Xie Nanxing

Xie NanxingXie Nanxing (谢南星), geboren 1970 in Chongqing, studierte bis 1993 am Sichuan Fine Arts Institute in Chongqing und lebt heute vornehmlich in Peking. Als Vorlage für seine Malerei dienen ihm teilweise unscharfe oder überbelichtete Fotos aus den Medien, die er in dünnen Farbschichten auf die großformatige Leinwand überträgt. Was aus der Ferne wie ein fotorealistisches Stillleben wirkt, löst sich bei näherer Betrachtung in eine abstrakte Bildfläche auf. Eine perfekte Oberfläche wird so bei näherer Betrachtung inhaltlich gebrochen. Xie Nanxing ist auf vielen internationalen Ausstellungen präsent. 2007 war er mit drei abstrakten Großformaten auf der Documenta in Kassel vertreten.
Wann haben Sie Gerhard Richter und sein Werk kennen gelernt?
Das war Ende der neunziger Jahre. Ich sah seine Bilder in einem populären Kunstband, etwas wie Meisterwerke der Weltkunst. Das waren Abbildungen, bei denen er klassische Gemälde, beispielsweise von Tizian, in seiner typischen verwischten Manier verfremdete. Man hatte das Gefühl, klassische Bildwerke zu betrachten, nur dass sie in schwarz-weiß gehalten waren. Optisch war das sehr eindrucksvoll, aber es hat mich nicht besonders gefesselt. Erst später habe ich verstanden, vor welchem Hintergrund er solche Dinge malt.
Während des Studiums an der Kunstakademie sind Sie mit dem Maler nicht in Berührung gekommen?
Nein, damals kannte ich ihn noch nicht.
Was ist nach Ihrem Verständnis der Hintergrund für sein Werk? Was will Gerhard Richter ausdrücken?
Man kann Richter auch eher dem realistischen Lager zurechnen. Er kommt ursprünglich aus dem sozialistischen Kunstsystem der DDR und entstammt damit einem ganz ähnlichen künstlerischen Umfeld wie chinesische Künstler. Ich denke, er wollte sich damals von der Formalismus-Bewegung1 im Westen abheben und einen anderen Stil ausprobieren. Früher arbeiteten doch alle fotorealistisch, aber wenn Du so realistisch malst, dann male ich eben unschärfer, um meine Einstellung auszudrücken. Insofern finde ich seinen Gedankengang sehr nachvollziehbar. Gerade als der westliche Formalismus seinen Höhepunkt erreichte und fast ausgereizt war, kam er mit diesem Stil. Aus chinesischer Sicht ist das absolut verständlich.
Innerhalb des vom Realismus geprägten Kunstsystems war sein Versuch sehr nahe liegend. Es ist als würde man nur über wenige Waffen verfügen, aber man will unbedingt dieses einfache, dem Pop-Art ähnliche Mittel nutzen und so Farbe bekennen. An zwei unterschiedlichen Orten kann sich auch die allgemeine Lesart von Kunst unterscheiden. Auf Chinesen wirken Richters Bilder sehr romantisch, für den westlichen Betrachter wohl eher nicht. In der gefälligen westlichen Landschaftsmalerei des achtzehnten Jahrhunderts setzte man ganz ähnliche Stilmittel ein, eine weiche, süßliche Malerei, als wäre der Rokoko zur neuen akademischen Malerei erkoren worden. Aus einer eigenartigen Fusion entsteht so etwas Neues.

