Linie 1 fährt in Guangzhou ein


Linie 1, Copyright: Andrea Pollmeier–Roumer
Wang Jiana ist Leiterin des Jiana Theater Studios, das seinen Sitz in Kanton hat und in ganz China Aufführungen zeigt. Als Leiterin des Theaterstudios hat Regisseurin Wang Jiana mit ihrem Theater zahlreiche staatliche Preise erhalten. Sie genießt den Ruf „Regisseurin für wahre Gefühle" zu sein.
AP: Guten Tag Frau Wang Jiana! Sie haben zahlreiche Theaterstücke, chinesische Lokalopern und auch Musicals inszeniert, jetzt führen Sie in Kanton zum ersten Mal auch ein deutsches Musical auf. Wie ist die Idee, Linie 1 zu zeigen, entstanden?
WJ: Die Inszenierung ist Teil der dreijährigen Veranstaltungsreihe Deutschland und China – Gemeinsam in Bewegung. Bei einem so großen Ereignis brauchen wir auch Kommunikationsformen, die innerhalb der Kunst stattfinden. Wir haben darum nach einem deutschen Stück gesucht, das zu China und zu dem Leitthema „Urbanisierung“ passt.
AP: Das Musical Linie 1 ist 1986 von dem renommierten Grips-Theater in Berlin uraufgeführt worden. Im Mittelpunkt steht die Geschichte des Mädchens Sunnie, das zum ersten Mal in die Großstadt Berlin kommt. Sunnie ist schockiert, sie wird von Pennern und Drogenhändlern bedrängt, spürt die Kälte und soziale Not des Großstadtlebens. Kann dieses Musical, das das Berliner Leben der 80iger Jahre spiegelt, auch auf die chinesische 10-Millionen-Metropole Kanton zutreffen?
WJ: Dieses Musical gilt nicht nur für Kanton, sondern es beschreibt ein internationales Problem. In jedem Land gibt es Leute, die viel trinken oder Drogen nehmen, deshalb will ich die Geschichte nicht speziell auf die Stadt Kanton übertragen. Ich will Probleme zeigen, die generell existieren. Zugleich zeigt das Stück Hoffnung und die Kraft der Menschlichkeit. Am Ende des Stücks kommen alle Leute in einer großen Feier zusammen und überwinden ihre Konflikte.

Regisseurin Wang Jiana
© Andrea Pollmeier–Roumer
© Andrea Pollmeier–Roumer
WJ: Ja, ich habe zwei Stücke inszeniert, die soziale Probleme zum Thema hatten. Eines beschreibt die Geschichte von Frauen, deren Familien nach der Befreiung 1949 gefährdet sind. Die Männer durften ihre Geschäfte nicht mehr wie früher weiterführen, die Familien - und damit auch die Frauen in den Familien - gerieten in Schwierigkeiten. In dem Stück Xiguan Nüren (Die Frauen aus Xiguan ) habe ich diese sozialen Probleme sichtbar gemacht. Ein anderes Stück heißt Wo shi Taiyang (Ich bin die Sonne) . Hier geht es um Jugendliche, die in der Reformzeit nach 1978 ihren Lebensweg nicht richtig finden konnten. Manche begannen zu trinken oder Verbrechen zu begehen. Dieses Stück habe ich 2000 inszeniert und mit viel Resonanz in Peking und Kanton gezeigt.
AP: „Line 1“ beschreibt zwei völlig konträre Welten. Die Lebensweisen von Stadt- und Land treffen hier besonders hart aufeinander. Passt der Zeitpunkt, an dem Sie Ihre Inszenierung in Kanton zeigen, zur aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung in China?
WJ: Das Stück kommt für Kanton jetzt genau im richtigen Moment. Ich denke, dass junge Leute sich gut einfühlen können, die jungen Schauspieler haben sofort gesagt: ich verstehe, was da gesprochen wird.
AP: Gab es keine Stelle, wo Sie sagen mussten, das ist für uns zu fremd?
