Literatur/ Sprache

Der Yilin-Verlag bringt Grass und Schlink nach China

Günther Grass: „Beim Häuten der Zwiebel“, Frau Lu Zhizhou und „Der Vorleser“ © Yilin Verlag
Günther Grass: „Beim Häuten der Zwiebel“, Frau Lu Zhizhou und „Der Vorleser“ © Yilin Verlag
"Beim Häuten der Zwiebel", Frau Lu Zhizhou und „Der Vorleser"


Dem chinesischen Leser, der sich für fremdsprachige Literatur und Kultur interessiert, ist der Yilin Verlag in Nanjing ohne Zweifel ein Begriff. Der Verlag für Fachübersetzungen engagiert sich seit seiner Gründung 1988 für die Übersetzung deutscher Werke und die Verbreitung deutschsprachiger Literatur in China. Von Goethe, dem Meister der deutschen klassischen Literatur, über die Autoren der Weimarer Republik bis zu den modernen Nobelpreisträgern Jelinek und Grass sind viele bedeutende Werke der deutschsprachigen Literatur vor allem durch den Yilin Verlag in die Bücherregale der chinesischen Literaturliebhaber gelangt. Li Shuangzhi sprach mit Lu Zhizhou, der leitenden Redakteurin für deutsche Übersetzungen beim Yilin Verlag, über die aktuellen Aktivitäten des Verlages.

LSZ: Guten Tag, Frau Lu. Anfang 2008 ist beim Yilin Verlag das Aufsehen erregende Werk Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass erschienen. Für die Liebhaber der deutschen Literatur in China ist das eine großartige Sache. Wie kam der Yilin Verlag zu diesem Buch?

Lu Zhizhou: Der Yilin Verlag beobachtet die moderne deutschsprachige Literaturszene sehr genau. Als Beim Häuten der Zwiebel von Günter Grass in Deutschland herauskam, war das ein Literaturereignis. Im August 2006 erschien in der Frankfurter Rundschau ein Interview mit Grass. Damals haben wir uns vorgenommen, dieses Buch zu übersetzen. Im September jenes Jahres haben wir auf der Internationalen Buchmesse in Peking mit dem Vertreter der Lizenzrechte Kontakt aufgenommen. Bis wir uns schließlich einigen konnten, folgten noch lange Verhandlungen. Wir werden nun die Werke von Grass nach und nach herausbringen, Beim Häuten der Zwiebel ist das erste in der Reihe. Im April (2008) bringen wir eine Lyrikanthologie heraus, die in China noch kaum jemand kennt. Beim Häuten der Zwiebel wurde gemeinsam von den Professoren Wei Yuqing und Wang Binbin von der Fudan Universität Shanghai sowie dem erfahrenen Redakteur des Lijiang Verlags, Professor Wu Yukang übersetzt.

LSZ: Wie hoch ist denn die Auflage von Beim Häuten der Zwiebel?

Lu Zhizhou: Wir waren relativ konservativ, die erste Auflage betrug ungefähr 12.000 Stück. Aber wir werden bald nachlegen.

Frage: Und wie sind die Verkaufszahlen der Buchhandlungen?

Lu Zhizhou: Sehr gut. Nehmen Sie beispielsweise die Buchhandlungen Jifeng in Shanghai, Fenglinwan in Hangzhou und Wansheng Shuyuan in Peking, Das sind alles Buchhandlungen, die junge Literaturliebhaber gerne aufsuchen, sozusagen die Kulturbarometer in diesen Städten. Das Buch hat sich dort überall sehr gut verkauft. In dem Kulturforum www.Douban.com hat das Buch viele gute Rezensionen bekommen, und beim Internet-Buchhändler Dangdang war das Buch wochenlang auf der Bestsellerliste.

LSZ: Zu dem Erfolg haben sicher auch die Übersetzer beigetragen.

Lu Zhizhou: Richtig. Die drei Professoren, die wir beauftragt haben, sind alle Experten der deutschsprachigen Literatur. Sie haben sich alle mit Günther Grass beschäftigt, haben bereits Werke von ihm übersetzt und verfügen über einen sehr flüssigen Stil. Viele Kulturjournalisten waren von dem Buch sehr angetan, sie sagten, dass sei wirklich die Sprache von Grass, genauso spreche Grass, gleichzeitig klinge der Text nicht wie eine Übersetzung. Die Leistung der Übersetzer hat immens zum Erfolg des Buches beigetragen, das ist die beste Werbung für das Buch.

