Gesichter des Austausches

Die Mao-Bibel im Original lesen – als Sinologiestudentin 1978 in Nanjing

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Dr. Barbara Spielmann 1978 in Nanjing


Dr. Barbara Spielmann ist Sinologin und seit 1987 als Asien-Referentin in der Max-Planck-Gesellschaft (MPG) in München tätig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Betreuung wissenschaftlicher Kooperationsprojekte zwischen der MPG und der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CASS) in Peking. Von 1978 – 1979 verbrachte die heute 54-Jährige dank eines DAAD-Stipendiums ein Jahr in Peking und Nanjing. Die in China gemachten Erfahrungen, die von der Zeit kurz nach der Kulturrevolution geprägt waren, haben ihren weiteren Lebensweg entscheidend geprägt, sagt sie heute...

AR: Woher kam Ihr Interesse an China?

BS: Ich war damals politisch sehr engagiert, wenn auch nie im dogmatischen Sinne. Da ich im sozialistischen Schülerbund aktiv war, war die sogenannte „Mao-Bibel" ein für mich interessantes Werk, das ich unbedingt einmal im Original lesen können wollte. Auch wenn man wenig über China wusste, erschien die Kulturrevolution von Deutschland aus betrachtet faszinierend. Hinzu kam meine Begeisterung für chinesische Landschaftsmalerei, die über meine Kunstlehrerin initiiert worden war. So stand schon lange vor dem Abitur für mich fest, dass ich Chinesisch studieren wollte. Eine erste Annäherung an die chinesische Kultur ergab sich dann über meine Studien bei Professor Otto Ladstätter in Wien, durch die ich über ein Praxisprogramm zunächst ein Jahr in Taiwan verbringen konnte. Dieser Aufenthalt unterschied sich jedoch stark vom dem späteren DAAD-unterstützten Jahr in China: Ich finanzierte den Aufenthalt in Taiwan über meine Mitarbeit bei einem Sprachlabor, lebte privat mit zwei ausländischen Studenten zusammen, reiste viel und lernte Kalligraphie sowie Landschaftsmalerei.

AR: 1973 reisten die ersten DAAD-Stipendiaten noch zu Zeiten der Kulturrevolution nach China. Wie kamen Sie darauf, 1978 über den DAAD nach China zu gehen – die Zeiten waren ja immer noch schwierig?

BS: Nach dem Aufenthalt in Taiwan wollte ich unbedingt das chinesische „Mutterland", das sozialistische China, kennenlernen. Durch meine Vorerfahrung in Taiwan war mir die chinesische Kultur bereits vertraut. Essen, Gerüche und Gewohnheiten – all dies war mir nicht neu. Ich war nicht ängstlich, sondern erwartungsfroh und neugierig, als ich in Peking ankam. Immerhin war ich nun in dem Land, das ich von Deutschland aus immer verklärt hatte.

AR: Sie waren in Peking und Nanjing gewesen. Wie kam es zu der Zweiteilung – und wie lange waren Sie jeweils dort?

BS: In Peking stellte ich fest, dass mein Chinesisch durch meinen vorangegangenen Taiwan-Aufenthalt schon so gut war, dass das Angebot des Spracheninstituts Peking für mich nicht sinnvoll erschien. Nach drei Monaten in Peking konnte ich mich also für ein Geschichtsstudium in Nanjing einschreiben, wo ich ein dreiviertel Jahr blieb.

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AR: Wie waren die Studienbedingungen 1978 in China?

BS: Wir hatten relativ viel Freiheit – man hatte noch nicht viel Erfahrung mit ausländischen Studenten gemacht und es gab kaum Bestimmungen für den Umgang mit Ausländern. In Nanjing gab es 1978 nur 3 Deutsche von insgesamt 18 Ausländern, 9 davon Vietnamesen. Ich war jede Woche nur wenige Stunden bei den Geschichtsseminaren präsent, dort wurde der Opiumkrieg behandelt. Lieber beschäftigte ich mich mit chinesischer Literatur. Diese selbstbestimmte Einteilung des Lehrplans war damals möglich. Der Geschichtsunterricht war klassischer „Frontalunterricht", in dem kaum Meinungsaustausch stattfand und der Schwerpunkt auf dem Auswendiglernen lag. Es war eine Zeit großer Verunsicherung, auch für die Lehrer.

AR: Wie sahen die Rahmenbedingungen für das Studentenleben aus?

BS: Von Anfang waren uns ausländischen Studenten ein Paket an Kleidung und Geschirr zugeteilt worden, genau wie den chinesischen Studenten. Hierzu gehörten blaue oder olivgrüne Anzüge für Sommer und Winter, 2 Paar lange Unterhosen sowie weitere Baumwollkleidung, Bettzeug, eine Waschschüssel aus Emaille, eine Reisschale und ein Teetopf mit sozialistischen Motiven. Diese Kleiderausgabe war vorteilhaft, da wir so erst einmal die uns zugeteilten Baumwollmarken sparen konnten.

