Experimente mit der Tradition: Theater und Wirken Danny Yungs


Schauspieler Lan Tian in "Tears of Barren Hill" © Zuni Icosahedron
- Wie können wir kulturelle Sensibilität und Kreativität in die ökonomischen Herausforderungen der Zukunft einbringen?
- Wie können wir einen globalen Kulturdiskurs als Antwort auf die Globalisierung entwickeln?
- Können wir etwas tun, was gegenwärtige internationale Kulturinstitutionen nicht tun?
- Können wir kritische Denkansätze in internationale Kulturinstitutionen einbringen?
- Können wir Asien in der Welt präsenter machen?
- Wie können wir die jetzige Generation näher an die kommenden Generationen bringen?
Noch am Abend der Ehrung wurde Danny Yungs Stück Book of Ghosts als Auftragsarbeit für das Hong Kong Arts Festival 2009 uraufgeführt. Inspiriert ist dieses „Körpertheater“ von der gleichnamigen Schriftrolle des Literaten Zhong Sicheng (钟嗣成, 1279-1360), der in ihr verschiedene Dramatiker der Yuan-Dynastie mit ihren Werken zusammenstellte. Vier Großmeister Asiens wirken an der Aufführung mit und zeigen, was man im klassischen Thai-Tanz, der Peking-Oper, der Kun-Oper sowie der Tanzkunst aus Java unter „Geistern“ versteht.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Danny Yung, v.l.n.r.:
Dr. Hans-Georg Knopp, Donald Tsang, Danny Yung, Konsul Frank Burbach, 13. Februar 2009 © /Foto: Reyem
Dr. Hans-Georg Knopp, Donald Tsang, Danny Yung, Konsul Frank Burbach, 13. Februar 2009 © /Foto: Reyem
Päonien-Pavillon in Freud’scher Interpretation
Danny Yung hat in den vergangenen Jahren viel mit der zeitgemäßen Umsetzung traditioneller Darstellungsformen experimentiert. So nahm sein Stück Sigmund Freud in Search of Chinese Matter and Mind die Theorie Freuds zum Ausgangspunkt, um den bedeutendsten chinesischen Traum seit dem 17. Jahrhundert zu analysieren – den Päonien-Pavillon, ein Musikdrama, welches auch als das chinesische Romeo und Julia bezeichnet wird. Weitere klassische Opernstücke (Anm. d. Übs.) wie Der umgestürzte Kampfwagen oder Nächtliche Flucht boten den Darstellern der traditionellen Peking-Oper eine Plattform, um sich intensiv mit ihrem persönlichen Verhältnis zu einem seit über zweihundert Jahren währenden System der Tradierung auseinanderzusetzen.
Wegweisend war hierbei Danny Yungs Inszenierung Tears of Barren Hill, das 2008 auf dem Hongkong Arts Festival vertreten war und im selben Jahr mit dem Ehrenpreis des deutschen Music Theatre NOW Award ausgezeichnet wurde.
Ausgehend von dem Versuch eines Menschen von heute, vom Werdegang Cheng Yanqius (程砚秋, 1904-1958), eines Darstellers der Dan-Frauenrolle in der Peking-Oper, zu lernen, lässt Danny Yung Momente aus Chengs Leben wieder lebendig werden: seine Reise in den Westen, seine Experimente, Forschungen und innovativen Ideen. Im Jahr 1932 gab der 28-jährige Cheng Yanqiu seine Karriere als einer der „Vier großen Darsteller der Dan-Rolle“ auf und ging nach Europa. In Berlin war er fest entschlossen, sich noch einmal an einer Akademie zu bewerben und die Ausbildung ganz von vorne zu beginnen. Indem das Stück mit einer Szene beginnt, in der Cheng Yanqiu im Berlin der 1930er Jahre in einer Kirche ohne musikalische Begleitung das Pekingopernstück „Tears of Barren Hill“ singt, gefolgt von Werken Bachs, Mozarts und Verdis und Vergleichen mit Zeitgenossen Cheng Yanqius, etwa mit dem Sänger Billy Holiday, dem Pianisten Glen Gould oder der Filmregisseurin Leni Riefenstahl, befindet es sich unablässig auf der Suche nach grenzüberschreitenden und experimentellen Schaffensprozessen. Das Bühnenbild ist puristisch und hält sich an die auf „einen Tisch und zwei Stühle“ reduzierte Bühnenästhetik der traditionellen chinesischen Oper. Wenige Holzelemente werden aufeinandergestapelt zu einer Kirche, einem langen Tisch oder sogar zu einem Sarg.

