Deutschland - China: Das Buch im internationalen Kulturaustausch

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| Frankfurter Buchmesse, Aufbau in Halle 3 |
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| Claudia Kaiser |
Hier spielt das BIZ Peking eine unverzichtbare Rolle, da es vor Ort ist und Informationen vermittelt, uns aber auch immer wieder darauf hinweist, wenn eine andere Art des Umgangs gefordert ist. Im Frühjahr 2007 haben wir den Vertrag mit China unterzeichnet. Wir haben in unserer Firma ein „Gastland-Team“, das sich nur mit dem Thema beschäftigt. Wenn ein Land Gastland auf der Frankfurter Buchmesse ist, so betrifft das ja nicht nur die Darstellung des Landes und seiner Verlagsindustrie auf der Buchmesse selbst, sondern Autoren lesen auch an anderen Orten in Frankfurt und reisen schon im Vorfeld der Messe durch Deutschland, es gibt Ausstellungen in verschiedenen Museen in Frankfurt als Schwerpunkt, die aber dann auch oftmals hinterher in anderen Städten gezeigt werden. Hier bieten wir ganz konkrete Unterstützung bei der Umsetzung.
Welche Funktion haben oder hatten Sie beim Buchinformationszentrum (BIZ) Peking?
Ich habe das Zentrum ab 1997 aufgebaut und es dann bis zu meinem Weggang aus China im Jahr 2002 geleitet. Das hat mir sehr großen Spaß gemacht. Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, es aus der Ferne betrachten, aber seine Geschicke mitbestimmen zu dürfen. Eins der Dinge, die wir damals wollten, aber nicht in befriedigendem Maße umsetzen konnten, war die Website des BIZ. Meine Nachfolgerin hat da schön ansetzen können und viel daraus gemacht - chinesische Branchenteilnehmer finden heute wertvolle Infos über den deutschen Markt und deutsche Branchenteilnehmer können von den für sie zugeschnittenen Infos profitieren.
Ist das BIZ eine rein privatwirtschaftliche Unternehmung der Frankfurter Buchmesse?
Wir arbeiten hier eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen, mit dem wir eine Public Private Partnership haben. Das BIZ hat ja auch eine kulturpolitische Funktion und wird als einer der Kulturmittler in Peking wahrgenommen. Auch aus diesem Grund ist es am Goethe-Institut untergebracht.
Sprechen Sie Chinesisch? Wie weit kommt man in dem Metier mit Englisch?
Ich bin Sinologin und spreche die Sprache ganz gut. Deshalb weiß ich auch nicht, wie weit man mit Englisch kommt, ich vermute aber, heutzutage ist das kein so großes Problem mehr. Aber es ist immer noch nicht Singapur: Gerade in den Regierungsinstitutionen gibt es viele Leute, die nur Chinesisch sprechen. Es ist also sicherlich ein Vorteil, wenn man der Sprache mächtig ist, besonders in der Buchbranche. Ich habe damals jedenfalls sehr davon profitiert und bin sicher, vieles wäre ohne die Sprachkenntnisse gar nicht möglich gewesen.
2007 war Deutschland das Gastland auf der Beijing International Book Fair (BIBF). Welche Bedeutung hat diese Buchmesse für den internationalen Buchhandel?
Die Beijing International Book Fair ist eine der größten Buchmessen in Asien, sie wächst. Die internationale Beteiligung steigt von Jahr zu Jahr. Inzwischen gibt es aber auch schon eine Reihe von Literaturagenturen, die chinesischen Verlage kommen auch nach Frankfurt. Die internationale Vernetzung ist schon so weit gediehen, dass die chinesischen Verlage nicht auf die BIBF warten, um ihre Geschäfte zu machen – das passiert inzwischen schon das ganze Jahr über. Dennoch, die Bedeutung der Messe wächst. Die Veranstalter bemühen sich auch, die Messe stärker in die Stadt zu tragen. Das nützt zwar nicht direkt dem internationalen Buchhandel, aber es schafft die Voraussetzungen für eine weitere Verbreitung ausländischer Bücher und deren Übersetzungen.
Die Lizenzstatistik für 2006 zeigt 366 Lizenzeinkäufe aus Deutschland. Es heißt, dass China der größte Markt für deutsche Lizenzexporte sei. Ist die Zahl von 366 hoch?
Es kommt darauf an, wie Sie das sehen. Nach Polen haben deutsche Verlage im Jahre 2005 z.B. 606 Lizenzen vergeben, nach Russland 480 , nach Italien 418, Tschechische Republik 586, Spanien 529, Südkorea 545. Wenn Sie jedoch die chinesische Sprache nehmen, dann haben wir insgesamt 574 Lizenzen verkauft (also auf das chinesische Festland, nach Hongkong, Taiwan, Macao). Da ist auf jeden Fall noch Musik drin, und daran arbeiten wir.
