Das blaue Sofa: Ein literarischer Dialog zwischen Professor Chen Xiaoming und Dr. Eberhard Falcke

Prof. Dr. Chen Xiaoming (*1952) ist Literaturkritiker und Professor für chinesische Literatur an der renommierten Peking Universität. Sein Forschungsgegenstand ist die chinesische Avantgardeliteratur sowie die Postmoderne.Dr. Eberhard Falcke arbeitet als freier Literaturkritiker und Journalist für Presse und Hörfunk, unter anderem für DIE ZEIT, Deutschlandradio und den Bayerischen Rundfunk. Er lebt in München.
Die aktuelle Literaturszene
Falcke: Beeinflusst von der 68er-Bewegung war die deutsche Literatur in den 60er und 70er Jahren ziemlich politisch und am Puls der Zeit. In den 80er Jahren sind dann viele postmoderne Werke erschienen, die formale Experimente wagten. Die Literatur des neuen Millenniums zeichnet sich durch ein spontanes, authentisches Schreiben aus. Die Inhalte sind dichter und es findet eine Reflexion der Werte statt.
Chen: Die chinesische Literatur war zwischen den 50er und den 70er Jahren den Ansprüchen des sozialistischen Realismus unterworfen. Das Schreiben war stark politisiert und erfuhr natürlich eine Prägung durch die besondere historische Situation des Kalten Krieges. In den 80er Jahren machte die Literatur Vorstöße Richtung Avantgarde und begann ihr Augenmerk mehr auf literarische Qualitäten zu legen. Nach den 90er Jahren aber ist die Luft raus. Es gibt zwar einige interessante Werke, aber man kehrt wieder zum Realismus zurück. Hinzu kommt, dass der Markt den Ton angibt. Das zehrt an der literarischen Qualität und Reflexion.
Falcke: Leute die sich mit Literatur auseinander setzen stehen vor einem Paradoxon: Einerseits möchte man die Fesseln der Gesellschaft abschütteln und rein literarisch arbeiten. Andererseits ist die Literatur aber immer in einen gesellschaftlichen Kontext eingebettet. Vielleicht ist das aber auch ein künstliches Problem mit dem wir uns das Leben unnötig schwer machen. Schriftsteller machen sich darüber nicht unbedingt Gedanken, aber wir Kritiker denken leicht in diesen Schubladen.
Fiktion und Realismus
Chen: Auch auf das Risiko hin, dass ich mir den Unwillen der meisten Kritiker zuziehe: Ich bin ich der Meinung, dass die Tragik der chinesischen Literatur in ihrer Bindung an den Realismus liegt. Die Literatur ist insgesamt zu schwer, zu nah an der Realität, zu intensiv. Nachdem ich in einem Sammelband deutschsprachiger Erzähler die Geschichte Herzbube von Christoph Peters gelesen habe, habe ich den Eindruck, dass deutschsprachige Schriftsteller Leichtigkeit, Fiktion und einen assoziativen Raum beherrschen.
Falcke: Sie sprechen ein gemeinsames Verlagsprojekt über zeitgenössische Literatur aus Deutschland und China an. Derselbe Herausgeber hat auch 2003 in Deutschland unter dem Titel Das Leben ist jetzt neue Erzählungen aus China verlegt. Ich habe das Buch gelesen und ich kann Sie trösten. Die chinesische Literatur unterscheidet sich von der deutschen zwar in der Herangehensweise, aber die Geschichten und der Erzählfluss sind durchaus fesselnd. Gerade haben Sie den Diskurs über Realismus und Fiktion erwähnt. Angesichts des radikalen Umbruchs, in dem sich die chinesische Gesellschaft befindet, geht es sicherlich auch für die Schriftsteller ans Eingemachte. Das provoziert heftigere und direktere Reaktionen und mag der Grund für den Realismus und die Schwere der chinesischen Literatur sein.
Foren der Literaturkritik
Falcke: In Deutschland werden die Schlachten der Literaturkritik hauptsächlich in den Printmedien ausgefochten. Die regionalen und überregionalen Zeitungen und Zeitschriften bieten in Feuilletons und Literaturbeilagen der Literaturkritik ein Forum. Zusätzlich zu den Printmedien gibt es noch feste Literaturprogramme in Funk und Fernsehen. Außerdem existieren neben den populären Medien noch einige literarische Fachzeitschriften mit sehr kleiner Auflage. Sie werden entweder von Schriftstellervereinigungen herausgegeben oder sind Organe speziell akademischer Literaturkritik.