Den Körper neu befragen
Sein Schema vom „Experiment mit der Tradition“ hat Danny Yung einmal so erklärt: „Wir begeben uns auf die Suche nach den Ursprüngen der traditionellen chinesischen Oper. Indem wir auf eine aufwändige Kostümierung verzichten und künstlerische Konventionen abstreifen, stattdessen in Anzügen und sogar mit schwarz verbundenen Augen auftreten, untersuchen wir mit den Darstellern die Frage, was einen Schauspieler ausmacht. Welche Beziehung besteht zwischen ihnen, ihrer Rolle und ihren Bewegungen und welche Empfindungen sind damit verbunden. Die Schauspieler sollen das Training, das sie mehr oder weniger ihr Leben lang begleitet hat, und dem sie sich ohne wenn und aber untergeordnet haben, überdenken und den eignen Körper neu befragen. Auch für mich ist das äußerst aufschlussreich. Ich stelle ihnen oft Fragen wie: Warum ist es richtig, das auf diese Weise zu machen? Wie ist der Rhythmus dabei? Wenn man wieder ganz zu den Anfängen der Oper zurückgeht, rührt man tatsächlich oftmals an die Strukturen der menschlichen Existenz. Der Schauspieler Lan Tian (蓝天) hat mir im nach hinein erzählt, dass ihm, als er auf der Bühne mit verbundenen Augen die Bewegungsabläufe routinemäßig vollzog, zum Weinen zumute gewesen sei, ohne dass er gewusst habe warum. Als die Darsteller versuchten, Texte der Peking-Oper auf die Goldberg-Variationen zu singen, stellten sie sich Cheng Yanqiu vor, der Li Bai und Du Fu mit westlichen Klängen vertonte. Wir haben uns außerdem Gedanken über das Ausbildungssystem, die Arbeitsmethoden und die so genannten „authentischen“ Werte der Ästhetik gemacht. Am wichtigsten ist, dass die Darsteller beginnen darüber nachzudenken, auf welche Weise Cheng Yanqiu damals gedacht hat.“
Wie gestaltet sich in den Augen Danny Yungs die Beziehung zwischen Publikum, Bühne und Schauspieler? „Ich erinnere mich an ein Spektakel, das ich einmal auf einem traditionellen Tempeljahrmarkt in Kanton gesehen habe, es wurde eigentlich allein für die Götter aufgeführt, wir, das Publikum, waren nur Zaungäste.“
Ziel: Entschleunigung
Charakteristisch an der östlichen Oper ist auch das Sich-in-Positur-Setzen der Darsteller. „Während in der westlichen Oper für gewöhnlich einfach nur die Rollen vorgestellt werden, hat der Bühnenauftritt des östlichen Musiktheaters sein eigenes Prozedere: Du siehst eine Person, die mit dem Rücken zu dir steht. Dann dreht sie sich ganz langsam um und sieht dich an, der Blick trifft dich noch einmal, und schon hat sich das Gefühl zwischen euch etwas verändert. Das eben bedeutet es, sich in Positur zu setzen, es ist wie eine interaktive chemische Reaktion mit offenem Ausgang. Darin tritt ein langsames ästhetisches Empfinden, zutage, welches Interaktion zulässt. Die Darsteller von Tears of Barren Hill haben zugegeben, dass sie sich innerlich für den Lehrer in Szene setzen. Durch die Tradierung der Kunstfertigkeiten bleiben sich Schüler und Lehrer oft ein Leben lang verbunden. Aber auch auf das gesamte Theater bezogen bleibt die Beziehung zwischen uns und der Gesellschaft nicht auf eineinhalb Stunden beschränkt, wenn die Fragen, die wir untersuchen, mit der Gesellschaft Schritt halten. Anders als das kommerzielle Fernsehen kann die Bühne die Menschen daran erinnern, dass wir uns Zeit, und noch mehr Zeit lassen sollten. Erst durch das Langsame entsteht ein Interaktionsraum, erst durch die Entschleunigung werden wir weniger fremdbestimmt. Wir hoffen dadurch ein mentales Training zu etablieren, eine philosophische Plattform der Diskussion.“
Auch außerhalb des Theaters werden Danny Yungs Reflexionen der Gesellschaft sichtbar, schon lange engagiert er sich für die künstlerischen und kulturellen Entwicklungen Chinas, ja der gesamten asiatisch-pazifischen Region. Im Jahr 2000 organisierte er das elfwöchige Festival of Vision, welches in Hongkong und Berlin stattfand und tausend Kunst- und Kulturschaffende aus 35 Städten Asiens und Europas zusammenbrachte. Dabei propagierte Danny Yung einen Kulturaustausch zwischen den Städten über nationale Grenzen hinweg: „Die deutsche Regierung schlug kürzlich wieder ein Ministerium für Kultur auf zentralstaatlicher Ebene vor, worüber sich in den 16 Bundesländern eine heftige Debatte entspannte. Die deutsche Bevölkerung ist immer noch entschieden gegen eine Zentralisierung der staatlichen Kulturressorts, sie befürwortet weiterhin die Vielfalt in der Einheit, um dem Wiederaufleben von enger Staatsgläubigkeit und extremen Nationalismus entgegenzusteuern. In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, auf die Parallelen zu den Erfahrungen der chinesischen Kulturrevolution hinzuweisen.“
„Tatsächlich ist kulturelle Identität nicht etwas, was gewährt wird, und ebenso wenig kann sie von oben aufgezwungen werden“, meint Danny Yung weiter. „Kulturelle Identität beruht auf Identifikation, aber noch mehr bedarf sie der Toleranz gegenüber dem Andersartigen. Identifikation dient oft als eine Strategie, auf dem kürzesten Weg soziale Stabilität herzustellen, aber erst die Akzeptanz des Andersartigen bildet die Grundvoraussetzung für eine zivilisierte Gesellschaft.“ Am Ende eines Streifzugs durch Raum und Zeit adressiert Danny Yung die Untertitel, die auf der Bühne zu Tears of Barren Hill eingeblendet werden, an sich selbst: „Wieder zu einem Menschen zu werden, der nach dem Prinzip des wuwei NICHT HANDELT - und trotzdem nicht ohne Wirkung bleibt.“
Text: Umi
freie Kuratorin und Kulturjournalistin in Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
März 2009
freie Kuratorin und Kulturjournalistin in Peking
Übersetzung: Julia Buddeberg
März 2009