WJ: Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass mir Szenen fremd sind. Lediglich die Passage mit den Wilmersdorfer Witwen passte nicht zu uns, statt dessen hat die Übersetzerin Li Jianming eine Szene eingefügt, in der deutsche Touristen und Chinesen in einem Fußmassage-Shop über Aktienkurse diskutieren.
AP: Im Musical finden viele Szenen in „Kreuzberg“ statt, das ist ein Stadtviertel in Berlin, das als sozialer Brennpunkt bekannt ist. Wie konnte man diesen Ort auf chinesische Verhältnisse übertragen?
WJ: Das Musical spielt nicht an einem konkreten Ort in China. Ich will nicht, dass die Leute denken, das passiert in meiner Straße, wir benutzen darum in Chinesisch sehr übliche, populäre Straßennamen, zum Beispiel die „Luogu“-Gasse, (Gongschlegel-Gasse) und die Ess-Stäbchengasse. Diese Straßennamen gibt es in jeder Stadt.
AP: „Linie 1“ ist als Musical gestaltet, das heißt, die Geschichte des Stücks wird sehr stark über die Musik vermittelt. Nun ist diese Musik bereits zwanzig Jahre alt, glauben Sie, dass sich auch die junge chinesische Generation von den Melodien angesprochen fühlt?
WJ: Natürlich hat die Musik eine zwanzigjährige Geschichte, aber ich habe den Eindruck, dass die Musik hier gut ankommt. Schon bei den Proben konnte ich sehen, dass die Sänger und Schauspieler von der Musik begeistert sind. Sie spüren, dass die deutschen Lieder irgendwie anders sind als die amerikanischen, aber sie finden gerade das sehr schön. Schwierig ist es nur, die Lieder einzustudieren, da der Text in Chinesisch gesungen wird und an die Melodie angepasst sein muss.
AP: Der deutsche Autor Volker Ludwig hat stark mit Verfremdungstechniken gearbeitet, um die Zuschauer immer wieder in Distanz zur Geschichte zu bringen. Nutzen Sie diesen V-Effekt oder gibt es typisch chinesische Darstellungsmittel, die Sie verwenden?
WJ: Wir haben natürlich die Videoaufzeichnung vom Grips-Theater gesehen und dabei einige Unterschiede festgestellt. In Berlin wurde das Stück in einem kleinen Theaterraum aufgeführt, ein Schauspieler spielte mehrere Rollen. Wir wollen das Stück hier auf einer großen Bühne zeigen, jede Rolle wird individuell besetzt, Personen wie Bambi oder die Schule schwänzenden Kinder zeigen Kung fu. Das chinesische Publikum soll das Stück akzeptieren können. So verwenden wir zwar auch eine Musikgruppe, nutzen sie aber weniger als Mittel der Verfremdung. Stattdessen bauen wir Video-Einspielungen ein. Das Publikum will heute visuell noch stärker angesprochen werden. Wenn die U-Bahn einfährt, werden wir das zum Beispiel auf einem großen Bildschirm zeigen.
AP: In dem Stück kommen einige bizarre Personen vor: die Penner, der Zuhälter, das streitende Ehepaar, die Eltern, abgehalfterte Jugendliche. Haben sie diese Typen alle erhalten oder sind einige auch verändert?
WJ: Ich will, dass diese Figuren bizarr bleiben, denn ich denke, es gibt keinen Unterschied zwischen dem deutschen und dem chinesischen Penner, es gibt nur den Unterschied, dass sie eine andere Hautfarbe haben.
AP: Wang Jiana, vielen Dank für das Gespräch!
Das Musical „Linie 1“ wird vom 5-7. Dezember jeweils um 20.00 aufgeführt.
Ort: Guangdong Song and Dance Theatre, No.32-34 Shui Yin Si Heng Lu, Guangzhou
Ort: Guangdong Song and Dance Theatre, No.32-34 Shui Yin Si Heng Lu, Guangzhou
Text: Andrea Pollmeier
freie Journalistin in Frankfurt am Main
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008
freie Journalistin in Frankfurt am Main
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
November 2008