LSZ: Wie wählt der Yilin Verlag talentierte Deutsch-Übersetzer aus?

Lu Zhizhou: Die Kompetenz der Übersetzer ist beim Yilin Verlag das Wichtigste. Wir wählen die Übersetzer anhand von Probeübersetzungen aus und erwarten vom verantwortlichen Redakteur umfassende Kenntnisse der entsprechenden Fremdsprachenfachleute in China. In Bezug auf die deutschsprachige Literatur bedeutet das, dass wir alle herausragenden Gelehrten der deutschsprachigen Wissenschaftswelt in China kennen wollen, vor allem jene, die sowohl über Fachkenntnisse als auch über eine hervorragende sprachliche Ausdrucksfähigkeit besitzen. Unser Ziel ist, dass jeder Redakteur einen Stamm an hervorragenden Übersetzern aufbaut, mit denen man langfristig zusammenarbeiten kann. Diese müssen unterschiedliche Textarten abdecken und unterschiedliche Sprachstile bedienen können. Die Übersetzung deutschsprachiger Literatur ist generell eher schwierig und verlangt eine enge Zusammenarbeit zwischen Übersetzer und Redakteur.

LSZ: Das ist sicher auch einer der Gründe, warum der Yilin Verlag in China zu einem so einflussreichen Verlag für Übersetzungen geworden ist. Welchen Anteil haben Übersetzungen aus dem Deutschen beim Yilin Verlag?

Lu Zhizhou: Der Yilin Verlag wurde 1988 gegründet und ist auf die Übersetzung von Literatur sowie Übersetzungen aus den Bereichen Kultur und Geisteswissenschaften spezialisiert. Inzwischen haben wir fast alle Sprachen im Programm. Bei den Literaturübersetzungen hat die amerikanisch-englischsprachige Literatur immer noch den größten Anteil, gefolgt von italienischer, lateinamerikanischer, russischer, japanischer, französischer und osteuropäischer Literatur. Wir haben auch ein Werk des berühmten israelischen Autors Amos Oz herausgebracht. Die deutschsprachige Literatur gehört zu den kleineren Sprachen. In unserer Reihe „Yilin Übersetzungen klassischer Werke" gibt es Werke wie Goethes Gespräche. 2008 wollen wir unbedingt noch moderne deutschsprachige Werke herausbringen, z.B. von Christoph Hein, Bernhard Schlink, Elfriede Jelinek usw.

LSZ: Wie hoch ist die Auflage einer Übersetzung aus dem Deutschen ungefähr?

Lu Zhizhou: Normalerweise zwischen 6.000 und 10.000 Stück. Für Literatur ist das die übliche Auflage.

LSZ: Wenn man mal die Marksituation betrachtet, wie kommt die deutsche Literatur bei chinesischen Lesern an? Wer liest überhaupt deutsche Literatur? Und welche Werke haben besonders viel Erfolg?

Lu Zhizhou: Diesen Fragen sind wir nachgegangen und haben einige Leser deutscher Literatur befragt. Wir haben festgestellt, dass die Anhängerschaft deutscher Literatur recht begrenzt ist. Die meisten sind zwischen 18 und 35 Jahre alt, ein Teil hat eine gewisse Zuneigung zu Deutschland und liest deutsche Literatur, weil er großes Interesse an Deutschland hat. Eine weitere Gruppe hat einfach Interesse an jeder Art von Literatur und schmökert in allem, was an westlichen literarischen Werken erscheint. Diejenigen, die wirklich etwas von westlicher Literaturgeschichte verstehen, besonders Studenten und Mittelschüler, tendieren zu den anerkannten Klassikern: Goethes Gespräche beispielsweise werden Mittelschülern als Lektüre außerhalb des Unterrichts empfohlen. Weitere beliebte große Meister sind außerdem Rilke, Zweig und Hesse. Zeitgenössische Werke deutschsprachiger Literatur muss ein Verlag aufwendig vorstellen und bewerben. Ein sehr erfolgreiches Beispiel des Yilin Verlags ist Der Vorleser von Bernhard Schlink. Den Vorleser haben wir im Jahr 2000 als Sonderausgabe herausgebracht, damals haben wir fast 20.000 Bände verkauft. 2005 haben wir den Titel mit einem neuem Einband versehen, einige Änderungen an der Übersetzung und am Titel vorgenommen und ihn im Januar 2006 noch einmal auf den Markt gebracht. Bis jetzt ist er mehr als 50.000 Mal verkauft worden.

