Auf den Jade-Terrassen: Der Übersetzer Franz Kuhn
Tempel in den Wudang-Bergen im Morgennebel, Copyright: www.pixelio.de
„Stumm die Jade-Terrassen, / Herbstlich Nebel wallen,/ Alter Mond gelassen/ Schaut in alte Hallen./ Die drin jauchzten, tranken,/ Längst zu Asche sanken.“ Das gilt noch heute allgemein als „chinesisch“ und ist doch so unverwechselbar deutsch in Ton und Aussage! Es sind Verszeilen aus jenem Roman, der von Franz Kuhn unter dem Titel Kin Ping Meh 1930 erstmals ins Deutsche übersetzt wurde. Und sie verdeutlichen, warum wir als junge Sinologiestudenten in den späten 1970er Jahren die Übertragungen Franz Kuhns hochmütig zu verachten pflegten.
Chinoiserien und Akademien
Allein seine exotisierende Wortwahl reizte zum Spott: All die Jade-Terrassen, Lotosblumenweiher, Pavillons und anmutigen Konkubinen, „deren feuriges Liebesverlangen klafterhoch loderte“, wie es bei Kuhn hieß, vermittelten ein China-Klischee, das allenfalls ins Rokokozeitalter gepasst hätte, so dachten wir damals.
Und doch war unsere Kritik nur teilweise berechtigt, denn sie unterschlug die Verdienste, die einem Übersetzer wie Franz Kuhn unbestreitbar zukommen. Immerhin war er es gewesen, der erstmals einer breiteren Leserschaft den Zugang zur chinesischen Erzähltradition eröffnete – und dies war in der Generation des 1884 geborenen Franz Kuhn keineswegs üblich. Denn Franz Kuhn war kein typischer Fachsinologe. Als promovierter Jurist mit Sprachendiplom, das er in einem zweijährigen Chinesischkurs am Berliner Seminar für Orientalische Sprachen erworben hatte, war er ab 1909 als Übersetzer in der Kaiserlichen Gesandtschaft in Peking und als Vizekonsul in Harbin tätig. Doch bereits 1912 schied er aus dem diplomatischen Dienst aus und kehrte nach Berlin zurück, um dort im neu eingerichteten Studiengang für Sinologie noch einmal zwölf Semester lang die alte chinesische Schriftsprache bei Johann Jakob Maria de Groot zu studieren.
Novelle im „Giftschrank“
Eine akademische Karriere zeichnete sich ab. Und die fußte – wie in der älteren deutschen Sinologie noch Jahrzehnte später üblich – auf der Übertragung und Kommentierung jenes Kanons (staats-)philosophisch-konfuzianischer Schriften, denen im kaiserlichen China das Prädikat „wertvoll“ zugestanden wurde. Die ältere populäre Erzählliteratur hingegen galt als minderwertig. Sowohl im alten China als auch im sinologischen Seminar zu Berlin fand sie ihren Platz allenfalls im „Giftschrank“ der Bibliotheken. Als nun Franz Kuhn diesen Giftschrank öffnete und sich – angeregt durch eine frühere französische Übertragung – an die Übersetzung einer mingzeitlichen Novelle machte, traf ihn prompt der Bannstrahl der akademischen Orthodoxie. Sein Lehrer de Groot jagte ihn aus dem sinologischen Seminar. Und Franz Kuhn arbeitete fortan als freiberuflicher Literaturübersetzer.
Zwischen Exotismus und Kulturvermittlung

Aus: Kin Ping Meh. Aus dem
Chinesischen von Franz Kuhn. Mit
Illustrationen einer alten Ausgabe.
insel taschenbuch (Insel Verlag
Frankfurt am Main und Leipzig 1977)
Chinesischen von Franz Kuhn. Mit
Illustrationen einer alten Ausgabe.
insel taschenbuch (Insel Verlag
Frankfurt am Main und Leipzig 1977)
Preis der Popularität
Dass diese Übertragungen selbst unter den ungünstigen Bedingungen der Kriegs- und Nachkriegsjahre so populär wurden, dass sie wiederum in zahlreiche andere europäische Sprachen, ja sogar in einem Fall ins Chinesische (!) übertragen wurden, hatte freilich einen hohen Preis: Kuhn, 1952 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet, nahm erhebliche Auslassungen vor: Den Traum der roten Kammer kürzte er gar um die Hälfte des Textes. Er fügte eigenmächtig Kapitel ein, unterschlug Handlungsstränge und Figuren, klitterte einzelne Textteile neu zusammen – was ihm die berechtigte Kritik der Fachsinologen eintrug. Aus heutiger Sicht skurril mutet hingegen an, dass die Kuhnsche Übertragung des mingzeitlichen Romans Jou Pu Tuan ihrem Schweizer Verleger Friedrich M. Wiesner im Jahre 1959 ein Strafverfahren wegen Veröffentlichung unzüchtiger Schriften eintrug. Und noch 1962 wurden sämtliche Buchexemplare auf Anordnung der Schweizer Behörden vernichtet. Dass solche Maßnahmen erst recht dazu beitrugen, die Neugier der Leser auf die angeblich „erotische“ altchinesische Erzählliteratur zu wecken, ist verständlich. Doch das ist eine andere Geschichte.
Text: Dagmar Lorenz
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2008
Sinologin, Literaturwissenschaftlerin und Publizistin
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2008















