Museumsdirektor Martin Roth über Gerhard Richter und „Lebende Landschaften" in Peking


Dresdener Zwinger, Foto: David Brandt
Vom 15. Mai – 2. Juli 2008 sind im National Art Museum of China (NAMOC) in Peking zwei hochkarätige Ausstellungen aus Deutschland zu sehen: Living Landscapes. A Journey through German Art und Gerhard Richter. Bilder 1963–2007.
Living Landscapes ist eine „Reise in Bildern" durch die deutsche Landschaftsmalerei der vergangenen 200 Jahre, von der Romantik über den Expressionismus bis zur Gegenwart, von Caspar David Friedrich über die Brücke bis zu Neo Rauch. Organisiert wurde die Ausstellung von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, den Staatlichen Museen zu Berlin und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München. Die Richter-Retrospektive zeigte 56 Bilder aus den Jahren 1963 bis 2007 und bot so einen Überblick über sein vielfältiges Werk.
Die Zusammenarbeit geht auf einen Kooperationsvertrag mit dem National Art Museum of China vom Mai 2007 zurück und steht unter der Schirmherrschaft von Staatspräsident Hu Jintao (胡锦涛) und Bundespräsident Horst Köhler. Die beiden Ausstellungen waren der Beginn einer umfangreichen Projektserie, welche Martin Roth, Generaldirektor der staatlichen Kunstsammlungen Dresden, initiiert hat.
CK: Wann und wie ist bei Ihnen der Wunsch nach einem Austausch mit China entstanden?
MR: Von China „angesteckt" wurde ich während meiner Arbeit als Leiter des Themenparks der Expo 2000 in Hannover. China war mit einem Pavillon über die Zukunft der Stadtentwicklung am Beispiel von Shanghai vertreten. Es entwickelten sich Kontakte zum Bürgermeister von Shanghai und einigen jungen, hochmotivierten, mehrsprachigen Chinesen aus Shanghai. Dann gab es noch einen zweiten Anlass, zwei Jahre später, als ich bereits wieder in die Museumsarbeit in Dresden eingestiegen war. Das war der Besuch des damaligen chinesischen Staatspräsidenten Jiang Zemin (江泽民), der die Tür für dieses Austauschprojekt öffnete.
CK: Es hat also sechs Jahre gedauert, bis ein erstes Ergebnis zustande kam.
MR: Das Organisieren von Ausstellungen ist eine komplizierte, aufwändige und teure Geschichte. Meine Arbeit in diesem Prozess ist vor allem, das Zusammenkommen der richtigen Leute zu ermöglichen. Dabei bin ich auf Hilfe angewiesen, z.B. auf Politiker, die unsere Projekte flankieren, wie der Botschafter hier in Peking, der uns übrigens sehr geholfen hat. Zu bedenken ist auch, dass wir bei diesem Projekt nicht mit europäischen, sondern eben mit chinesischen Kollegen zusammenarbeiten, die ja eine ganz andere Sprache sprechen! Deshalb war der Anlauf ein viel längerer. Ich weiß nicht, wie oft wir uns getroffen haben, ohne ein Ergebnis mit nach Hause zu nehmen. Da gab es Situationen, wo beide Seiten irgendwie ratlos waren – aber wir waren immer guten Mutes!
CK: Waren Ihre Kollegen aus Berlin und München, mit denen Sie diese Ausstellung gemeinsam machen, von Anfang an mit von der Partie?
MR: Es gibt eine Person, die hier in Peking im Kulturministerium arbeitet, die uns alle zusammengebracht hat: Chen Ping (陈平) war lange in Bern, Bonn und Berlin und kennt sich wahnsinnig gut in Deutschland aus. Vor fünf Jahren hatte ich als Delegationsleiter u.a. meine Direktorenkollegen Peter-Klaus Schuster aus Berlin und Reinhold Baumstark aus München mitgebracht; Chen Ping übersetzte unseren gemeinsamen Vortrag hier an der Akademie und das lief so gut, dass wir uns hinterher sagten, wenn wir das hier hinbekommen, dann sollten wir das zu Hause auch meistern. Und so sind wir als ein Team abgereist, das wir vorher mit Sicherheit nicht waren!
CK: Warum einerseits die Gemeinschaftsschau aus der Geschichte der deutschen Landschaftsmalerei, andererseits der Zeitgenosse Gerhard Richter?
MR: Wir haben, bevor wir das Albertinum für Renovierungsarbeiten geschlossen haben, die Ausstellung Von Caspar David Friedrich bis Gerhard Richter gezeigt, die sehr stark von Gerhard Richter mit beeinflusst war, in seinem Bereich auch von ihm kuratiert. In Peking wollten wir etwas Ähnliches zeigen. Der Vorschlag, die Ausstellung für China in zwei Teile aufzugliedern, kam von Richter.
Auch die chinesische Seite selbst war sehr interessiert an dem Thema Landschaftsmalerei, da sich Bezüge zur chinesischen Tuschemalerei finden lassen. Und einen Überblick über dieses genuin deutsche Genre zu geben, dafür sind die drei deutschen staatlichen Museen in Dresden, Berlin und München doch wunderbar geeignet!
CK: Kennt man Gerhard Richter in China?
