Gesichter des Austausches

„Das Wissen um China ganz generell ist noch zu wenig"

Andreas Schmid
Andreas Schmid, Foto: Torsten Seidl
Andreas Schmid, Foto: Torsten Seidl


Andreas Schmid (geb. 1955) wuchs in Stuttgart auf. Heute lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler und Experte für zeitgenössische chinesische Kunst in Berlin. 1983 erhielt er ein DAAD-Stipendium für die Zhejiang Academy of Fine Arts (heute China Academy of Art in Hangzhou). Nach einem Jahr Sprachausbildung in Peking lebte er von 1984-1986 in Hangzhou, wo er Kalligraphie studierte. Liu Yue hat ihn zu seiner Zeit in Hangzhou befragt.

LY: Woher kam Ihr Interesse an China?

AS: Es gibt verschiedene Gründe: Mein Großvater ging 1903 als Missionar nach China, wo er beinahe 30 Jahre in China blieb. Von ihm habe ich als Kind viel über China gehört. So habe ich zwar schon immer Interesse an dem Phänomen „China" gehabt, bin aber letztendlich über die Kunst nach China gekommen. Ich habe Malerei studiert, meine Bilder ähnelten in der Raumauffassung und dem Schwerpunkt auf die Linie der chinesischen Malerei. Gegen Ende meines Studiums habe ich eine Ausstellung japanischer Kalligraphie in Bonn gesehen, die mich sehr beeindruck hat. Daraufhin habe ich mich beim DAAD um ein Stipendium in China beworben. Der im Februar 2008 verstorbene Künstler Sonderborg, der mir ein Gutachten schrieb, fragte mich: „Warum gehen Sie nicht nach Japan?" Ich habe ihm geantwortet: „Japan ist auch interessant, aber China ist die Wiege der Schrift." Also, es war die künstlerische Idee der Linie, die mich wirklich nach China gebracht hat. Aber die Wurzel lag in der Familie.



LY: War es schwierig, als Künstler eine DAAD-Förderung zu bekommen?

AS: Das ist schwer zu sagen. Es gab eine Liste mit einem Ranking aller Künstler, die sich aus ganz Deutschland für Stipendienaufenthalte in der ganzen Welt beworben hatten. Die Gesamtkonkurrenz war groß, aber für den asiatischen Raum selbst gab es nicht so viele Bewerber. Neben einer eigenen Qualität, die unabdingbar ist, braucht man einfach Glück. Ich habe hinterher festgestellt, dass die Auswahlkommission damals sehr individuell ausgesucht hat. Die hat nicht nur nach Noten oder wirtschaftlichen Interessen ausgesucht, sondern hat sehr unterschiedliche Leute mit unkonventionellen Ansichten, Anlagen und Fachgebieten nach China gehen lassen. Das Risiko hat sich ausgezahlt.

LY: Wie waren die Studienbedingungen 1984 in Hangzhou?

AS: Im Allgemeinen gut. Ich war postgraduierter Student. Zuerst wohnten wir zu zweit in einem Zimmer, aber nach einer Weile hat man zu mir gesagt: „Na, du kannst auch ein Zimmer alleine haben", eben weil ich Postgraduierter war. Das Studium war durch die geringe Klassenstärke von 6-8 StudentInnen sehr effektiv und die Lehrer, u.a. Wang Dongling, Li Jiang und Sha Menghai, hervorragend. Ich habe wirklich sehr viel gelernt. Belastend waren hingegen die ständige Kontrolle und die Auswirkungen der offiziellen Ausländerpolitik, die Kontakte zwischen Ausländern und Einheimischen zu verhindern suchte. Aber trotzdem habe ich die Zeit bis heute insgesamt positiv empfunden.

LY: Wie war das Studentenleben?

AS: Im ersten Jahr waren wir sechs ausländische Studenten, im zweiten Jahr waren wir neun oder zehn auf dem Campus. Chinesische Studenten gab es damals ungefähr 300. Mit den chinesischen Studenten hatten wir nur in „Kunstgeschichte" gemeinsamen Unterricht. Aber wir hatten gute chinesische Freunde, mit denen wir trotz aller offiziellen Probleme in der Freizeit etwas zusammen unternommen haben. Das Leben damals war einfach und komplex gleichzeitig, wunderbar und neu, besonders, da sich China gerade öffnete und die Freiheiten in der Akademie genossen und ausgeschöpft wurden. Die Zeit war viel langsamer – quasi diametral gegensätzlich zur jetzigen in den großen Städten. Damals war zum Beispiel ab 20 Uhr abends fast nichts mehr los. Die Restaurants wie die Geschäfte waren spätestens um 20.30 Uhr geschlossen. Alles floss langsam und ruhig, aber intensiv dahin und man hatte Gelegenheit, viel nachzudenken, zu schauen und zu reflektieren.

LY: Wie war der Unterricht? Was waren die Unterschiede zu dem in Deutschland?