Und wie sieht es mit der Dominanz der englischen Sprache in China aus?
Die Zahl der englischsprachigen Lizenzen, die von chinesischen Verlagen eingekauft wurden, ist mir im Moment nicht bekannt, aber sie liegt deutlich höher als die von deutschen Verlagen eingekauften. Hier sind wir alle gefordert, die attraktiven deutschen Titel noch besser zu vermarkten bzw. die deutsche Kultur in China noch besser zugänglich zu machen.
Welche deutschen Bücher verkauft man denn besonders gut in China?
Kinderbücher, Architektur, Lebenshilfe.....
Warum sind Kinder- und Jugendbücher so begehrt in China?
In China ist man sehr an Erziehung und Botschaften orientiert. Die Erziehung zur Kreativität kommt oft zu kurz. Das sieht und schätzen Chinesen in den deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchpublikationen. Das gilt für den Text als auch für die Illustrationen. Dies ist ein wichtiger Faktor, warum deutschsprachige und westliche Kinderbücher sehr begehrt sind.
Dagegen stehen 9 Lizenzverkäufe nach Deutschland, alle aus dem Bereich Belletristik. Wie kommt es zu einem so geringen Interesse an aktueller chinesischer Literatur?
Es gab einen Boom 1986, die Bücher haben sich aber nicht gut genug verkauft und so ist das Interesse der Verlage abgeflaut. Da haben sich Unterschiede in Sprache, Ausdrucksweise, alter und moderner Literatur ungünstig bemerkbar gemacht. Im Vergleich zur Kunst ist das Interesse leider sehr viel geringer. Das Problem der Übersetzungen spielt dabei natürlich auch eine Rolle: Es gibt nicht so gar viele kompetente ÜbersetzerInnen aus dem Chinesischen. Wir hoffen, hier eine Verbesserung mit dem Gastlandauftritt Chinas zu erreichen. Nach dem Beitritt der Volksrepublik China zur WTO wird ein Transformationsprozess im chinesischen Buchhandel erkennbar. Die versprochenen Öffnungen und Privatisierungen finden statt, der Markt ist groß und wächst (5,6 Milliarden US Dollar Umsatz im Jahr 2002), die DirectGroup Bertelsmann ist bereits mit 40% an der 21st Century Book Chain Peking beteiligt.
Geht es hier nur um Absatzmärkte?
Richtig interessant ist der Markt für einen ausländischen Verleger natürlich erst, wenn er für diesen Markt produzieren kann. Das sind natürlich nur bestimmte Verlage, wie Sprachmittelverlage, wissenschaftliche Verlage etc. Für Literaturverlage geht es in erster Linie darum, Übersetzungslizenzen nach China zu verkaufen. Das ist finanziell nicht lukrativ, aber wichtig für die Autoren. Wissenschaftliche Verlage akquirieren chinesische Autoren, arrangieren Koproduktionen mit chinesischen Verlagen. Häufig wird auch in China gedruckt. Für Verlage, die in China agieren, kann es auch interessant sein, chinesische Autoren zu fördern bzw. zu finden. Die Öffnung hat auf dem Vertriebssektor zwar stattgefunden, nicht jedoch auf dem Verlagssektor. Ausländische Verlage können keine eigenen Firmen einrichten und auch Joint Ventures sind grundsätzlich nicht erlaubt.
Wie sieht das Engagement kleinerer deutscher Verlage in China aus?
Für die kleineren Verlage, die nicht die finanziellen Mittel haben, in China wirklich aktiv zu werden – man muss hier natürlich berücksichtigen, dass die Ladenpreise für Bücher sehr niedrig sind und deshalb auch Lizenzgebühren in der Regel niedrig ausfallen – ist das BIZ eine passgenaue Möglichkeit, ihre Titel zu platzieren. Es schafft die richtigen Kontakte. Die Verbindung von deutscher Präsenz auf der BIBF, gerade beim Gastlandauftritt, und BIZ Peking schafft ideale Möglichkeiten, auch wenn diese nicht immer zum Erfolg führen. Die Übersetzungsförderung des Goethe- Instituts hilft hier auch.
Spielen informelle Beziehungen, etwa zwischen Schriftsteller- oder Verlegerorganisationen, eine besondere Rolle im deutsch-chinesischen Kulturaustausch?
Ich kann hier nur für den Austausch zwischen den Verleger- und Buchhandelsorganisationen sprechen: Ja, klar, denn das schafft größere Aufmerksamkeit. Wir alle wissen, dass die Produktpiraterie in China ein großes Problem ist, obwohl inzwischen von chinesischer Seite sehr viel mehr dagegen unternommen wird. Das Raubkopie-Geschäft blüht allerdings hauptsächlich im Bereich der Bestseller. Und solche, das muss man konstatieren, gibt es selten aus dem Deutschen.
