Vier chinesische Künstler zu Gerhard Richters Einfluss in China

Yin Zhaoyang

Yin ZhaoyangYin Zhaoyang


Yin Zhaoyang (尹朝阳) wurde 1970 in der Provinz Henan geboren. Er studierte an der Central Academy of Art (CAFA) in Peking, wo er heute als unabhängiger Künstler arbeitet. In seinen Ölbildern greift er die nationalen Ikonen der Revolution auf, die ihn in seiner Jugend nachhaltig geprägt haben: Mao Zedong, den Tian'anmen-Platz und die Rote Flagge. Dabei isoliert er den Bildgegenstand so von seiner Umgebung, dass er entrückt und unwirklich erscheint. In seiner letzten Bildserie setzte er bekannte Photos Mao Zedongs aus verschiedenen Lebensphasen bis zum einbalsamierten Mao in monochrome Portraits um. Die Serie war Anfang 2008 in New York zu sehen.

Viele chinesische Künstler mögen Gerhard Richter und sind von ihm beeinflusst, geben das aber ungern offen zu. Wie sehen Sie das?

Ich habe mich schon vor etwa fünf Jahren zu dieser Frage geäußert. Was spricht dagegen, von ihm geprägt zu sein. Schließlich gilt er ja im maßgeblichen Kunstsystem des Westens anerkanntermaßen als ein großer Künstler. Wenn er dich in irgendeiner Hinsicht beeinflusst hat, dann steh dazu. Was mich betrifft, gehören diese Prägungsphasen längst der Vergangenheit an.

Ich habe mal gesagt, dass Richter für mich eine Basis ist, die inzwischen von meinen späteren Sachen überlagert wurde. Schließlich muss der Mensch reifen. Du benötigst etwas, das dir hilft, dich von deiner Studienzeit zu befreien. So war das damals bei mir. Anders ausgedrückt: Wie bei allen anderen großen Künstlern der Welt bezieht sich auch die Prägung und der Anstoß durch Richter nur auf die Ausbildungsphase. In meiner Studienzeit hatte ich zwei Krücken, eine hieß Richter, die andere Bacon; beides Meister, die ich sehr verehrte. Aber diese Zeit ist vorbei. Die beiden Krücken haben mich damals auf den Weg gebracht, jetzt brauche ich sie nicht mehr und lasse sie zuhause.

Können Sie konkretisieren, über was Ihnen Richter hinweg geholfen hat?

Anfangs habe ich Richter auf eine sehr einfache Weise verstanden. Wie wenn du einen Trick entdeckst, durch den du dem Hochschulmief entkommst. Seine Bildsprache lag für mich damals zum einen in der Behandlung der Oberfläche, zum anderen in der Verfremdung konkreter Dinge. Ich nahm für mich einfach nur das in Anspruch, was ich brauchte. Wenn du ein Hindernis überwunden hast, ruhst du dich auf einem Stein aus, gibt es diesen Stein nicht, suchst du dir eben einen anderen. Wenn es nicht Richter gewesen wäre, wäre es vielleicht ein anderer gewesen. Auch Da Vinci hat uns beeinflusst. Und auch Richter hat seine Vorgänger, er ist nicht einfach aus dem luftleeren Raum hervorgegangen.

Mittlerweile habe ich an vielen Orten, in unzähligen Kunsthallen und Museen etliche Werke von Richter gesehen, so dass er mir sehr vertraut geworden ist. Aber in meiner Studienzeit waren seine Sachen völlig neu für mich. Als seine Werke nach China kamen, vielleicht vor fünf oder zehn Jahren, hatten die Chinesen noch nicht so viel gesehen. Heute sind chinesische Künstler in der ganzen Welt unterwegs und bekommen dabei viele seiner Arbeiten zu Gesicht. Betrachtet man Richter in dem Kontext eines riesigen Kunstsystems, dann wirkt er nicht mehr besonders erstaunlich.

Warum haben die chinesischen Künstler diese Vorliebe für Gerhard Richter?

