Professor zu besprechen und einen Diskurs zu beginnen. Es gab sowohl einen freien Arbeitsprozess als auch eine freie Reflexion über das Ergebnis.

Hier an der Central Academy of Fine Arts bin ich für Ölmalerei eingeschrieben. Die künstlerischen Studiengänge sind hier akribisch getrennt und die Einteilung in spezifische Fachbereiche wird sehr genau genommen. Bei meiner medienübergreifenden Arbeit bringt diese Eingrenzung aber Schwierigkeiten, wenn es mir beispielsweise nicht möglich ist, andere Techniken zu verwenden. Die Ausstattung hier ist super, teilweise besser als in Deutschland, die Werkstätten sind da, aber „fachfremde“ Kunst wird nicht unterstützt, wenn man nicht dafür eingeschrieben ist. Allein durch die Struktur des Studiums wird die künstlerische Freiheit eingeschränkt. Das ist schade, denn dadurch werden die Kreativität und der Selbstfindungsprozess blockiert.

Es gibt regelmäßig Vorlesungen über Kunstgeschichte. Die intensiven Klassenbesprechungen, die ich aus Deutschland als feste Institution des Studiums kannte, wären hier sicher eine wertvolle Bereicherung. Die Diskussionen würden einen guten Anlass bieten, die eigene Arbeit zu überdenken und zu lernen, sich und seine Kunst zu erklären und vorzustellen.

Was sind die prägenden Erfahrungen während Ihres Studienaufenthalts?

Zusammen mit einer deutschen Professorin haben wir einige chinesische Künstler in ihren Ateliers besucht. Es war sehr bereichernd, nicht nur den Ort des Schaffens kennen zu lernen, sondern auch die Arbeitsweise, das ganze Umfeld. Zudem konnten wir einige ihrer Werke besprechen. Es war sehr wichtig zu sehen, was hier nach dem Studium passiert, wie Künstler in China arbeiten und welche Möglichkeiten es für sie gibt. Mit ist aufgefallen, dass der Schaffensdruck hier sehr groß ist, die Künstler produzieren viel, schnell und auch sehr gut. Diese Intensität der Arbeitsweise und der Fleiß haben mich sehr beeindruckt.

Ein anderer wichtiger Aspekt des chinesischen Lebens ist der Stellenwert und das Funktionieren von sozialen Netzwerken, man setzt sich für den anderen ein und schaut, wie man helfen kann. Ist ein Kontakt erstmal geschlossen, stehen einem viele Türen und Möglichkeiten offen. Diese persönlichen sozialen Netze ersetzen oft die fehlende soziale Absicherung durch den Staat. Auch in der Kunst läuft das so: selbst als Künstler, der durch sein Schaffen auffallen will, ist man Teil eines großen, gesellschaftlichen Ganzen. Kunst aber macht persönliches Denken sichtbar und ist Ausdruck von Individualität. Das sehe ich einerseits als Gegensatz, andererseits aber auch als interessante Reibungsfläche, die in meine Kunst einfließen kann.

Aufgrund des hohen Stellenwerts der Gruppe und des Kollektivs musste ich erst lernen, auf Selbstdarstellung genauso wie auf das Erzählen von sich selbst zu verzichten. Das wiederum stärkt aber meine Arbeit, denn je weniger ich mich im Privaten präsentieren kann, umso mehr kann ich das durch meine Kunst tun. Das Ventil, hinter dem sich kreativer Druck aufbauen kann, ist wieder geschlossen und wirkt sich positiv auf meine Arbeit aus.

Wie beeinflusst China Sie als Künstler?

Durch meine Erfahrungen in Peking finde ich eine Art Einklang meiner künstlerischen Ideen, denn hier erlebe ich die kulturellen Differenzen, mit denen ich mich künstlerisch schon in Deutschland auseinander gesetzt habe, direkt und ständig. Die interkulturellen Schwierigkeiten spielen sich jetzt nicht mehr nur in Gedanken ab, sondern ich erfahre sie im Alltag.

Ist dieses Spannungsfeld zwischen den Kulturen ein bestimmendes Element Ihres Werkes?


Ja natürlich, es ist die treibende Kraft, die mich zum Arbeiten inspiriert. Durch die interkulturelle Auseinandersetzung in meinen Werken wird man als Betrachter gezwungen, „Position“ zu beziehen. Mit einer rein chinesischen Haltung gegenüber den Kunstwerken, bleibt ein möglicher Zugang verschlossen. Die Menschen sollten beim Betrachten einen „Positionskonflikt“ austragen, ein Stück weg rücken von ihren gewohnten und gelernten Interpretationen. Beim Betrachten meiner Arbeiten, versteht jeder nur einen Teil und wird gefordert, den fehlenden, fremden und unverständlichen Teil zu hinterfragen. So versuche ich, dene Menschen zu einer Erkenntnis interkultureller Situationen zu verhelfen.

