Tibet - ein Gordischer Knoten (Teil II)


Altstadt Lhasa
Warum beharrt in China und im Westen jeder auf seinem Standpunkt?
Das Europäische Parlament und der amerikanische Senat stellen sich gleichermaßen hinter Tibet und üben Druck auf die chinesische Regierung aus. Lassen wir einmal die westlichen Politiker außer Acht, die aus Angst vor der so genannten Gelben Gefahr handeln, stellt sich trotzdem die Frage, warum uneigennützige Idealisten eine Unabhängigkeit Tibets unterstützen. Handelt es sich bei dieser Art von Humanismus und Idealismus um universale Werte? Dieser Frage kann historisch nachgegangen werden.
Warum ausgerechnet die Tibeter und nicht die muslimischen Uiguren oder eine andere der im Südwesten Chinas so zahlreichen Volksgruppen? Der Diskurs des Postkolonialismus, die Präsenz der Exiltibeter sowie eine immer weltlicher werdende christliche Gesellschaft haben unter anderem dazu beigetragen, dass sich der Westen ein Shangri-La des kulturellen Bewusstseins konstruiert hat: „In der dünnen Luft des tibetischen Hochplateaus lebten allesamt unverdorbene Tibeter und Mönche. Ihre natürliche Lebensweise wurde durch die Han-Chinesen verunreinigt und assimiliert. Das Volk steht vor der kulturellen Auslöschung.“ Kaum eine zweite Minderheit dieser Erde kann global eine so große Aufmerksamkeit erzeugen wie die Tibeter. Egal ob das Interesse politischen oder religiösen Motiven entspringt, oder einfach einem kulturellen Modetrend folgt, ist nicht der eigentliche Grund für das breite Interesse des Westens an Tibet seine einzigartige Kultur?
Durchläuft Tibet einen Prozess der Assimilierung? Generell lässt sich das nicht leugnen. Jedoch, ist diese Assimilierung allein ein Werk der Han-Chinesen? In den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren stehen die meisten Städte Chinas unter einem starken Einfluss des Westens, und der tibetische Teil Chinas macht dabei keine Ausnahme. Durch die Lockerung des chinesischen Hukou-Systems, das den Chinesen mehr Freiheit bei der Wahl ihres Wohnsitzes lässt, und die wachsende Urbanisierung, drängt eine hohe Zahl von Wanderarbeitern und Geschäftsleuten in die Städte. Auch in Peking gibt es nur noch wenige Alteingesessene, immer mehr Menschen von Außerhalb ziehen zu und lassen sich dauerhaft in der Hauptstadt nieder. Die meisten auswärtigen Geschäftsleute in Lhasa hingegen haben vor, früher oder später in ihre Heimat zurückzukehren.
Wäre die Alternative eines Tibets als eine abgeschottete Parzelle denn wünschenswerter? Soll man Tibet wie ein Fossil hinter Glas sperren und zum Studienobjekt der Anthropologie machen? Bemitleidet und jeder Chance beraubt, sich durch Wettbewerb und Kommunikation zu entwickeln und wirklich respektiert zu werden. Welches Volk dieser Welt muss sich nicht irgendwann einem Wandel unterziehen? Ist nicht gerade die Europäische Union ein kreatives politisches Modell für einen Ort, an dem zahlreiche Völker miteinander leben? Gibt es unter den Völkern und Kulturen Europas nicht auch diesen Trend zur Assimilierung?
Der chinesische Wissenschaftler Wang Hui meint, der Westen beurteile die Tibet-Frage aus der Perspektive eines Nationalstaats. Das Modell des Nationalstaats stammt aus dem 17. Jahrhundert, als das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in ethnisch homogene Monarchien zerfiel. Dies hatte mit der modernen Entwicklung zu tun. China hat sich die Form des kaiserzeitlichen Vielvölkerstaats bis heute bewahrt. Die Subtilität und Komplexität dieses Gebildes sind mit den westlichen Konzepten von Ethnizität und Völkern nicht zu fassen. Was die Grenzen, aber auch die Identität anbelangt, herrscht ein verschwommenes Bild. Im Gegensatz dazu hat der Westen im Laufe der Kolonialisierung seine Territorien klar abgesteckt. Dabei handelt es sich bei den Begriffen von „Nation“, „Territorium“ und „Staat“ sowie deren Verhältnis untereinander um keine starren Konzepte. So sprechen wir vielleicht von demselben Begriff, stellen uns aber etwas anderes darunter vor. Die Kritik aus dem Westen kann zwar eine Bewegung in der Situation erzwingen, verschärft aber auch die Feindseligkeit zwischen den Völkern.
