Gerhard Richter in Peking: Foto, Spiegel und Rakel


Gerhard Richter, Mustang-Staffel 1964
Ein Rundgang durch die Werkschau Gerhard Richters im National Art Museum of China (NAMOC) in Peking, die vom 14. Mai bis zum 2. Juli 2008 zu sehen ist, zeigt die große Spannbreite seiner Werke: Zu sehen sind unterschiedliche Stile – großformatige, düstere Farblandschaften im Stil der abstrakten Expressionisten, Abmalungen von Fotos in großem und kleinerem Format; farbenfroh-strahlende, offene Farblandschaften stehen in Spannung zu weiß-grauen, romantischen Wolkenlandschaften oder gar hermetisch geschlossenen, grauen Leinwandflächen, die wie eine Wand mit einer Rolle angemalt wurden: Hier sieht sich der Betrachter einer verschlossen Wandfläche gegenüber, einer absoluten Verneinung. Passend zum Thema findet sich daneben – diesmal realistisch gemalt - ein kleiner Totenkopf. Fast depressiv wirkt diese Zusammenstellung mit dem Thema der Absolutheit des Todes. Wiederum im Gegensatz dazu, die farbenfrohe Zufallsarbeit der 25 Farben, die fast wie im Computer gearbeitet wirkt, wozu auch die Materialien, diesmal Lack auf Aluminium, beitragen.
Die Hängung hat Richter vorher selbst am Modell festgelegt, wie er es bei allen seinen Ausstellungen macht. Der Künstler möchte selbst über die Art, in der seine Bilder zu sehen sind, bestimmen. In Peking folgt sie, ganz im Sinne der Retrospektive, seiner Werkchronologie. Verlässt sie diese, dann um formale Ähnlichkeiten zwischen Bildern herauszustellen, die zeitlich weit auseinander liegen, oder aber, um unterschiedliche Bearbeitungen von Themen zu zeigen, die sich in Richters Schaffen wiederholen. Da ist die Landschaft, mal im Foto, mal abstrakt, mal aus einer Zeitschrift abgemalt; da sind die Porträts, da ist sein Spiel mit dem farbigen Spiegel. „Natürlich sind nicht nur Hauptwerke zu sehen, die Schau steht aber der großen Retrospektive im MoMA in New York vor fünf Jahren um nichts nach", betont Dietmar Elger, Biograf, Werkforscher und Pressesprecher des Künstlers. Der Großteil der Bilder kommt aus den Sammlungen Frieder Burda, Ingrid Böckmann und Ulrich Ströher. Grundstock der Hängung sind die Bilder aus der letzten großen Ausstellung in Baden-Baden, sie wurde zum Teil ergänzt mit Bildern aus Richters Atelier.

Gerhard Richter-Ausstellung im NAMOC Peking, 2008
In Peking beginnt die Schau nicht mit den ältesten Arbeiten aus dem Jahr 1963, sondern mit vier großformatigen Farblandschaften, alle vom Ende der 1980er Jahre. Drei entstanden wahrscheinlich zeitgleich im Atelier, eine sei ein Jahr früher entstanden, erkennbar auch an einer anderen Farbgebung, sagt Elger. Deutlich ist der nacheinander erfolgte Farbauftrag zu erkennen, die verschiedenen Schichten, und dann die Spur des Rakels oder Spachtels, seine Abwärtsbewegung, scheinbar mit einer Geste, die Farbschichten wieder zerstörend, oder sie wie eine Farbhaut abnehmen, manchmal fast bis auf die Leinwand.
Gegen das Ausgedachte
Auch ein Bild, das ursprünglich aus seinem berühmten, grauen Gemäldezyklus von 1988 um die Baader-Meinhof-Gruppe entstand, in der er bundesdeutsche Zeitgeschichte zum Kunstsujet machte, ist in dieser Ausstellung zu sehen. Anscheinend gefiel Richter das Gemälde, in dem es um den Selbstmord von Gudrun Ensslin ging, später nicht mehr; er übermalte es kurzerhand weiß – und nannte es „Decke", da die Pinselschicht sich wie eine weiße Decke über die graugewischte Bildfläche legt. Nichts Figuratives ist mehr zu erkennen. Gegenübergestellt wird dem Bild ein um zwanzig Jahre älteres, vom Ende der 60er Jahre. Es gehört ebenfalls zu einer Werkgruppe, in der es allerdings um erotische Motive geht: Eine halbnackte Frau dreht sich dem Betrachter zu. Sie ist deutlich zu erkennen. Jedoch ziehen sich leichte größere Pinseltupfer über den Hintergrund, der so unklar wird. Trotz unterschiedlicher Motive und Technik sehen die Bilder sich seltsam ähnlich: hier der getupfte, unklar gelassene Hintergrund, dort die fleckige Struktur der weißen Pinselschicht auf der Oberfläche.