 Werk von Yin Zhaoyang
Werk von Yin Zhaoyang
In seinen Hauptwerken hat sich Richter nie von der Gegenständlichkeit entfernt. Und die Chinesen haben ein Faible für das Figurative. Als auf den Auktionen die Preise für zeitgenössische Kunst in die Höhe schnellten, hat die chinesische Kunst, und insbesondere die Malerei, weltweit einen Gegentrend gesetzt, nämlich die Rückkehr oder Renaissance einer Malerei im realistischen Stil. Es ist vielleicht etwas übertrieben, von einer Renaissance zu reden, aber man bekam den Eindruck, dass ein realistischer Stil in der zeitgenössischen Kunst auch eine Rolle spielen kann. Zu dieser Zeit trat in China Gerhard Richter auf den Plan. Tatsächlich hatte er ja schon in den sechziger Jahren mit der Kunst begonnen, aber die Chinesen entdeckten ihn erst in den neunziger Jahren. Dabei erzeugte er bei jedem Künstler eine ganz andere Wirkung. Jeder zog etwas anderes für sich heraus und empfand ihn unterschiedlich.

Man kann sich bei Richter etwas über die Behandlung der Bildfläche abgucken, in dieser Meisterschaft und Präzision liegt seine große Wirkung. Natürlich interpretiert jeder diese Methode wieder anders. Die meisten chinesischen Künstler haben nach meiner Beobachtung oberflächliche Effekte übernommen und nur wenige haben daraus ein eigenes Vokabular entwickelt. Die Mehrheit ist im Stadium der Imitation der Effekte des Unfokussierten, Verschwommenen stehen geblieben. Sie sind schlechte Nachahmer und verlieren dabei auch noch ihren eigenen künstlerischen Ausdruck.

Hängt das damit zusammen, dass die Chinesen zu wenig über die Hintergründe von Richters Stil und Technik wissen, zu wenig über seine Theorie und Philosophie? Wäre es aus Ihrer Sicht notwendig, sich eingehender mit diesen Aspekten auseinanderzusetzen?

Ich sehe da keine Notwendigkeit. Der Künstler ist und bleibt ein Künstler, er ist weder Kritiker noch Wissenschaftler. Wenn ich Richters Arbeit 18. Oktober 1977 betrachte – und zu diesem Bildzyklus gibt es ein ganzes Buch – regt sich bei mir keinerlei Interesse für die Hintergründe dieses Werks. Ich möchte gar nichts darüber wissen. Als ich die Serie im MoMA in New York sah, hatte ich nur ein Gefühl: Es ist gut gemacht. Darin besteht für mich der direkteste Dialog mit dem Werk. Der Sinn dahinter kümmert mich nicht, denn ich habe meine eigenen Themen. Ich stelle aus meinem persönlichen gesellschaftlichen Umfeld heraus Überlegungen an, die Hintergründe und Kontexte Richters liegen mir zu fern.

Was vermittelt sich Ihnen rein als Betrachter durch die Bilder Gerhard Richters?

Ich betrachte ihn als einen traditionellen Künstler der akademischen Schule. Tatsächlich halte auch ich mich für einen akademischen Künstler. Ich sehe, dass er Raum, Form und Farbgebung perfekt beherrscht. Es ist die Genauigkeit und Perfektion der Bildoberfläche; diese für Deutsche typische Ernsthaftigkeit. Das sind die Punkte, in denen er mich fasziniert. Aber diese Dinge kann ich bei jedem großen Künstler gleichermaßen beobachten. Das ist alles, was ich in seinen Bildern lesen kann, mehr kann ich ihnen nicht entnehmen.
Gemälde können unendlich viele Implikationen in sich bergen, aber es kann auch ein Blick genügen, mit dem man Tausend Berge und Zehntausend Wasser überblickt, wie man im Chinesischen sagt.

Diese Sichtweise sich "mit einem Blick eine ganze Landschaft zu erschließen", ist eine sehr chinesische Tradition.

Richtig, wir können vollkommen auf unsere eigenen großartigen Traditionen vertrauen. Schließlich bestätigt sich in aller Kunst und Malerei, in der westlichen wie der östlichen, ein bekanntes Sprichwort: Alle Wege führen nach Rom, letztendlich fließt alles in einem Punkt zusammen.
Text/Interview: Li Hongyu,
Journalist, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008