Wäre da spezielles Engagement noch wünschenswert?
Wir alle wünschen uns, dass China offizielles Mitglied der International Publishers Association wird.
Wie entwickeln sich die privaten Interessen im chinesischen Verlagswesen?
Private Verlage sind nicht zulässig und man weiß nicht, wann sie es werden. Weil sie nicht erlaubt sind, hat sich eine andere Form entwickelt: Das Packaging. Die privaten Unternehmen sind offiziell „Kulturfirmen“ oder Agenturen, die eine Kooperation mit den großen Verlagen eingehen, die ISBN Nummern muss der große Verlag geben. Die privaten „Verlage“ sind für den Inhalt und alles andere zuständig, kaufen sich entweder die ISBN Nummer von einem großen Verlag oder gehen mit diesem eine Kooperation ein. Das sind die Verlage des „second channel“, die zwar im grauen Bereich agieren, von deren Existenz aber jeder weiß, auch die Behörden.
Spielt ausländische Literatur eine besondere Rolle für die Entwicklung des "second channel"?
Als sich die Verlagsbranche vor ca. 10 Jahren zur Reformierung aufmachte, sollte Neues passieren und so wandte man sich plötzlich der ausländischen Literatur zu – wobei hier auch Sachbücher gemeint sind. Insofern hat sie die Veränderung unterstützt. Die „Kulturfirmen“ sind zuweilen besser im Ausland vernetzt als die großen Verlage und spüren Trends eher auf.
Gibt es überhaupt "den" chinesischen Buchmarkt?
Wenn man über den chinesischen Buchmarkt spricht, ist es wohl eher der chinesischsprachige. Aber mit seinen Besonderheiten kann man wohl schon von einem „Mainland China Market“ sprechen. Vor der sogenannten „Öffnung“ in der Volksrepublik China war Taiwan für viele das Tor zum chinesischsprachigen Markt. Deutschsprachige Verlage haben ihre gesamtchinesischen Lizenzen nach Taiwan verkauft und der taiwanesische Verleger hat sie dann auf das chinesische Festland verkauft. Heute ist das meistens umgekehrt, oder die Verlage machen einen Vertrag mit der Volksrepublik China (simplified characters) und einen mit Taiwan oder Hongkong (complex characters).
Mit welchen Problemen werden deutsche Verleger in China konfrontiert?
Deutsche Verlage beschweren sich oft darüber, dass sie von ihren chinesischen Partnern keine zeitgerechten Antworten auf ihre Fragen erhalten. Darüber hinaus ist die Zahlungsmoral in China oft nicht so, wie wir es in Deutschland gewohnt sind. Auch wird die Termintreue in China nicht immer so ernst genommen. Geschäftsverhandlungen sind meistens nicht so direkt wie in Deutschland oder im Westen üblich. Was Lizenztitel angeht, so sehen sich deutsche Verleger natürlich auch einer übermächtigen Konkurrenz englischsprachiger Verlage gegenüber. Wenn man sich in China stärker engagieren will, sprich ein Büro eröffnen, kommen natürlich auch eine Reihe bürokratischer Hürden dazu.
Was ist im deutsch-chinesischen Buchhandel noch besonders entwicklungsbedürftig?
Verständnis, das ist sicher die wichtigste Sache im Lizenzgeschäft. Insgesamt muss noch viel mehr Marketing für deutschsprachige Publikationen gemacht werden, die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die Zahl der Deutschlerner, die auch wirklich deutsche Bücher lesen – und übersetzen – steigt. Austausch – ein weiterer Aspekt. Für deutsche Verlage ist China einer der wichtigsten Abnehmer für Lizenzen – umgekehrt sieht es ganz anders aus. Im Moment betreibt die chinesische Regierung – auch für Verlage – eine Going-Out Politik – ein Programm, das Übersetzungsförderung vorsieht. Dies könnte von chinesischer Seite noch viel stärker gefördert werden.
Was wünschen Sie sich für den chinesischen Gastlandauftritt 2009 in Frankfurt?
Ich freue mich riesig, dass es nun endlich zum Gastlandauftritt Chinas auf der Frankfurter Buchmesse kommt. Ich wünsche mir, dass diese Chance von allen Verlagen in China wahrgenommen wird und wir einen quantitativ und qualitativ tollen Auftritt bekommen. Außerdem hoffe ich, dass wirklich nachhaltige Beziehungen zu deutschen Verlagen durch diesen Auftritt geknüpft werden. Ganz besonders wünsche ich mir natürlich, dass auch in Deutschland chinesische Autoren stärker wahrgenommen werden – mit Nachhaltigkeit. Es ist ein sehr spannendes Unterfangen!
Das Interview führte Martin Zähringer,
freier Journalist, Berlin
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Dezember 2007
