Xie Nanxing, untitled, no. 1, 2006, Courtesy: Galerie Urs Meile, Beijing-Lucerne
Warum meinen Sie, dass chinesische Künstler seine Kunst so gut verstehen?
Weil er eine wirkungsvolle Methode angewandt hat, um als Künstler vom Realismus zur Moderne zu kommen. Die Chinesen sind allesamt in der akademischen Tradition des Realismus groß geworden, wie aber schafft man den Sprung ins Zeitgenössische? Ich male einfach unschärfer, lass es verschwommener wirken, verwische die Konturen und schon ist es auf der Höhe der Zeit. Chinesen manipulieren lieber die Oberfläche als den substanziellen Fragen nachzugehen. Das Oberflächliche scheint sehr populär zu sein. Als Richter in China rezipiert wurde, waren die chinesischen Künstler gerade eifrig auf der Suche nach einer Symbolfigur oder einem Stil. Es ging darum, wer einen Meister, wer den Pop findet und wie man den erlernten realistischen Stil einfach etwas justiert und so relativ bequem den Übergang zur zeitgenössischen Malerei schafft. Man wollte es auf die schlaue Tour machen.
Welche Position und welchen Stellenwert hat Gerhard Richter Ihrer Meinung nach innerhalb der Geschichte der Malerei?
Es ist kunstgeschichtlich sehr interessant, Richters Bilder mit den Gemälden des Klassizismus zu vergleichen. In seiner künstlerischen Umsetzung verbindet Richter die Tradition des Klassizismus direkt mit der zeitgenössischen Malerei, ohne zuvor die formalen Experimente der Romantik oder des Realismus zu durchlaufen. Dieser Punkt ist wirklich bemerkenswert. Richter ist eigentlich ein sehr puristischer Maler. Seine Konzeption konzentriert sich vor allem auf die Umsetzung der malerischen Ausdrucksmittel, er beschäftigt sich ganz und gar mit der Suche nach der künstlerischen Sprache.
Im Grunde genommen lässt sich seine Situation mit der in China gleich setzen. Er hatte eine akademische Ausbildung im Sinne des Sozialismus und eines traditionellen Realismus genossen. Dabei hatte er zunächst wenig Kenntnis über die anderen westlichen Kunststile. Später, als er seinen Stil verändern wollte, ging er gewissermaßen naiv vor. Dann wiederholte er dieselbe Manier immer wieder. Im Vergleich mit anderen Malern des Fotorealismus hatte er letztlich mehr Glück, aber malereigeschichtlich betrachtet sind da kaum Unterschiede. Der Fotorealismus war eine Mode, die keinen Bestand hatte, trotzdem konnte Richter als Einzelner diesen Stil fortsetzen.
Wie groß ist der Einfluss Gerhard Richters auf die zeitgenössische chinesische Malerei?
Richter hat maßgeblich dazu beigetragen, chinesische Künstler international marktfähig zu machen. Durch ihn haben viele Künstler eine relativ simple Methode entdeckt, die zur Anerkennung der zeitgenössischen chinesischen Malerei durch den Westen führte.

Werk von Xie Nanxing
Viele chinesische Künstler mögen Richter. Sie orientieren sich an ihm oder imitieren ihn ganz offensichtlich. Würden Sie dieser Beobachtung zustimmen?
In China werden viele Dinge vereinfacht betrachtet. Die Kunstkritiker sprechen nur darüber, bei wem deine Bilder Anleihen machen. Wenn ein Werk an niemanden erinnert, gehen ihnen die Worte aus. Es wird viel imitiert und abgekupfert, dieser Realität müssen wir natürlich ins Auge blicken, aber die Dinge liegen nicht so einfach, wie es zunächst erscheinen mag. So kann etwa Van Gogh einem Künstler helfen, sich von dem akademischen Stil zu lösen. Man imitiert Van Gogh nicht einfach um des Imitierens willen. Man will sich aus einer festgefahrenen Situation befreien und auf einer anderen Ebene ankommen. Wenn man sich an Richter orientiert oder ihn nachahmt geschieht das aus einer ähnlichen Motivation. Einen Stil zu übernehmen, bedeutet eine Sprache zu lernen, letztlich setzt man diese ein, um den eigenen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen.
1 Xie Nanxing bezieht sich auf die Formalismus-Realismus-Debatte, eine kulturtheoretische Kontroverse, die Anfang der fünfziger Jahre in der DDR und China aus der Sowjetunion übernommen wurde. Unter der Losung Kunst als Waffe sollte der Sozialistische Realismus mit seinem naturalistischen, optimistischen Anspruch als Gegenströmung zum modernen „Formalismus“ des Westens antreten.
Text/Interview: Li Hongyu,
Journalist, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008
Journalist, Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008





