Gesichter des Austausches

Meine zweite Heimat Berlin

Ma Yingli
Ma Yingli
Filmemacherin Ma Yingli
Die Filmregisseurin Ma Yingli ging schon immer ihre eigenen Wege – mit zwanzig Jahren verließ sie China, um in Deutschland zu studieren. Über Heidelberg und Köln kam sie nach Berlin, was zu ihrer zweiten Heimat wurde. Heute lebt sie wieder in ihrer Heimatstadt Peking, aus familiären Gründen. Zu ihren wichtigsten Werken zählen der Spielfilm Days of Miandi und die Dokumentarfilme From Beixinqiao to Tiantongyuan und Night Girl.

Mit zwanzig Jahren nach Deutschland

Als die zwanzigjährige Ma Yingli sich entschied, nach Deutschland zu gehen, studierte sie am Pekinger Rundfunkinstitut (heute: Communication University of China) Regie im dritten Studienjahr. An einer solch renommierten Hochschule dieses Fach zu studieren, würde viele Gleichaltrige in China neidisch werden lassen; Ma Yingli jedoch entschied sich, ihr Studium in Peking aufzugeben und neue Wege zu gehen: „Im dritten Studienjahr war ich schon ziemlich ernüchtert. Ich konnte deutlich vorhersehen, wie mein Leben verlaufen würde: Nach dem Abschluss würde ich einem Fernsehsender zugeteilt werden, wo ich dann langsam aber sicher aufsteigen und viel Geld verdienen würde. Bei einigen meiner damaligen Kommilitonen ist es genau so gelaufen. Diese Perspektive schien mir überhaupt nicht reizvoll.“

Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, war für Ma Yingli eine eher zufällige Wahl. Den Anstoß gab ihr Bruder, der Germanistik studierte und ein Stipendium für ein Studium in Deutschland bekam. Er lud sie ein, nachzukommen. „Damals brauchten die meisten ein Stipendium für ein Auslandsstudium. Auf eigene Kosten im Ausland zu studieren, so wie ich es plante, war relativ schwierig.“ Von Deutschland wusste sie zu dem Zeitpunkt nicht viel – eigentlich nur das, was im Schulunterricht vermittelt wurde. Zuerst lernte sie ein Jahr Deutsch in Heidelberg und bewarb sich an deutschen Filmhochschulen. Angenommen wurde sie zunächst in Köln, wechselte aber 1988 an die Filmhochschule Berlin.

Zweite Heimat Berlin

„Berlin ist die Stadt, in der ich am längsten gelebt habe. Ich bin gefühlsmäßig stark mit Berlin verbunden, Berlin ist für mich ein zweites Zuhause.“ Ihre Zeit in Berlin hat Ma Yingli nachhaltig geprägt. „Meine Lebensgewohnheiten und Denkweisen sind nicht mehr hundertprozentig chinesisch.“ Jede Stadt, so sagt man, habe ihre eigene Ausstrahlung - und die jeweiligen Bewohner ihr eigenes Temperament. Die Berliner ähneln nach Ansicht von Ma Yingli ein wenig den Bewohnern Pekings: Beide sind nicht sehr vornehm, sondern eher etwas grob, schlampig und schmuddelig. Berlin ist für sie damit keine schöne, aber eine sehr interessante Stadt.

Wenn man die Ausbildung in Berlin und in Peking vergleicht, so meint Ma Yingli, ist der offensichtlichste Unterschied, „dass die Filmstudenten im Westen viel mehr Möglichkeiten haben, etwas auszuprobieren. Sie haben nicht so viele Prüfungen, und erst recht gibt es keinen Politik- oder Englischunterricht wie in China, aber in jedem Unterrichtsfach müssen sie am Ende einen kleinen Film herausbringen. Auf diese Weise haben sie viel mehr Praxiserfahrung, was sehr wichtig ist. Die Regiestudenten in Deutschland müssen auch Grundkurse in Drehbuch, Fotografie, Ton, Schnitt usw. belegen. Es wird mehr Wert auf „Learning by Doing“ gelegt, das ist in China anders, hier wird die Theorie stärker betont. Die Studenten heute in China lernen zwar auch sehr viel, aber es gibt zu viele andere Einflüsse, die auf sie Druck ausüben und sie ablenken, wie zum Beispiel die Fragen, wie man Geld verdient, Preise bei Filmfestivals bekommt und so weiter.“

Ma Yingli
Ma Yingli beim Dreh von "From Beixinqiao to Tiantongyuan"