Werden Ihre Werke in Deutschland und China unterschiedlich aufgenommen?

Ja, auf jeden Fall! In Deutschland bekam ich für meine Arbeiten meistens positive oder zumindest konstruktive Resonanz. Meine Werke wurden als „Junge Deutsche Kunst“ angenommen. Die Reaktion der Chinesen auf meine Kunst war ganz anders. Auf meiner einzigen Ausstellung in Peking bisher, im German Center Beijing, wurden meine Arbeiten nicht wirklich als Kunst akzeptiert. Mehrfach wurde ich gefragt, was das denn sein solle, das sei doch keine Kunst. Ich hatte das Gefühl, meine Arbeiten wurden nicht verstanden und alleine deswegen schon abgelehnt. Die Leute fanden keinen Zugang zu den Werken, weil sie ihre etablierte Vorstellung, die kulturspezifischen Sinnmuster, z.B. die historische Bedeutung des Himmelstempels (den ich farblich und funktionell verfremdete) nicht hinterfragten. Dabei ist es ein wichtiger Aspekt meiner Arbeit, kulturelle Objekte und Aspekte in naiver Weise zu verfremden, um den Angehörigen einer Kultur damit zu zeigen, dass für sie selbstverständliche Zusammenhänge in einer anderen Kultur ganz anders aufgefasst werden können. Viele fühlen sich wohl dadurch vor den Kopf gestoßen, dass ich spielerisch und künstlerisch ihre gelernten Interpretationen durcheinander bringe. Da fallen dann Urteile wie „richtig“ oder „falsch“.

Wahrscheinlich ist in Deutschland und China die Betrachtung von Kunst einfach verschieden, besonders, wenn Fragen offen gestellt werden und Antworten offen bleiben. Bei meiner Kunst wird von jedem Betrachter selbstständiges Denken gefordert. In beiden Kulturen gibt es aber große Unterschiede im kritischen und hinterfragenden Umgang mit Kunst. Dieses Spannungsfeld ist für mich als Künstler wiederum sehr interessant, genau mit diesen Reibungen spiele ich in meinen Arbeiten. Und da ich mich als Deutscher in China sowohl persönlich als auch künstlerisch in einem Zwischenbereich bewege, kann ich diese Widersprüche gezielt verarbeiten. Durch die chinesischen Reaktionen erwächst in mir auch der Ehrgeiz, da weiter zu arbeiten; sie geben mir Anreiz, mich und meine Arbeit in Frage zu stellen und durch diese Kritik zu wachsen.

Was machen Sie derzeit? Welche weiteren Projekte planen Sie?

Ich plane mit einer Künstlergruppe – mit einem Chinesen, einem Inder und einem Peruaner - für eine Vortragsreihe durch China zu reisen. An verschiedenen chinesischen Universitäten werden wir Vorträge zu künstlerischen Themen aus unseren jeweiligen Ländern halten, ich berichte z.B. über Medienkunst in Deutschland. Daneben arbeite ich an Gemälden und digitalen Arbeiten. In einem anderen Projekt versuche ich mit jungen Künstlern eine eigene Ausstellung ohne großen finanziellen Aufwand zu organisieren. Da es hier keine Kunstförderung gibt, wollen wir unser Kapital – unsere Ideen und künstlerischen Arbeiten - anbieten. Dabei geht es vordergründig nicht um den Gewinn oder den Verkauf unserer Arbeiten. Wichtig ist uns die Erfahrung und die Reaktionen der Besucher.

Wie beurteilen Sie den Kulturaustausch zwischen Deutschland und China?

Grundsätzlich halte ich den Kulturaustausch in der Zukunft für sehr wichtig. Jede Seite kann dabei sehr viel über die andere lernen. Vertreter beider Kulturen kommen zusammen – direkt oder durch ihre kulturellen Produkte - und treffen sich irgendwo in der Mitte. Dabei verschwinden die neutralen Felder bzw. sie werden kulturell und interkulturell besetzt. Mit der Zeit kommen die Menschen durch solche Programme nicht nur einander näher, sondern sie entwickeln sich im Kontakt mit der anderen Kultur auch selbst weiter. Sie entfernen sich von einer eindimensionalen Weltsicht, müssen einen Schritt zurücktreten, um das Ganze differenzierter betrachten zu können und sich selbst irgendwo einzuordnen.

Vielen Dank für dieses Interview und weiterhin viel Glück!
Text/Interview: Bettina Reinisch
Praktikantin beim Deutsch-Chinesischen Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008
Links zum Thema