Wir Ausländerinnen hatten uns gewünscht, mit Chinesinnen zusammenwohnen zu dürfen, um die chinesische Kultur näher kennenlernen zu können. Dies war für die Chinesinnen zunächst eine zweischneidige Sache, sie wären lieber unter sich geblieben. Andererseits konnten sie so im Zweibettzimmer statt in mehrstöckigen Betten mit bis zu 8 Personen im Zimmer wohnen. Wir hatten uns eigens ältere Zimmergenossinnen mit Lebenserfahrung gewünscht und junge städtische Chinesinnen abgelehnt, um das „wahre" China nach unseren Idealen kennen zu lernen. Wir hatten auch aus diesem Grunde zwei je einwöchige Arbeitseinsätze auf dem Lande beantragt, ich war in einer Waggonfabrik und beim Reispflanzen tätig. Unser Wunsch war, China so authentisch zu erleben wie möglich! Beim Essen verstanden wir uns jedoch sehr bald darauf, dem Koch, der uns Ausländern zugeteilt war, Gerichte zu nennen, die uns gut schmeckten. So brachte er öfter frischen Joghurt aus Peking mit. Ich selbst brachte ihm mein Lieblingsrezept für einen Apfelkuchen bei, den es dann öfter gab. Auch Schnitzel konnte er gut zubereiten.

Solange wir die Stadtgrenzen nicht überschritten, konnten wir uns frei bewegen. Einmal bekamen wir die chinesische Autorität aber doch zu spüren: Wir waren zu viert im Morgengrauen als Chinesen verkleidet mit den Rädern aufgebrochen, um einen nahen Staudamm zu besichtigen. Wir wussten, dass dies eigentlich illegal war, da wir damit die Stadtgrenzen überschritten. Wir wurden erkannt, auf LKWs gepackt und ins nahe Sicherheitsbüro gebracht. Zudem wollten wir unsere Fotokameras nicht hergeben - wir wären aus China verwiesen worden, wenn wir nicht versprochen hätten, derartige Aktionen fortan zu unterlassen.

AR: Wie sah das Studentenleben selbst aus? Gab es viele Kontakte zu anderen chinesischen Studenten?

BS: In Nanjing gab es damals circa zehn Restaurants und selbstverständlich keine Tanzbars. Für uns Ausländer wurden offiziell Kulturveranstaltungen, z.B. mit Volkstanz oder klassischer chinesischer Musik veranstaltet. Abseits von diesen organisierten Ereignissen versuchten wir, die chinesische Seite für „unsere" Musik zu begeistern. Wir hatten eine kleine Stereoanlage dabei und konnten so unsere mitgebrachte klassische Musik – Haydn, Beethoven, Brahms, Mozart – vorspielen. Dies stieß auf enormes Interesse der Chinesen. Wir hatten aber auch das dringende Bedürfnis, eine Disko einzurichten und bei Kerzenschein, Zigaretten und Alkohol die Hits der 70er Jahre zu hören. Wenn wir zu Musik von Jimi Hendrix, Janis Joplin und den Rolling Stones tanzten, sorgte das eher für Irritation. Als wir diese Musik auch einmal während des Arbeitseinsatzes auf dem Land anstellten und I can't get no satisfaction über die abendlichen Reisfelder schallte, versteckten die Bauern erschrocken ihre Kinder. In Nanjing trafen wir immer wieder chinesische Studenten, die interessiert waren, ihre Englischübungen mit uns durchzugehen oder Tischtennis und Federball mit uns zu spielen. Ich selbst freundete mich aber auch mit einer Berlinerin an, die eine der ganz wenigen Deutschen war, seit 30 Jahren in Nanjing mit ihren Kindern lebte und mit einem Chinesen verheiratet gewesen war. Sie hatte jahrzehntelang kein Deutsch gesprochen. Über sie lernte ich Vieles in Nanjing kennen. Reisen waren während unseres Studienaufenthalts in bestimmten definierten Gebieten wie Peking, Chengdu, Xi'an, Hangzhou und Kunming erlaubt. Man musste sich nur regelmäßig bei bestimmten Behörden melden und in vorgesehenen Hotels wohnen, was aus chinesischer Sicht zu unserem Schutz gedacht war.

AR: Wie haben die Erfahrungen in Nanjing konkret Ihren späteren Werdegang beeinflusst?

BS: Von Beginn an war ich sehr stark an der sogenannten „Enthüllungsliteratur" interessiert, die sich kritisch mit der Kulturrevolution auseinandersetzte. Bereits in Nanjing las ich einige Werke und übersetzte diese. Dies wurde auch nach dem Chinaaufenthalt mein Weg, um die Erfahrungen in China zu verarbeiten. Zurück in Deutschland, verdiente ich einige Jahre Geld mit Übersetzungen. Auch für meine Promotion über chinesische Gegenwartsliteratur hatte ich schon durch meine Lektüre und Recherchen in Nanjing den Grundstein gelegt. Das Interesse an chinesischer Literatur hält bis heute an. Einige Reisen während des Aufenthalts 1978 bildeten die Basis für meine Tätigkeit als Reiseleiterin: 1980 – 85 führte ich insgesamt 15 Reisegruppen nach China. Kurze Zeit später arbeitete ich noch einmal für ein Jahr bei einer österreichischen Stahlfirma in Peking. Bis heute halte ich Kontakt mit Chinesen aus der damaligen Zeit. Wenn ich heute als Asienreferentin der Max Planck Gesellschaft in China bin, helfen mir meine langjährigen Erfahrungen sehr bei der Akzeptanz durch die chinesische Seite. Mein heutiger Beruf, mein Verständnis für China – all dies wäre ohne meinen frühen Aufenthalt in China so nicht möglich geworden.

AR: Was hat sich im heutigen China im Vergleich zu damals am auffälligsten verändert?

BS: Es hat sich ein dramatischer Wertewandel vollzogen. Geld, Macht und Beziehungen spielen heute eine zentrale Rolle. Das hat es in dieser Extremform so damals nicht gegeben. Kommerzielle Aspekte waren früher in China in keiner Weise relevant.

AR: Herzlichen Dank für dieses Interview.
Text: Anke Rönspies
Redakteurin Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008