Mit Humor gegen Klischees und Vorurteile: Vera Yu erhält Schweizer Literaturpreis


Vera Yu, Foto: Denis Nordmann
Was passiert, wenn das eigene Leben völlig aus der Bahn gerät? Wenn erfolgreiche Menschen auf einmal ihren Job verlieren und durchdrehen? Das schildert die deutsch-chinesische Autorin Vera Yu in einer Erzählung, für die sie am 19. Januar 2008 in Basel den Elisabeth-Gerter-Literaturpreis erhielt.
Mit dem Literaturpreis der Schweizer Schriftstellerin Elisabeth Gerter (1895-1955) zeichnen das Literaturhaus Basel und der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB deutschsprachige Autoren aus, die sozialkritisch über die Arbeitswelt von heute berichten. In Vera Yus ironisch-bissiger Erzählung Bei vollem Bewusstsein – oder: Wie ich langsam prekär wurde geht es um eine promovierte Berliner Ärztin. Nachdem diese jahrelang auf einer Unfallstation gearbeitet und stets Überstunden gemacht hat, verliert sie plötzlich ihren Job. Nun sitzt sie ausgepowert zu Hause und kämpft mit den Formalitäten zur Beantragung von Arbeitslosengeld. Aus Geldmangel prostituiert sie sich, fängt an zu trinken. Stück für Stück verliert die Medizinerin dabei die Kontrolle über ihr Leben. Und während sie sich mit Händen, Füßen, Verstand und Bildung gegen die Bevormundung durch Behörden und Ärzte wehrt, wird sie langsam verrückt...
Alltäglichen Wahnsinn zeigen
„Ich wollte den alltäglichen Wahnsinn zeigen", sagt Vera Yu. „Wie Menschen, die zur Bildungsschicht gehören und ein normales Leben führen, einfach durchdrehen." Die Idee zu der Geschichte kam der 39-jährigen Sozialwissenschaftlerin mit Wohnsitz Berlin durch ihre Arbeit mit Männern und Frauen, denen genau das passiert ist. Die Tochter einer Deutschen und eines Chinesen betreute im Jahr 2004 Menschen, für die das Berliner Sozialamt die Vormundschaft übernommen hatte. Zum Beispiel „Messies", in deren Wohnung sich der Müll bis zur Decke stapelte. Schwarzfahrer, die immer und immer wieder ohne Ticket in die Bahn stiegen. Oder solche, die ständig neue Zeitungen abonnierten, die sie nicht bezahlen konnten. „Darunter waren viele Akademiker, zum Beispiel Mediziner, Juristen, Journalisten und Künstler", sagt Vera Yu. „Befristete Arbeitsverträge, die nicht erneuert wurden, das Hangeln von Projekt zu Projekt oder Arbeitslosigkeit haben diese Menschen an den Rand des Existenzminimums getrieben." Hinzu kam oft eine Psychose, Sucht oder ein anderer Schicksalsschlag. „Schon entgleitet einem die Kontrolle über das eigene Leben. Und das kann jedem von uns passieren."
„Das kann jedem passieren"
Die Geschichte sei kein Tatsachenbericht, sondern satirisch verfremdet, betont Yu. Sie ist eine von sieben Erzählungen, die die Autorin in einem Band zusammengefasst hat. Sieben Menschen in Berlin und ihren Überlebenskampf stellt Vera Yu darin vor. „Der Alltag in Großstädten wie Berlin kann knallhart sein", fasst die Autorin ihre Beobachtungen zusammen. Mit dem Klischee eines sorglosen Intellektuellenlebens, das sich auf Herumsitzen in Cafés und gelegentliches Einhacken auf die Laptoptasten beschränke, habe dieser Alltag nichts zu tun.
Mit Humor gegen Klischees
Weitverbreitete Klischees nimmt die umtriebige Schriftstellerin auch in ihrem neuen Projekt aufs Korn. In ihrem Erzählband Chinakracher – heitere Ernüchterungen aus der Heimat (als Podcast alle 14 Tage neu zu hören unter dem Titel Fit für China? Übungen zur neuen Weltordnung auf www.hoerkolumne.ch) macht sie sich über die Vorurteile der Deutschen gegenüber dem Reich der Mitte lustig. Dafür hat die Sinologin und Sozialwissenschaftlerin jahrelang Zeitungsartikel über China gesammelt, in China und Deutschland recherchiert, mit Deutschen und Chinesen gesprochen. „Zum Beispiel Phrasen wie ‚Der chinesische Drache erhebt sich' – dabei ist der doch längst allen davon geflogen", erzählt sie lachend. „Oder interkulturelle Trainer, die den deutschen Geschäftsleuten erzählen, die Chinesen hätten Angst, das Gesicht zu verlieren. Dabei haben deren chinesischen Partner meistens in Harvard studiert und mit Gesichtsverlust nichts mehr am Hut." Man dürfe nicht einfach das Bild der Medien vom jeweils anderen übernehmen, sondern sollte es kritisch hinterfragen. Ganz bewusst spielt die Deutsch-Chinesin dabei mit dem Begriff „Heimat" im Titel: „Ich habe beim Verfassen der Kolumnen offen gelassen, was Heimat ist. Für mich bedeutet das: 'Ich bewege mich zwischen den Kulturen.'"
Bewegen zwischen den Kulturen
Doch was genau ist Heimat, wenn man sich zwischen den Kulturen bewegt? Und wie wird man von der Außenwelt wahrgenommen? Diesem Thema widmet sich die gebürtige Hamburgerin demnächst in einer Fotoausstellung. Zusammen mit Fotografen, Filmemachern und Kulturwissenschaftlern arbeitet Vera Yu derzeit an der Dokumentation Zuhause – eine deutsche Einwanderungsgeschichte über deutsche Asiaten und Asiatinnen, die im Herbst 2008 in Berlin gezeigt werden soll. „Bei dem Begriff ‚Deutsche mit Migrationshintergrund' denken die meisten an Deutsch-Türken oder Deutsch-Polen. Wir wollten die Deutsch-Asiaten sichtbar machen", so die Autorin. „Die häufigste Frage, die sie hören, ist: ‚Wann gehst du wieder nach Hause?' Darauf wollen wir eine Antwort geben."

Deutsche Asiaten/innen
Wann gehst du wieder nach Hause?
Zum Beispiel in einem Online-Quiz, bei dem die Betrachter raten müssen, woher die Männer und Frauen auf den Fotos stammen. „Wir heben nicht den pädagogischen Zeigefinger", so Yu. Es gehe vielmehr darum, dass die Mitspieler selbst merken, dass sie bei diesem Ratespiel das Wichtigste vergessen haben: Zu fragen, wie die Person auf dem Foto heißt, welche Interessen sie hat, was sie beruflich macht. Und bei der Auflösung des Quiz' merken, dass sie Deutsche ist - und nicht 'nach Hause' gehen wird. „Sich der eigenen Vorurteile bewusst werden – darauf kommt es an."
Text: Annette Kaiser
freie Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Copyright: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
Februar 2008
freie Redakteurin, Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
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Februar 2008