Chen: Der Begriff der Literaturkritik ist in China nicht so eindeutig festgelegt und nicht immer umfasst sie professionelle Buchrezensionen. Medien wie beispielsweise die chinesischen Abendzeitungen bringen erst seit Mitte der 90er Jahre von Fachleuten verfasste Rezensionen. Aufsätze mit literaturwissenschaftlichem Hintergrund werden als Literaturkritik gesehen. Bei Zeitschriften, die offizielle Literaturkritik veröffentlichen, schreiben meist Akademiker oder Professoren.
Falcke: Vor der Wiedervereinigung wurde in Westdeutschland die Vielfalt von Kunst und Literatur groß geschrieben. Die große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften machte es möglich, dass man als Literaturkritiker gut leben konnte. In der ehemaligen DDR hingegen war die Literaturkritik zum Großteil in der Hand der Feuilletonredaktionen offizieller Zeitungen, sie folgte einer politischen Linie und hatte deshalb keinen weit reichenden Einfluss.
Ist die reine Literatur tot?
Falcke: Obwohl Susan Sonntag und Hans Magnus Enzensberger jeweils die Literatur für tot erklärt haben, ist dieser Tod nie wirklich eingetreten und keiner hat der These Glauben geschenkt. Trotz allem steht diese Frage weiter im Raum. Heutzutage orientieren sich die Verleger am Markt und eine vollkommen selbstbezogene, „reine“ Literatur verkauft sich schlecht. Das ist vielleicht die Ursache für das Aufkommen von Ersatzprodukten wie die Online-Literatur. Literatur bekommt heute außerdem immer mehr multimediale Konkurrenz. Musik übers Handy, Computerspiele und alle möglichen Formen von Unterhaltungsliteratur aus dem Internet bringen die „reine“ Literatur ohne Frage in Bedrängnis.
Chen: In China konnten sich niemals Räume für eine individuelle Literatur etablieren, höchstens gegen Ende der 80er Jahre gab es da eine kurze Zeit. Sie haben gerade davon gesprochen, dass die Online-Literatur zu einer Plattform für persönliches Schreiben wird. Die Online-Literatur in China ist extrem jung und sehr gefühlsgeladener, aber der literarischer Anspruch und die ernsthafte Auseinandersetzung kommen in ihr zu kurz.
Falcke: Bei uns in Deutschland beobachten wir das Phänomen, dass ständig neue Literatur auf den Markt drängt. Die Kritik hat auch ab und zu Anlass, über einen Geniestreich zu jubeln. Das erste Buch eines Schriftstellers mag zum Beispiel außergewöhnlich gut sein, aber dann gerät sein Name schnell in Vergessenheit, weil er nichts Adäquates nachlegt. In der Zeit von den 50er bis 70er Jahren genossen viele Schriftsteller eine stabile Reputation und Autorität. Die Schriftsteller von heute haben Erfolge, aber das heißt noch nicht, dass sie fest im Sattel sitzen.
Literarische Empfehlungen
Falcke: Meine Empfehlungen sind die Bücher von Peter Stamm, Judith Hermann, Christoph Peters und Tanja Dückers.
Chen: Ich persönlich schätze Mo Yan und Dong Xi. Am liebsten aber ist mir Yan Lianke. (Yan Liangkes 2007 auch ins Deutsche übersetzte Buch Dem Volke dienen, wurde aufgrund eines kritischen Maobildes in China verboten und kann nur noch im Internet gelesen werden; Anmerkung der Übersetzerin)
Dieser Dialog wurde u.a. von der Bertelsmann Direct Group und dem Buchinformationszentrum (BIZ) Peking gesponsert, die freundlicherweise die chinesischen Mitschriften der Gespräche zur Verfügung gestellt hat.
Moderation und Redaktion: Dr. Wang Ge
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Bertelsmann AG / Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2007
Übersetzung: Julia Buddeberg
Copyright: Bertelsmann AG / Deutsch-Chinesisches Kulturnetz
August 2007