LSZ: Wenn man solche Verkaufszahlen erreichen kann, hat das vielleicht auch mit dem internationalen Erfolg dieses Buchs zu tun.

Lu Zhizhou: Das ist die eine Seite. Gleichzeitig entsprechen der Inhalt und die Handlung des Buchs auch den Lesegewohnheiten der chinesischen Leser. Es gibt eine Kerngeschichte und der geschichtliche Hintergrund und die rebellischen Gedanken der menschlichen Natur finden Resonanz bei vielen Lesern. Für die zweite Auflage haben wir uns viele Gedanken gemacht, zuerst mussten wir die Zielgruppe festlegen. Wir denken, dass die Leser dieses Buchs in der Gruppe der gut ausgebildeten Angestellten und der Intellektuellen zu finden sind. Sie haben moderne Konsumgewohnheiten wie den Bücherkauf über das Internet. Deshalb haben wir noch eine attraktive Verpackung hinzugefügt und haben es als Hardcover und Großbuchformat herausgegeben.

Als Werbemaßnahme haben wir viele berühmte Schriftsteller gebeten, Kritiken zu schreiben. Solche Buchbesprechungen werden von chinesischen Lesern sehr beachtet und sind daher ein sehr wichtiges Mittel, um ihnen zeitgenössische deutsche Literatur näher zu bringen. Bi Feiyu, ein Autor aus Nanjing und Liebhaber deutscher Literatur, hat nach der Lektüre von Der Vorleser noch am selben Abend alle seine Schriftstellerkollegen angerufen und das Buch weiterempfohlen. Die Autoren Xiao Fuxing und Mei Zihan haben dieses Buch als lesenswertestes des Jahres 2005 empfohlen. Der Autor und Chinesischprofessor Zeng Wenxian hat zu diesem Buch einen Kommentar geschrieben. Auf diese Weise erfahren auch Leser, die nichts von deutscher Literatur verstehen, dass es so einen Titel gibt, und dass es ein gutes, lesenswertes Buch ist. Außerdem haben wir von diesem Buch noch eine Hörbuchversion herausgebracht. Sie wird vom dem bekannten Synchronsprecher Tong Zicai gelesen.

LSZ: Auf dem deutschen Buchmarkt haben diese Hörbücher auch großen Zulauf.

Lu Zhizhou: Richtig, der Yilin Verlag sieht in Hörbüchern auch ein sehr wichtiges neues Medium mit Zukunftschancen. Unsere Hörbücher sind jedoch nicht ganz das Gleiche wie in Deutschland. Wir bringen ein Hörbuch nicht einzeln heraus, sondern verkaufen es immer zusammen mit dem Buch. Der Preis unterscheidet sich kaum vom Hardcover. Als Sprecher für die Hörbuchversion nehmen wir normalerweise einen bekannten Schauspieler, um die Popularität zu steigern. Dieses Medium soll vor allem diejenigen anziehen, die nicht so gerne lesen. Der Inhaber einer Buchhandlung in Hangzhou hat den Vorleser auf dem Nachhauseweg im Auto angehört. Er war so berührt davon, dass er am nächsten Tag ganz viele Exemplare davon nachbestellt hat.

LSZ: Frau Lu, vielen Dank, dass Sie sich so viel Zeit für das Interview genommen haben. Wir wünschen Ihnen für Beim Häuten der Zwiebel und Der Vorleser weiterhin viel Erfolg und dass Sie damit noch mehr Menschen auf die deutschsprachige Literatur und deutsche Kultur aufmerksam machen können.
Text: Li Shuangzhi,
Dozent der Germanistik an der Universität Nanjing
Übersetzung: Ursula Schrammel
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
April 2008
Links zum Thema

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Buchmesse Frankfurt 2009: China finanziert Übersetzung chinesischer Bücher ins Deutsche.