Andreas Sauter: Eindrücke aus einer anderen Welt


Szene aus „Das weisse Zimmer“ © Theater Paderborn
Andreas Sauter ist der Autor des Theaterstückes Das weisse Zimmer, das in einer Zusammenarbeit der Theater von Qingdao und Paderborn entstanden ist. Es wurde am 11. Juni 2011 in Qingdao uraufgeführt und hat am 5. November in den Kammerspielen Paderborn Deutschlandpremiere.
Die Produktion wurde vom Fonds Wanderlust der deutschen Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Hier schreibt der in Berlin lebende Autor über seine Annährung an China und seine Erfahrungen beim Überschreiten der kulturellen und sprachlichen Grenzen.
Die Produktion wurde vom Fonds Wanderlust der deutschen Kulturstiftung des Bundes gefördert.
Hier schreibt der in Berlin lebende Autor über seine Annährung an China und seine Erfahrungen beim Überschreiten der kulturellen und sprachlichen Grenzen.
Wie ist es anders möglich, als meine Eindrücke zur deutsch-chinesischen Theaterkoproduktion Das weiße Zimmer auf chinesisches Briefpapier zu schreiben? Gut, Sie können das natürlich jetzt nicht sehen, aber Sie können es sich vorstellen. Es ist ein sehr dünnes, beiges Papier, im Format nicht ganz A4. Oben an der Seite acht rote, wunderschöne Schriftzeichen. Der Name des Theaters.
Als ich vor eineinhalb Jahren vom Theater Paderborn angefragt wurde, ein Stück für eine deutsch-chinesische Theaterkoproduktion mit dem Huajuyuan Theater in Qingdao zu schreiben, war das, als hätte ich im Lotto gewonnen. Als Autor ist man doch meist an die eigene Sprache und damit an den eigenen Kulturkreis gebunden. Mich nun auf so eine andere, mir total fremde Welt einlassen zu können, hat mich unglaublich gefreut. Nur - wie ein Stück schreiben, das teilweise in einem Land spielt, von dem ich keine Ahnung habe?
China war für mich ein weißes Blatt Papier.
Was ist die Geschichte dieses Land? Was die Kultur? Das Theater? Die Traditionen? Die Menschen und ihr Lebensgefühl?

Andreas Sauter © Theater Paderborn
Wie können wir das für unser Projekt nutzen?
Ich habe ein Märchen geschrieben. Das Märchen vom Jungen und dem Pfirsichblütenmädchen, das ein alter Mann, der in Deutschland lebt, aber in China aufgewachsen ist, seiner Enkelin immer wieder erzählt. Bis sie kurz vor seinem Tod erfährt, dass das gar kein Märchen ist. Dass es das Pfirsichblütenmädchen wirklich gab in seinem früheren Leben. Mei Lin. Eine große Liebe, die durch die Nachkriegswirren des Zweiten Weltkrieges getrennt wird. Er muss das Land verlassen und sie will oder kann nicht mit. Und aus dem „Wir sehen uns später.“ wird ein ganzes Leben. Der Drachenzahn, Meis letztes Geschenk, ist das einzige, was Großvater von ihr bleibt. Und ihre Briefe, die immer weniger werden und irgendwann gar nicht mehr kommen. Immer tiefer taucht die Enkelin in das Leben ihres Großvaters ein. Und als er stirbt, macht sie sich auf nach China, um Mei zu suchen.
So wie ich mich immer mehr an China annäherte, tauchen auch die Enkelin und die Zuschauer immer tiefer ein in dieses Land und die Geschichte, die es verbirgt.
Was für mich wichtig war, war ein Stück zu schreiben, in dem beide Länder etwas erfahren können über das jeweils andere Land. Und in dem jeweils Anderen, Fremden, vielleicht auch sich und das Eigene noch einmal neu zu entdecken. Ich wollte, dass die Zuschauer staunen können, so wie ich immer wieder bei den Recherchen in China gestaunt habe. Über das Bunte, die Farben, die Dimensionen, den Geschmack von Dingen. Und alles mit einer unglaublichen Lebendigkeit in der Gegenwart, einer Leichtigkeit im Sein, was für mich nach den langen Recherchen der mitunter auch dunklen Geschichte dieses Landes sehr wohltuend war.
China war viel weniger fremd, als ich mir das vorgestellt hatte. Ich meine damit nicht im Äußeren, im Aussehen, in der Sprache, den Gerüchen, den Bildern, wo Vieles sehr anders ist. Aber in den Empfindungen waren mir die Menschen sehr nah. Auch im Humor. Ich habe viel mehr Distanz erwartet. Einen viel formelleren Umgang. Was mir entgegen kam, war eine unglaubliche Herzlichkeit, Direktheit und Wärme.

Darsteller in „Das weisse Zimmer“ © Theater Paderborn
Ganz neu war für mich die Frage der zweisprachigen Umsetzung. Die fünf Schauspieler – drei Chinesen, zwei Deutsche – spielen alle in ihrer Muttersprache. Untertitel gibt es nicht. Eine große Herausforderung. Als Autor hat man die Sprache. Jeden Satz liebt man. Und auf einmal soll man nur noch jeden zweiten Satz verstehen?
Das ist natürlich nicht ganz richtig gedacht, da es noch andere Arten von Verstehen gibt. Außerhalb der Sprache. Aber die kommen erst später dazu in der Umsetzung. Also habe ich das Stück umgearbeitet. Für eine zweisprachige Aufführung. Und als ich im vergangenen November (2010) in Qingdao bei den Vorproben saß, war ich begeistert. Es war schön den Schauspielern zuzuschauen. Wie immer mehr eine gemeinsame Sprache entsteht. Wenn ich denke, dass sie sich bei den ersten Proben jedes Mal ein Zeichen gegeben mussten, wenn die eigene Replik zu Ende war, dass der Andere wusste, dass er jetzt dran ist. Und bereits nach einer Woche war es, als würden sie eine Sprache sprechen. Als wäre etwas Drittes entstanden. Dschinesisch.
Das war für mich einer der schönsten Momente. Und all die wundervollen Begegnungen.Und das Staunen. Immer wieder. Und zu vertrauen in das, was man nicht kennt. Sich drauf einzulassen und neugierig zu bleiben.
Text: Andreas Sauter
Freischaffender Autor und Regisseur für Theater, Hörspiel und Film, Berlin
Oktober 2011
Freischaffender Autor und Regisseur für Theater, Hörspiel und Film, Berlin
Oktober 2011