AS: Vom Studium her war es sehr spannend. Wir arbeiteten sehr viel. Das Fach „Theorie" war manchmal durch die Fachtermini nicht leicht; auch klassisches Chinesisch oder Dialekte bereiteten Probleme. Damals war der größte positive Unterschied, dass die Klassenstärke klein war und wir mit den Professoren viel mehr Kontakt hatten. Das war in Deutschland nicht so. In Deutschland hatte man zwar an der Akademie, in einer Malklasse zum Beispiel, auch schon mehr Kontakte als in den heutigen Unis. Aber in China war es noch viel stärker und man hatte auch privat intensiv miteinander zu tun. Das schloss sehr zusammen.

LY: Was waren die prägenden Erfahrungen während Ihres Studienaufenthalts?

AS: Was mich sehr beeindruckte war, dass viele Leute keinen materiellen Reichtum hatten, aber nichtsdestotrotz sehr positiv und freundlich waren. Und das Geld hat bei vielen kaum eine Rolle gespielt. Weder in der Kunst, noch bei den Menschen. Die relative Armut hatte nicht dazu geführt, dass die Menschen bitter waren. Die Künstler, die ich damals kennen gelernt habe, waren alle materiell nicht gut gestellt. Sie hatten aber einen besonderen Willen und eine besondere Schaffenskraft. Man merkte, sie wollten etwas machen, auch gegen Widerstände. Dadurch hatten die Arbeiten auch eine große Kraft. Und auch das Durchhalten. Auf dem Weg, der nicht gerade verläuft, kommt man trotzdem und eher an. Das hat mir imponiert.

Für meine eigene politische Verortung war es wichtig, in einem autoritären System gelebt zu haben. Gleichzeitig ermöglichte die Distanz jedoch auch einen anderen Blick auf mein eigenes Land, dessen Maßstäbe sich relativierten oder auch verstärkten.

LY: Wie hat China Ihren weiteren Werdegang als Künstler beeinflusst?

AS: Meine Augen sind - bezüglich der Kalligraphie - besser geworden, weil ich sehr viel Originale gesehen habe und theoretisch wie praktisch einiges weiß. Vom Denken und von der Philosophie habe ich ebenfalls viel profitiert. In der Kalligraphie spielt zum Beispiel der Rhythmus eine große Rolle. Das hat sich sowohl in meinen Zeichnungen als auch in meinen raumbezogenen Arbeiten niedergeschlagen. Die chinesische Erfahrung, auch mit Menschen und Landschaften, vor allem der Wüste, ist für mich ein Aggregat, das ich im Laufe des Lebens immer wieder abrufe.

Ein anderer Einfluss ist, dass ich seit jener Zeit viele zeitgenössische chinesische Künstler kenne und mich seit den 80er Jahren viel mit chinesischer zeitgenössischer Kunst beschäftigt, viel über sie geschrieben und auch früh, nämlich 1992, zeitgenössische chinesische Kunst kuratiert habe.

LY: Was halten Sie von dem aktuellen Hype um die Kunstszene in China?

AS: Der hält bereits relativ lange an und ist auch nicht der erste. Das Interesse an chinesischer zeitgenössischer Kunst begann schon in den 90er Jahren. Im Moment ist es aber sehr überzogen, das heißt, die chinesische Kunst ist viel zu hoch bewertet, vor allem die schlechte. Aber ich bin eigentlich ganz ruhig, weil ich denke, das wird noch ein paar Jahre so gehen und sich dann wieder abkühlen. Man wird im Lauf der Zeit feststellen, dass manche Künstler sich nicht halten, und andere Künstler eben wirklich Klasse haben. Jetzt muss man abwarten. Eine gute Erfahrung war diesbezüglich meine Begegnung mit chinesischen Künstlern im November 2007 zur Eröffnung des Ullens Center of Contemporary Art (UCCA) in Peking. Die Künstler, die ich lange kenne, sind größtenteils völlig unbeeindruckt von dem ‚Hype'. Das war eine erfreuliche Erfahrung.

LY: Wie sehen Sie den Kulturaustausch zwischen Deutschland und China an?

AS: Das kann ich nur vom Künstlerischen her sagen. Es gibt natürlich jetzt schon viel öfter Ausstellungen als in den 90er Jahren, es gibt auch einige Galerien, die sehr erfolgreich mit chinesischer Kunst agieren. Das ist auch in Ordnung, trotzdem bleibt vieles an der Oberfläche. Was die allgemeinen Medien anbetrifft, stelle ich immer wieder fest, dass unser Wissen um China ganz generell immer noch viel zu dünn ist, trotz verbesserter Lage zu wenig Hintergrund vermittelt wird.

Man müsste mehr Austausch an der Basis machen, praktisch wie theoretisch. Zum Beispiel: In China wissen fast alle Kunststudenten zumindest basismäßig etwas über europäische Kunstgeschichte. Fast alle kennen berühmte Künstler wie z.B. Masaccio, Michelangelo, Rembrandt oder Monet. Sie erfahren mehr von einem anderen Kontinent, um sich so mit einer anderen Kultur auseinandersetzen zu können. Und vice versa? In Deutschland totale Fehlanzeige. Es besteht hier immer noch die koloniale Haltung bezüglich des Wissens über andere Kulturen. Da haben wir erheblichen strukturellen Nachholbedarf. Das kritisiere ich hier an den Hochschulen und das würde ich ändern.
Text: Liu Yue
Doktorandin im Fach Interkulturelle Kommunikation an der TU Berlin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008