Gerhard Richter, "Decke" (rechts)
Dass Richter ein Bild, das ihm misslungen ist, einfach abstrakt übermalt, wird an einem der drei Bilder aus dem Zyklus „Romantische Landschaft" aus den 90ern noch einmal vorgeführt. Hier jedoch ahnt man noch die Vorlage, und so ist ein Bild entstanden, das zwischen Abstraktion und Landschaftsbild schwebt. Eine ganz andere Aufgabe übernimmt die Übermalung bei den großen expressiven Farblandschaften mit den Abspachtelungen der Farbschichten. Hier stellt sich Richter quasi selbst dem Zufall, bzw. wendet sich gegen sein vorher Ausgedachtes. Schließlich weiß der Künstler nicht, welches Bild am Ende entstehen wird, wenn er mit dem Rakel oder Spachtel die Farbschichten wieder abnimmt. „Es kann durchaus sein, dass so ein Bild länger unvollendet im Atelier steht, bis Richter wieder eine spontane Idee zu dem Werk hat, die dann aber auch sofort ausgeführt werden muss", erklärt Elger. Selbst ein Konzept der Konzeptlosigkeit muss sich immer an schon bestehenden Vorstellungen reiben, bzw. ihnen widersprechen – die Farbabkratzungen verweisen zwar auf eine erste Bildkonzeption, indem sie sie angeblich freilegen, schaffen aber gleichzeitig ein nicht absehbares neues Bild.
Auf das nicht absehbare Bild zielt Richter ebenfalls mit seiner monochromen Spiegel-Arbeit ab. Die Lackarbeit, in der das Gegenüber mit jeder Bewegung und jedem Blick immer wieder neue Bilder auf der Oberfläche erzeugt, ist kein isoliert für sich stehendes Kunstwerk mehr, funktioniert es doch nur mit einem Gegenüber – auch der Maler als Autor des Kunstwerkes, tritt hinter dem im Jetzt passierenden, flüchtigem Bild zurück.

Effekt des "Spiegels"
„Ach, China auch."
Die Einordnung Richters zu einem bestimmten Stil fällt schwer. Mal wirkt er puristisch, mal konzeptuell, dann wieder wie ein abstrakter Expressionist. Macht ihn seine „Stillosigkeit" für die Rezeption in China vielleicht sogar besonders interessant? Martin Roth, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und federführend für die Werkschau, Teil eines Kooperationsvertrages mit dem NAMOC, ist sich der Bedeutung der Ausstellung für China sicher: „Richter war derjenige Künstler, der wie kaum ein anderer, in China über Jahre hinweg unglaublich genau beobachtet worden ist, wahrscheinlich, weil er zeigt, wie man sowohl gegenständlich, als auch abstrakt malen kann." Und wie findet Richter es, dass jetzt eine große Retrospektive seiner Werke im Fernen Osten zu sehen ist? „Ach, China auch.", soll der 75-Jährige trocken gesagt haben.
Text: Claudia Kort
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008
Journalistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Mai 2008





