Literatur/ Sprache

Das blaue Sofa - Ein literarischer Dialog zwischen Zhang Yueran und Judith Hermann

Judith Hermann & Zhang Yueran © Bertelsmann Direct Group
Judith Hermann & Zhang Yueran © Bertelsmann Direct Group
Judith Hermann und Zhang Yueran auf der Buchmesse in Peking

Zhang Yueran (*1982) veröffentlichte schon mit 14 Jahren erste Aufsätze in renommierten Literaturzeitschriften. Sie gilt in China als junges literarisches Talent und wird vor allem von jungen Leuten gelesen. In ihrem neuesten Roman Vogel unter Eid verarbeitet sie ihre Erlebnisse in Singapur, wo sie Informatik studierte. Das Buch entwickelte sich innerhalb eines Monats zum Bestseller und soll einem Musical als Vorlage dienen.

Judith Hermann (*1970) entdeckte während ihrer journalistischen Ausbildung in den USA die Kurzgeschichte als ihr Genre. Ihr erster Erzählband Sommerhaus, später wurde von der Kritik enthusiastisch aufgenommen und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie habe mit ihren lakonischen Berlin-Geschichten „den Sound einer Generation“ verkörpert, schrieb der Kritiker Hellmuth Karasek. Erst 2003 folgte ihr zweiter Erzählband Nichts als Gespenster, diesmal mit Geschichten aus aller Welt. Judith Hermann lebt in Berlin.

Über Frauenliteratur

Zhang: Unter „Frauenliteratur“ verstehe ich Literatur, die von Frauen geschrieben wurde. Mir bedeutet dieses Etikett nicht sehr viel, es beinhaltet keine besonderen Unterscheidungsmerkmale. Trotzdem denke ich, dass Schriftstellerinnen die weibliche Psyche vielleicht besser verstehen als ihre männlichen Kollegen.

Hermann: Ich denke „Frauenliteratur“ beschäftigt sich immer mit dem Thema der Frau, das kann also auch Literatur sein, die von Männern geschrieben wurde.

Schreiben aus Einsamkeit

Zhang: Dass ich mit 14 Jahren die ersten Geschichten veröffentlichte, betrachte ich nicht als den eigentlichen Anfang meiner Schriftstellerei. Wirklich zu schreiben habe ich begonnen, als ich mit 19 Jahren nach Singapur ging. Ich war in einer neuen Umgebung und ich merkte, dass ich mir mit den Menschen um mich herum nichts zu sagen hatte. Die Einsamkeit, die ich dort empfand, hat mich zum Schreiben gebracht.

Hermann: Ich habe Ähnliches erlebt. Mit 25 ging ich als Korrespondentin nach New York. Ich hatte erwartet, dass ich meiner Heimat keine Träne nachweinen würde, aber dann packte mich das Heimweh. Ich fing an zu schreiben, schrieb alles nieder, was ich sah und erlebte. Für mich hat der Vorgang des Protokollierens von Erlebnissen an sich etwas Verdrängendes. Das Schreiben war meine Triebkraft in der Fremde. Ich habe Briefe an Freunde und Verwandte geschickt. Vor allem habe ich bildhafte Szenen festgehalten. Ein Beispiel: Auf dem Weg zur Arbeit kam ich immer an einer Kreuzung vorbei. Jeden Tag stand dort ein junger Inder, der Zettel verteilte. Darauf stand sein Name und, dass er neue Freunde suche. Ich hätte zu gerne gewusst, ob sich jemand bei ihm gemeldet hat.

Zhang: In Zeiten extremer Einsamkeit habe ich vor allem über die Vergangenheit geschrieben. Plötzlich konnte ich mich wieder an alles erinnern, mein früheres Leben stand mir ganz deutlich vor Augen.

Hermann: Ich habe ebenfalls viel über Vergangenes nachgedacht und sogar davon geträumt. Aber das war eher wie ein Abschied von der Vergangenheit. Das Jahr in New York wurde zum Wendepunkt in meinem Leben. Für mich geht es beim Schreiben um die Zukunft. Wann in mir der Wunsch aufkommt, etwas zu Papier zu bringen ist für mich völlig unvorhersehbar, deswegen finde ich es auch seltsam, wenn Schriftsteller schon heute wissen, über was sie in zehn Jahren schreiben werden.

In der Kneipe jobben

Zhang: Meine Sturm- und Drangphase liegt beim Schreiben bereits hinter mir. Am Anfang wollte ich mein Leben ganz der Literatur widmen. Aber selbst wenn du das tust, heißt das nicht, dass die Literatur dich auch will, soviel habe ich mittlerweile verstanden. Der einzelne Mensch ist gegenüber der Literatur winzig. Sie nimmt sich das Beste von jedem und speist es in ihren langen Fluss ein. Wenn ich mit dem Schreiben aufhören würde, könnte ich mir vorstellen in einem Café oder einer Kneipe zu bedienen, jeden Tag auf fremde Menschen zu treffen, ganz unverbindlich.

Hermann: Ich habe früher zehn Jahre als Bedienung in drei verschiedenen Bars gearbeitet, um mir mein Studium zu finanzieren. Bei diesem Job kann man viel über Menschen und ihre Geschichte erfahren. Ich habe vollsten Respekt für diesen Beruf. Du triffst jeden Tag auf alle möglichen Leute. Manche sitzen an der Bar und signalisieren, dass sie nicht mit dir reden wollen, andere breiten ihr ganzes Leben vor dir aus. Dann gibt es noch Stammgäste, mit denen du dich ohne Worte verständigen kannst. In der Kneipe habe ich mich schon viele Male verliebt.

Schreiben und Fantasie

Zhang: Ein Buch braucht Fantasie. Ich stecke mitten im Alltag, da habe ich keine Möglichkeit, ein Erlebnis direkt aufzuschreiben oder auf dem Papier auszugestalten. Die Geschichten bleiben im meinem Kopf und entwickeln sich dort zu etwas Neuem, meine Erfahrungen gehen immer durch meine Fantasie.

Hermann: In diesem Punkt unterscheiden wir uns. Ich arbeite nicht so sehr mit meiner Fantasie, sondern konzentriere mich auf das, was ich wirklich erlebt oder gehört habe. Manchmal habe ich regelrecht Angst vor der zügellosen Fantasie, dass ich sie bewusst in Zaum halten möchte.


Dieser Dialog wurde u.a. von der Bertelsmann Direct Group und dem Buchinformationszentrum (BIZ) Peking gesponsert, die freundlicherweise die chinesischen Mitschriften der Gespräche zur Verfügung gestellt hat.
Redaktion: Dr. Wang Ge
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Bertelsmann AG / Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
September 2007

    litrix.de: German literature online

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    Buchmesse Frankfurt 2009: China finanziert Übersetzung chinesischer Bücher ins Deutsche.