Verwirrung als Rechercheergebnis: 16 deutsche Journalisten bereisen erstmals China


Bocog-Sprecher Sun Weide im Interview, Foto: Kirstin Wenk
Der Wissende ist noch nicht so weit wie der Forschende, sagte Konfuzius. An dieses Motto haben sich 16 Journalisten aus Deutschland gehalten. Elf Tage lang bereisten sie China, die meisten zum ersten Mal. Für viele brach ein Weltbild zusammen: So viele Bürger, die keine Angst vor Mikrofonen haben, hatten sie nicht erwartet.
Der Kulturschock kam gleich am ersten Tag. Die 16 Journalisten sind kaum übermüdet aus dem Flugzeug ausgestiegen, da wartet schon eine physische und mentale Herausforderung auf sie: ein Spaziergang durch die Pekinger Hutongs, die kleinen Straßen mit den alten Wohnhöfen. Catherine oder Hua Xinmin (华新民), wie ihr chinesischer Name lautet, führt uns zu drei traditionellen Hofhäusern, so genannten Siheyuan, deren Bewohner um den Erhalt ihrer Häuser und gegen Enteignungen kämpfen. Catherine ist eine Kapazität in Fragen der Hutong-Bewahrung. Die Bewohner erzählen ihre Geschichten vom Kampf mit sturen Behörden, von ihrem gewachsenen Mut und gestärktem Rechtsbewusstsein. Offen sprechen sie in die Mikrofone. Auf Bauschutthaufen posieren sie vor den Kameras. Man merkt, sie sprechen nicht das erste Mal mit westlichen Journalisten.
Überraschende Offenheit
„Ich hätte nie gedacht, dass die Leute in China so kritisch sind", sagt Imke Schridde, Reporterin beim Kulturradio vom Rundfunk Berlin-Brandenburg. „Diese Offenheit hat mein Bild, das ich vorher von China hatte, positiv beeinflusst." Wie Imke Schridde geht es den meisten der 14 Deutschen, einer Schweizerin und einem Spanier in der Gruppe. Die Direktheit und die Gastfreundschaft, mit der sie nahezu alle chinesischen Gesprächspartner begrüßen, überrascht. „Es ist viel leichter, mit Chinesen in Kontakt zu kommen als mit Deutschen", sagt sogar Andreu Jerez, der in Berlin für das spanische Programm der Deutschen Welle arbeitet.
Olympische Spiele: Eine Welt, ein Traum?
Bis auf fünf Teilnehmer der Reise waren alle das erste Mal in China. Vom 21. Mai bis 1. Juni 2008 versuchten sie, eine Antwort auf die Frage „Chinas Olympische Spiele: Eine Welt, ein Traum?" zu finden. Die Tour wurde vom Journalists.network, einem Zusammenschluss junger Journalisten in Berlin, veranstaltet. Der Verein organisiert regelmäßig Reisen in Länder, in denen Recherchen aufgrund der Entfernung oder der Sprache schwierig sind. China ist seit 2000 fester Bestandteil des Programms. Die diesjährige Reise führten Astrid Maier (Financial Times Deutschland), Sven Hansen (tageszeitung) und Kirstin Wenk (freie Journalistin) durch. Bewerben konnten sich Journalisten bis 35 Jahre.

Ulrich Bentele interviewt die junge Generation Chinas, Foto: Kirstin Wenk
Neben Peking standen auch Termine in Hangzhou und in der Olympia-Stadt Qingdao auf dem Plan. Umweltschutz, das neue Arbeitsvertragsgesetz und Chinas wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland waren einige der Themen. Unter den rund 30 ganz unterschiedlichen Interviews waren Gespräche mit Winfried Vahland, Geschäftsführer von Volkswagen China, Sun Weide (孙伟德), Sprecher des Pekinger Organisationskomitee für die Olympischen Spiele, Astrid Skala-Kuhmann, Leiterin der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit China, Lo Sze Ping (卢思聘), Direktor von Greenpeace in China und mit dem Schriftsteller und Tibet-Experten Wang Lixiong (王力雄).