MR: Richter war derjenige, der, wie kaum ein anderer Künstler weltweit, in China über Jahre hinweg unglaublich genau beobachtet worden ist, wahrscheinlich weil er die Möglichkeit aufzeigt, wie man sowohl gegenständlich als auch abstrakt malen kann, parallel oder im Wechsel. Und natürlich wegen der Qualität, die er bietet. Ich denke, er ist auch aus politischen Gründen während der 80er und 90er Jahre sehr wichtig hier gewesen.
CK: Wann ist Ihnen denn die Bedeutung Gerhard Richters für die chinesische zeitgenössische Malerei aufgefallen?
MR: Auf unseren Reisen in China haben wir viele Ateliers besucht. Wie oft haben wir es erlebt, dass da irgendwo an der Wand noch so ein „Richter" hing. Oder auch ein "Caspar David Friedrich", immer ein bisschen verballhornt. Ich glaube, es war der Mönch am Meer wo plötzlich ein Ufo im Bild stand. Man hat imitiert, man hat versucht, die Bilder nachzuempfinden. Ganz genau erinnere ich mich an den Besuch einer Abschlussklasse der Akademie in Peking, da sahen 95 Prozent der Bilder aus wie Gerhard Richter! Es wurde auch ganz offen darüber geredet, welche Bedeutung Richter für die Studenten hier hat.
CK: Stichwort Tuschemalerei: In Dresden ist China-Jahr unter dem Motto China-in-Dresden-in-China. Ab dem 28. Juni 2008 werden Berlin und Dresden Chinesische Tuschemalerei der Gegenwart zeigen, kuratiert vom Direktor des NAMOC, Fan Di'an (范迪安). Später wird in Peking und Dresden die gemeinsam kuratierte Schau Goldener Drache – Weißer Adler: Die Kunst im Dienste der Macht am Kaiserhofe Chinas und am sächsisch-polnischen Hof (1644-1795) zu sehen sein. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
MR: Zur Tuschemalerei: Die Ausstellung ist simultan in beiden Städten zu sehen, der traditionelle Teil ist nach Berlin gegangen, während der zeitgenössische Teil in Dresden zu sehen ist.
Zu Macht und Kunst denke ich, dass das ein wunderbares Thema ist, um etwas aus der Vergangenheit zu zeigen. Ausstellungen einfach aus dem Depot holen und an die Wand nageln, das hilft nichts. Interessant wird es erst, wenn mehrere Leute zusammenarbeiten. Und natürlich lernen wir aus der Vergangenheit immer auch für die Gegenwart und Zukunft – deshalb ist eine Ausstellung um das Thema der Macht ja auch interessant!
Noch ein Satz zu dem Motto „China-in-Dresden-in-China": Ein Grund dafür ist natürlich das Chinoiserie-Thema. Dresden hat da sehr viel zu bieten: Nehmen Sie Pillnitz als Schloss, das aussieht wie der Eingangsbereich der Verbotenen Stadt, und die Porzellansammlung aus der Kangxi-Periode. Es gab Phasen in Dresden, da war China mehr als eine Mode, eher eine Lebensauffassung, oder zumindest eine Sehnsucht.

Schloss Pillnitz, Foto: Werner Lieberknecht
CK: Hat sich die politische Situation in Bezug auf Tibet auch auf ihre Zusammenarbeit ausgewirkt? War von chinesischer Seite eine Abkühlung spürbar?
MR: Ich persönlich habe nichts gemerkt. Als Organisator wurde mir allerdings von deutscher Seite sehr reingeredet. Ich habe aber immer betont, dass Museen und Ausstellungen Mittel des kulturellen Dialogs sind und nicht der kulturellen Abschottung. Vor allem aus dem Auswärtigen Amt haben wir sehr viel Unterstützung gehabt, auch finanzielle Unterstützung. Das ist ein gutes Zeichen, weil es viele Jahre lang gar keine Mittel gab
CK: Der Kooperationsvertrag sieht auch den Austausch von Mitarbeitern und gemeinsame Forschungsvorhaben vor. Wie konkret ist das?
MR: Es gab im Dezember, Januar eine chinesische Mitarbeiterin in Dresden, von März bis Mai 2008 war eine deutsche Kollegin hier in Peking. Was gemeinsame Forschungsvorhaben betrifft, sichten wir derzeit unsere Bestände. Von chinesischer Seite gibt es bereits Leute, die bei uns arbeiten und recherchieren.
CK: Ein anderes langfristiges Projekt besteht in dem Neubau des chinesischen Nationalmuseums, das von dem deutschen Architektenbüro gmp 2009/2010 fertig gestellt werden soll. Was ist da geplant?
MR: Wir arbeiten seit 2002 an einer längerfristigen Ausstellung für das chinesische Nationalmuseum. Thema wird die europäische Aufklärung sein. Ursprünglich war daran gedacht worden, dass wir hier einen Raum haben, den wir über viele Jahre regelmäßig bespielen können... wozu Dresden mit seinem kulturellen Reichtum durchaus in der Lage wäre. Ein Grundgedanke für das Museum ist, eine Galeriefläche für die großen Museen der Welt zur Verfügung zu stellen. Ob dieses Konzept durchführbar ist, wird sich zeigen.
CK: Herr Roth, vielen Dank für das Gespräch!
Text/Interview: Claudia Kort
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008





