Tibet

Tibet - ein Gordischer Knoten (Teil I)

Lhasa Potala Palast
Lhasa, Foto: www.Pixelio.de
Lhasa


Am 14. März 2008 erreichte mich aus Lhasa die SMS einer befreundeten Han-Chinesin: Tibeter zerschlügen Geschäfte von Han-Chinesen und Angehörigen der moslemischen Hui-Minderheit; in den Straßen stünden Rauchschwaden; die Regierung habe jedoch keine zusätzlichen Polizeikräfte eingesetzt, welche die Sicherheit der Bevölkerung gewährleisten könnten. In den darauf folgenden Tagen waren in den westlichen Medien andere Versionen zu lesen: Die chinesische Regierung fahre schweres Geschütz auf, um friedliche Demonstrationen tibetischer Mönche niederzuschlagen; die chinesische Führung greife absichtlich nicht ein, um die Situation eskalieren zu lassen und dann mit Waffengewalt hart durchzugreifen; besonders einfallsreiche Blätter meldeten sogar, hinter den randalierenden Tibetern steckten verkleidete Han-Chinesen. Die westlichen Medien folgen letztendlich ihrer eigenen Ideologie und verbreiten auch gerne Schreckensmeldungen, um Einschaltquoten und Klickraten auf ihren Websites in die Höhe zu treiben. Allerdings tragen auch die chinesischen Medien ihren Teil dazu bei, derart wilde Spekulationen zu nähren: durch die fehlende Transparenz bei „sensiblen Themen", durch die nach wie vor stattfindende Selbstzensur der Presse und durch von der lokalen Bürokratie zum Selbstschutz errichtete Nachrichtensperren.

Danach häuften sich aus westlichen Regierungskreisen und Medien anti-chinesische und pro-tibetische Kommentare, die Angelegenheit verlagerte sich auf den Olympischen Fackellauf. Sehr viele Chinesen fanden sich in einem Dilemma wieder: Seit dem 19. Jahrhundert haben viele Chinesen bewundernd zum Westen aufgeblickt. Dass das Objekt ihrer Anbetung sich nun als Volksbefreier und Wortführer der freien Demokratie gebärdete und sich mit erhobenem Zeigefinger in die komplexe chinesische Innenpolitik einmischte, erfüllte manch einen mit Zorn. Beim Olympischen Fackellauf verzichteten sogar einige im Ausland agierende Dissidentengruppen vorübergehend auf Demonstrationen, weil sie fürchteten, ihre politischen Forderungen würden mit der Tibetfrage über einen Kamm geschert.

Während ich alle möglichen Nachrichtenquellen bemühte und mit Leute sprach, die über das Thema bescheid wissen, wurde mir immer mehr bewusst, wie komplex hier die Dinge liegen. Meine Bedenken entstanden auch aus dem schwierigen Dialog zwischen Ost und West.

Extreme Standpunkte tragen in sich immer die Überzeugung der Selbstverständlichkeit. Es wird darauf verzichtet, grundlegende Fakten und Argumente der Gegenseite zu prüfen und es wird auch nicht versucht, die Angemessenheit der Prinzipien, auf die sich beide Seiten stützen, zu ergründen. Beabsichtigt oder unbeabsichtigt werden Vorkommnisse und Debatten, die nur peripher mit Tibet in Zusammenhang stehen, in die Diskussion mit eingebracht und mit ihr vermischt. Die Grenzen zwischen ihnen verschwimmen und werden je nach Bedarf gegeneinander ausgespielt. Dies ist ein Versuch, den Gordischen Knoten zu entwirren.

Diffuse politische Forderungen

Die politischen Forderungen in der Tibet-Frage sind nicht klar: Geht es um Unabhängigkeit oder um eine weitreichendere Autonomie? Um welchen Grad von Autonomie und für welches Gebiet? Was ist überhaupt unter Tibet zu verstehen? Die Provinz, welche von der chinesischen Regierung als Autonome Region Tibet klassifiziert wird, oder das Gebiet „Groß-Tibet", von dem der Dalai spricht, in dem neben Tibetern auch viele andere Ethnien leben und das flächenmäßig ein Viertel des chinesischen Territoriums umfasst. Sind die rechtmäßigen Vertreter Tibets die in Tibet ansässigen tibetischen Beamten oder die tibetische Exilregierung, die sich seit einem halben Jahrhundert im Ausland befindet? Vertritt diese Exilregierung den Cäsaropapismus des tibetischen Adels oder ein demokratisches System im westlichen Sinne? Sind die Vorfälle seit dem 14. März ein innenpolitisches Problem zwischen der chinesischen Zentralregierung und den nationalen Minderheiten im Rahmen des Modernisierungsprozesses? Oder ein Problem der Selbstverwaltung in Tibet? Oder ein internationales Problem? Was will der Westen? Will er Han-Chinesen und Tibetern Demokratie und Unabhängigkeit bringen? Wurden die Forderungen eigentlich klar auf den Tisch gelegt, oder schwankt man zwischen strategischer Beschwichtigungspolitik und hyperkritischen Anklagen?

Die Haltung der chinesischen Regierung ist eindeutig: Sie will Chinas territoriale Souveränität um jeden Preis wahren. Die komplizierte Geschichte und die unterschiedlichen Auffassungen von Staat und Ethnie in Ost und West außer Acht lassend, geht es China geht es zunächst um die unmittelbare Realität, darum, dass Forderungen nach Unabhängigkeit zu noch mehr Gewalt und Terror führen könnten. Betrachtet man die gegenwärtige wirtschaftliche Situation und Menschenrechtslage in Tibet, so scheint es, dass es den Befürwortern einer gewalttätigen Revolution nicht in erster Linie um die Lebensverhältnisse, die Kultur und den Forschritt Tibets geht, sondern vor allem um Macht.