Nun ist es auch ein Irrtum, jegliche Kritik aus dem Ausland sofort als anti-chinesisches Ressentiment zu interpretieren. Es würde einer selbstbewussten kulturellen und politischen Haltung entsprechen, das Positive der westlichen Wertvorstellungen anzunehmen, sich aber gleichzeitig nicht einschüchtern zu lassen. Ganz im Sinne von Konfuzius, der da lehrte: Von den Menschen verkannt zu werden, aber sich nicht zu grämen, ist das nicht die Haltung eines Edlen? Nur indem man Einwände zulässt und ihnen Raum gibt, kann man sich gegenseitig Kennenlernen und unbegründete Ängsten verringern.
Nimmt man sich nicht erst selbst in die Pflicht und kehrt vor der eigenen Tür, sondern schimpft stattdessen auf den anderen, dann würde das dazu führen, dass die Chinesen den Engländern ihre Haltung gegenüber Irland vorhalten, den Franzosen ihre Sprachpolitik gegenüber ihren Minderheiten oder den USA ihren Umgang mit Indianern und Farbigen. Dann hätte die chinesische Regierung nicht verstanden, dass es ihre eigene politische Pflicht ist, die Tibet-Frage zu lösen. China muss für die Tibeter und andere Minderheiten sowie sich selbst die Verantwortung übernehmen und soll nicht einfach nach dem Lob des Westens streben.
Im gewissen Sinne haben der gegenwärtig in China aufbrandende Patriotismus und der westliche Idealismus eine Gemeinsamkeit. Beide tragen positive Gefühle und Gedanken in sich. Seit den neunziger Jahren herrschte in China, vor allem bei den heute Unter-40-Jährigen, ein allgemeines politisches Desinteresse. Zwar trägt der momentane Patriotismus zur Intensivierung eines Austausches bei, aber er ruft auch Antipathien und Ängste hervor; damit werden Chancen verpasst, die Lösung der Probleme konstruktiv anzugehen. Für mich jedenfalls, einen seit jeher unpolitischen Menschen, wurden die Ereignisse zu einer politischen Initiation.
Das Leben geht weiter
Ich kenne ein buddhistisches chinesisches Ehepaar, welches seine persönlichen Ersparnisse dazu verwendet, in Tibet Klöster und Straßen zu bauen. Ich weiß, dass sie es gut meinen, aber ich denke auch, dass der Buddhismus keinen großen Wert auf die Entwicklung Tibets durch Arbeit und Produktion legt. Vor einigen Tagen rief ich sie an, um ihre Meinung zu den Vorfällen zu erfahren. „Unser (tibetischer) Meister sagt, wir sollen die seelische Freiheit und Ruhe bewahren, es ist alles wie früher", sagten sie.
Die befreundete Chinesin, die sich während der Unruhen Mitte März per SMS bei mir gemeldet hatte, lebt seit vielen Jahren in Tibet. Sie kennt viele chinesische und tibetische Beamte der lokalen Regierung. Sie hat sowohl angesehene und tugendhafte Mönche als auch weltlichen Genüssen durchaus zugewandte Lamas getroffen. Viele tibetische Mitbürger haben ihr aus ehrlichem Herzen geholfen, aber sie wurde auch einmal von Tibetern bedroht und erpresst. Ihre gesamten Geschäftseinnahmen hat sie in eine technische Schule, in der tibetische Kinder aus armen Familien umsonst essen und wohnen können, investiert. Diese Schule erhält sie nun durch das Geld, das sie als Unternehmensberaterin verdient. Auch sie hätte während der blutigen Unruhen auf der Straße zum Opfer werden können. Als ich das anspreche, bemerkt sie traurig: „Die Vorfälle haben viele Chinesen, die Tibet sehr lieben, schmerzhaft getroffen." Am 1. Mai kam sie mit einem Dutzend tibetischen Kindern nach Peking. Ich zeigte ihnen und drei tibetische Lehrern einen Tag lang die Hauptstadt. Sie alle können das Tibetisch lesen und schreiben, aber fünf von ihnen sind des Chinesischen kaum mächtig. Glücklicherweise sprach ein junger Tibeter fließend Mandarin und half bei der Übersetzung. Wir besichtigten die Peking-Universität, den Sommerpalast sowie das Künstlerviertel 798 und machten Gruppenfotos. Ihre natürliche Freude hätte mich die ganze Aufregung fast vergessen lassen. Das Leben geht weiter.
Text: Wang Ge
Doktor der Philosophie, Peking
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
Doktor der Philosophie, Peking
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008