Zwei Phasen der Fremdheit

Obwohl sie so lange in Deutschland gelebt hat, empfand Ma Yingli dort bis zuletzt doch immer ein gewisses Gefühl der Fremdheit. Dieses Gefühl lasse sich in zwei Phasen einteilen, fasst die Regisseurin zusammen: „Die erste Phase liegt in der Zeit direkt nach der Ankunft in Deutschland. Das Fremdheitsgefühl ist sehr stark, aber nicht beängstigend. Als ich damals nach Deutschland kam, gab es dort viele Dinge, die es in China noch nicht gab. Der Alltag war für mich zunächst ganz ungewohnt. Damals habe ich gedacht, in Deutschland ist es super. Die Deutschen waren zu mir alle sehr nett. Wenn Du mit der Sprache nicht zurechtkommst, helfen dir alle gerne, weil Du so unbeholfen bist. Während des ganzen Jahrs in Heidelberg habe ich mich überhaupt nicht unwohl gefühlt.“

„Dann fängt man an, sich langsam einzugewöhnen, zu studieren, zu arbeiten. Nach fünf, sechs Jahren hat man mit der Sprache keine Probleme mehr. Man selbst glaubt, man ist wie alle anderen. Dann erst beginnt man, auf einer tieferen Ebene die Unterschiede zwischen den zwei Kulturen zu erkennen und man erfährt ein anderes Gefühl des Sich-nicht-Eingewöhnens, Sich nicht-Anpassen-Könnens, Nicht-Verstehens. Dieses Gefühl kann nun nicht mehr mit dem Mäntelchen mangelnder Sprachkenntnisse verdeckt werden, wenn man sich mit Freunden unterhält, merkt man plötzlich, dass es da immer noch Punkte gibt, bei denen man sich nicht versteht. In dieser zweiten Phase treten die Unterschiede der Denkweisen und des kulturellen Hintergrunds der Menschen beider Länder in den Vordergrund. Ich denke, dass sich die zwei unterschiedlichen Kulturen zwar gegenseitig kennen lernen können, aber wenn zwei verschiedene Kulturen wirklich verschmelzen oder einen gleichberechtigten Austausch führen sollen, dann ist das nach wie vor sehr schwierig.“

Die Rückkehr nach Peking

Seit 2006 lebt Ma Yingli wieder in Peking, eine Entscheidung, die sie hauptsächlich wegen ihres Ehemannes, einem chinesischen Regisseur, und ihres Kindes getroffen hat. „Der Arbeits- und Lebensmittelpunkt meines Mannes ist in Peking. Das war der eine Grund, zurückzukehren. Der andere Grund: Obwohl mein Kind in Berlin geboren und dort in den Kindergarten gegangen ist, ist er doch Chinese und seine Muttersprache ist Chinesisch. Es war mir wichtig, dass es Chinesisch von Grund auf lernt und im chinesischen Kulturkreis aufwächst.“

Das Künstlerprojekt Beijing Case

2005 nahm Ma Yingli zusammen mit zehn anderen Künstlern am vom Goethe-Institut organisierten Künstlerprojekt Beijing Case teil. Thema waren die Auswirkungen der Urbanisierung Pekings auf Kultur, Gesellschaft und Alltagsleben. Ma Yingli wählte für ihren Beitrag ein kürzlich umgesiedeltes Rentnerehepaar in einer Hochhauswohnung aus und hielt mit der Kamera die Veränderungen ihres Alltagslebens durch die Umsiedlung fest. Der Film wurde Ende 2006 in der Ausstellung totalstadt.beijing im Zentrum für Kunst- und Medientechnologie Karlsruhe präsentiert. Ma Yingli nennt die weibliche Hauptperson im Film vertraut „Tante“. Weil sie das Leben der „Tante“ nicht weiter stören wollte, gab sie den ursprünglichen Plan, das Leben der beiden Rentner längerfristig filmisch zu begleiten, auf. „Das ist ein Problem, auf das alle Dokumentarfilmer irgendwann stoßen. Man muss ein Gleichgewicht finden zwischen der Realität und der Realität, in die man eingegriffen hat. Man muss sich entscheiden.“

Das Thema des Films spricht Westler eher an als Chinesen. Dazu Ma Yingli: „Viele Chinesen meinen, das sei wieder einmal so ein Ausländer-Ding, nur die interessieren sich noch für so was, das Thema sei doch schon uralt. Aber das, worum es mir geht, ist etwas Anderes. Ich wollte die Anpassungsfähigkeit und den Optimismus der älteren Pekinger zeigen. Auf diesen Punkt wird nur sehr wenig geachtet. Sie sehen nämlich auch das Gute, das durch die Veränderung entsteht. Obwohl es auch Leid gibt, gehen sie grundsätzlich positiv in die neue Situation. Ich vergleiche häufig die Rentner in China und Deutschland. Ich habe viele Berliner Rentner erlebt, die ständig schlecht gelaunt und unzufrieden sind. Vielleicht erfüllen sie damit die Rolle von Kritikern an Politik und Gesellschaft, aber für den Fortschritt des Einzelnen und der Gesellschaft braucht man vor allem Begeisterungsfähigkeit. Diese Zähigkeit, mit der chinesische Rentner in jeder Umgebung nach Mitteln und Wegen suchen, gesund und glücklich zu sein, bewegt mich oft.“
Text: Zheng Hong,
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Übersetzung: Ursula Schrammel
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008
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