In seinem Appell an die Chinesen in aller Welt, den der Dalai am 28. März 2008 aus Neu-Delhi veröffentlichte, bekundet er: „Ich versichere euch, dass ich weder nach der Abspaltung Tibets trachte noch den Wunsch hege, einen Keil zwischen Tibeter und Chinesen zu treiben." Schon der Titel seines Aufrufs legt nahe, dass er die Tibeter als Teil des chinesischen Volkes betrachtet. Beinahe alle westlichen Regierungen erkennen auf diplomatischer Ebene an, dass Tibet zum chinesischen Territorium gehört. Wenn aber die Unabhängigkeit Tibets weder vom Dalai Lama selbst, noch vom Westen betrieben wird, wer stellt die Unabhängigkeitsforderungen? Wenn es keine derartigen Forderungen gibt, warum existiert dann eine Exilregierung? Wenn nur eine kleine extremistische Organisation wie der Tibetan Youth Congress nach Unabhängigkeit strebt, wie sind dann dessen Verbindungen zum Dalai und dem Westen? Woher stammen die Gelder für diese Organisation, wenn sich doch die meisten Tibeter vor allem ihrem Glauben und weniger den Geschäften widmen? Gylo Thondup, ein älterer Bruder des Dalai, behauptet, einige ausländische Geheimdienste wollten – ganz nach dem Motto, wenn sich zwei streiten, freut sich der Dritte – Zwietracht zwischen Han-Chinesen und Tibetern säen. Abgesehen von den internen sino-tibetischen Problemen gäbe es auch einen externen Versuch, China zu spalten, welcher sich mit dem leidenschaftlichen Idealismus der Europäer vermische.

Assimilation oder Bewahrung der Kultur?

Der Wunsch des Dalai, den Fortbestand der „einzigartigen Kultur, Sprache, Schrift und Identität" der Tibeter sicherzustellen, ist absolut berechtigt. Die Kultur eines Volkes bedarf des Schutzes. Dieser Anspruch muss für die tibetische Volksgruppe wie auch für andere Minderheiten gelten, ja sogar für die von vielfältigen Ethnien geprägte chinesische Kultur, denn auch deren Charakter droht sich unter dem Einfluss der Globalisierung abzuschleifen.

Was mich jedoch stutzig macht ist, dass die Forderungen des Dalai und der Status Quo in Tibet doch gar nicht so weit auseinander liegen. Ein Drittel der tibetischen Männer sind Mönche. Es gibt 150.000 „Vollzeitmönche", das entspricht der höchsten Dichte in der buddhistischen Welt. Sie werden von ihren Familien und Gläubigen unterstützt und können sich so ihren Studien der Religion, Kunst, Medizin, Astronomie, Kalenderkunde und Architektur Tibets widmen. 90% der Tibeter sprechen Tibetisch als ihre Muttersprache, viele sprechen überhaupt kein Chinesisch.

In der Tat haben sich die Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen in Tibet seit Anfang der 80er Jahre deutlich verschlechtert. Grundsätzlich werden die nationalen Minderheiten, von denen es in China 55 gibt, von der Politik in vielen Punkten bevorzugt behandelt. Im Zuge des sich verschärfenden Wettbewerbs durch die freie Marktwirtschaft haben diese Vergünstigungsmaßnahmen in den letzten Jahren aber an Effektivität verloren und bewirken angesichts der tatsächlichen Probleme nicht mehr viel. Unsere tibetischen Mitbürger sind infolge ihrer Sprache und ihrer Lebensgewohnheiten bei Hochschulbildung und Arbeitssuche benachteiligt. Dies hängt ganz allgemein mit der Vergrößerung des Wohlstandsgefälles in China sowie dem unzureichenden Sozialsystem zusammen.

Wenn man weder die Unabhängigkeit im Auge hat, noch alleine auf die Bewahrung von Kultur, Religion und ethnischer Identität abzielt, sondern auf eine größere politische Autonomie, dann sollten konstruktive, vernünftige Vorschläge klar von Separatismus und Gewalt getrennt werden. Einige Forderungen stehen in engem Zusammenhang mit den Problemen, die sich durch die Reform des politischen und wirtschaftlichen Systems in China ergeben haben. Indem man die Besonderheit des tibetischen Volkes und seiner Religion zu sehr betont, verdeckt man solche allgemeinen Probleme der sozialen und ökonomischen Entwicklung.

Religiöser Glaube beruht auf innerer Überzeugung, nicht auf dem Fundament objektiver Gewissheit. Die Politik jedoch funktioniert anders, vermischt man beides, dann verdrehen sich Politik und Religion unweigerlich gegenseitig.

Aber wie auch immer: Welcher Han-Chinese, ob Beamter oder normaler Bürger, kann sich denn brüsten, dass er den nationalen Minderheiten, ihren typischen Lebensgewohnheiten und ihrem Glauben wirklichen Respekt entgegenbringt? Vor dieser grundsätzlichen Frage zwischenmenschlichen Umgangs scheint jede noch so detaillierte Beweisführung blass und leblos.
Text: Wang Ge
Doktor der Philosophie, Peking
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
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