Unterschiedliche Meinungen über Tibet
Ganz oben auf der Prioritätenliste der Reise stand, ein tieferes Verständnis für China zu entwickeln. „Ich habe jetzt zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mir überhaupt ein China-Bild machen kann", sagt nach ihrer Rückkehr Antonia Beckermann, Leiterin der Politik-Redaktion von Welt Online. „Jeden Tag habe ich mit Meldungen aus China zu tun. Doch erst seit der Reise glaube ich, ein bisschen zu wissen, wie das Land tickt." Bei vielen Gesprächen habe sie das Thema Tibet angesprochen. „Was in den deutschen Medien gelaufen ist, war schon sehr einseitig", sagt sie. „Jetzt verstehe ich die chinesische Sicht besser."
Girls und Handys: Normale Jugendliche
Doch gerade beim Thema Tibet wollen ihr nicht alle aus der Gruppe beipflichten. „Bei einem Abendessen mit Studenten wäre ich fast vom Tisch aufgesprungen", sagt Sibrand Siegert vom Norddeutschen Rundfunk in Mecklenburg-Vorpommern. „Ein Student sagte, ‚wir Chinesen haben den Tibetern doch Wohlstand gebracht. Aber sie danken es uns gar nicht'. Seine Meinung hat mich erschreckt", sagt Sibrand Siegert. „Wie kann er die kulturelle Fremdbestimmung in Tibet gutheißen?" Dennoch bleibt auch für den NDR-Reporter vor allem ein überraschend lockeres Bild von China im Gedächtnis. „Eines Abends in Peking war ich allein in einem Straßenrestaurant", erzählt er. „Sofort setzten sich vier junge Typen mit Schlabber-Shirts und Baseball-Caps zu mir. Sie fragten: ,Do you like Chinese girls?' Dann haben wir über Handys geredet." Sein Fazit: „Das sind ja ganz normale Jugendliche wie in Deutschland. Vorher hatte ich eher ein Bild von Kindern in Uniformen im Kopf."
Subtile Botschaften und geplatzte Termine
Laurent Martinez, Politikredakteur bei der Passauer Neuen Presse, nimmt von der Reise vor allem mit, dass bei vielen Gesprächen Botschaften sehr subtil transportiert werden, wie er sagt. „Die Leute winden sich meist, wenn es um politische Themen geht." Es sei sicher auch kein Zufall gewesen, dass bei einem lange geplanten Termin bei einer Arbeiterhilfsorganisation die Wanderarbeiter alle plötzlich keine Zeit mehr hatten.
Ähnlich sieht das Wirtschaftsjournalistin Elke Pickartz. „Offenbar sind einige weniger gewillt, mit westlichen Journalisten zu reden", sagt sie. Am meisten habe sie jedoch beeindruckt, das enorme Wachstum mit eigenen Augen zu sehen. „Ich fand den Bauboom erschreckend", sagt sie. „Da laufe ich vor modernsten Hochhäusern entlang und treffe plötzlich auf einen alten Mann in einfachen Kleidern. Wie kann ein Mensch diesen superkrassen Wandel in seinem Leben verkraften? Das kann doch nicht ohne bleibende Schäden geschehen, wie Kultur- und Identitätsverlust."
Ratlosigkeit und Verwirrung
Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob die Olympischen Spiele nun eher Traum oder Alptraum sind, hat wohl niemand in der Gruppe gefunden. Mancher kehrt ratloser zurück, als er vorher war. „Ich weiß nicht so recht, was ich gut oder schlecht finden soll", sagt Benjamin Wüst, der für den Bonner Generalanzeiger schreibt. „Die Gegensätze in China sind so groß, für alles gibt es immer ein Gegenbeispiel. Ich bin verwirrt." Verwirrung als Ergebnis der Recherche ist nicht das Schlechteste, würde wohl Konfuzius sagen. Denn der Meister sprach: Der Wissende ist noch nicht so weit wie der Forschende.
Text: Kirstin Wenk
freie Journalistin in Berlin und Programm-Managerin China bei journalists.network
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Juni 2008
freie Journalistin in Berlin und Programm-Managerin China bei journalists.network
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Juni 2008














